Vermutlich lässt sich die entgangene Prämie von 12,5 Millionen Euro für den Einzug ins Halbfinale der Königsklasse noch am ehesten verschmerzen beim FC Bayern. Immerhin hat der Club mit Einnahmen von 89,02 Millionen Euro sowie einer zweistelligen Millionensumme am Saisonende aus der internationalen Vermarktung auch in dieser Champions-League-Saison einen guten Schnitt gemacht.
National betrachtet, kann den Münchnern auch deshalb keiner mehr das Wasser reichen. So strebt der Club unaufhaltsam in Richtung der zehnten deutschen Meisterschaft in Serie. Doch auf europäischem Parkett hat die Reputation des FCB am Dienstagabend weiteren Schaden genommen. Denn zum vierten Mal in den vergangenen sechs Jahren kamen die Münchner nicht über das Viertelfinale hinaus. „Bei Bayern wog der Name mehr als die Ideen“, schrieb daher die spanische „Marca“ – und die englische „Sun“ ätzte: „Bayern erleidet gegen ein Aschenputtel eine der peinlichsten Niederlagen seiner glorreichen Geschichte.“
Selbstsicher aufspielende Spanier
Tatsächlich klaffen Anspruch und Realität weit auseinander. „Das Halbfinale ist für uns ja immer das Minimalziel“, suchte der Trainer Julian Nagelsmann nach dem Aus gegen den FC Villarreal dann auch nicht lange nach Ausreden. FC-Joker Samu Chukwueze (88.) hatte die Führung von Robert Lewandowski (52.) spät zum 1:1 ausgeglichen. Dass es sich bei den Spaniern, die auch vor 70 000 Zuschauern in der Allianz-Arena selbstsicher auftraten, nicht um ein internationales Schwergewicht handelt, macht das Ausscheiden doppelt bitter.
So war es Nagelsmann, der sich und seinem Team letztlich die Note „nicht ausreichend“ verpasste. „Ich weiß nicht, was da auf mich zurollt. Angst habe ich nicht, es gibt Schlimmeres“, sagte Julian Nagelsmann zur nahen Zukunft. Sein Premierenjahr in München ist allerdings schon jetzt ein verpatztes.
Da hilft es auch nicht viel weiter, dass der Vorgänger Hansi Flick in seinem letzten Bayern-Jahr mit einem Zweitrunden-Aus im Pokal und einer Viertelfinal-Pleite in der Königsklasse gleich schlecht abschnitt.
Keine Konstanz im Team
Denn Flick hatte zuvor das Triple geholt – und Nagelsmann steht aktuell einem gefrusteten Team vor, das auf einen größeren personellen Umbruch zusteuert. Auch, weil ihm Corona-Infektionen sowie die mangelnde Breite des Kaders einen Strich durch die Rechnung machten, bekam der 34-jährige Erfolgscoach keine Konstanz ins Team. Oft änderte der Trainer die Taktik, einige Male war er dabei durch Ausfälle zum Improvisieren gezwungen. Klar ist unterm Strich: Die Münchner benötigen neue Impulse.
„Wir haben Robert auf jeden Fall noch eine Saison bei uns. Wir wissen, was wir an ihm haben“, sagte derweil der Clubchef Oliver Kahn – und bereitete damit den Spekulationen über einen Wechsel von Torjäger Robert Lewandowski zum FC Barcelona ein jähes Ende. Und dennoch zeigte die Partie gegen das gelbe U-Boot vom FC Villarreal, dass am Kader der Bayern dringende Renovierungsarbeiten anstehen. Dabei dürften Mittelfeldspieler Ryan Gravenberch und Rechtsverteidiger Noussair Mazraui von Ajax Amsterdam, mit denen Einigkeit bestehen soll, nicht die beiden einzigen Neuzugänge bleiben. „Wenn der Anspruch des Vereins der gleiche ist, dann werden auch wir uns wie alle europäischen Topclubs umschauen müssen“, sagte Nagelsmann.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was im Endspurt für den VfB spricht – und was gegen ihn
Schließlich ist die langfristige Zukunft des Quartetts mit Lewandowski, Müller, Serge Gnabry und Manuel Neuer, deren Verträge alle 2023 auslaufen, weiter ungeklärt. Obendrein sind die Formschwankungen vieler Stars zu groß: So agierten neben Lewandowski, der in beiden Spielen nur bei seinem Treffer zum 1:0 in Erscheinung trat, mit Thomas Müller und Leroy Sané weitere Offensivkräfte viel zu schwach. Während in der Schaltzentrale sowohl Leon Goretzka wie auch Joshua Kimmich um den Anschluss an die alte Form ringen, agierte die Abwehr führungslos. „Es fehlt der Organisator der Abwehr. Der ist nun leider transferiert zu Real Madrid“, sagte der Ex-Clubchef Karl-Heinz Rummenigge, der dem abgewanderten David Alaba als Führungsfigur auf dem Platz und in der Kabine nachtrauert.
Kahn ist mit der Einstellung zufrieden
Vom Willen her wollte Vorstandschef Kahn den Spielern keinen Vorwurf machen. „Wir werden jetzt nicht in Tränen ausbrechen, die Mannschaft hat alles reingehauen“, sagte der einstige Nationaltorwart, der offenbar eingesehen hat, dass die Qualität des aktuellen Kaders nicht mehr hergibt.