Nach Bluttat in Rot am See Kriminologin: So fühlen sich Täter, die ihre Familie auslöschen

Von red/dpa 

Was bringt Menschen dazu, ihre Familie auszulöschen? Eine Expertin sagt: Meist liegt eine bestimmte Grundkonstellation vor.

Der mutmaßliche Täter in Rot am See war legal im Besitz einer halbautomatischen Pistole. Foto: dpa/Tom Weller
Der mutmaßliche Täter in Rot am See war legal im Besitz einer halbautomatischen Pistole. Foto: dpa/Tom Weller

Gießen/Rot am See - Täter, die ihre Familie auslöschen, fühlen sich der Kriminologin Britta Bannenberg zufolge oft gedemütigt, nicht anerkannt und unverstanden. „In der Regel sind diese Menschen außergewöhnlich kränkbar“, sagte die Professorin an der Universität Gießen der Deutschen Presse-Agentur. In Rot am See soll ein 26-Jähriger sechs Familienmitglieder, darunter seine Eltern, erschossen haben. Ein solches Verbrechen sei ein „ultimatives Zeichen verletzter Ehre“ eines psychisch auffälligen Menschen, erläuterte Bannenberg.

Die Juristin sieht Unterschiede zu einem Amoklauf gegen Fremde wie etwa in Winnenden vor zehn Jahren. „Zwar gibt es häufig Konfliktlagen, die länger schwelen, aber in der Regel sind solche Taten nicht lange geplant wie Amokläufe gegen Unbekannte.“ Ein Amoklauf werde häufig mit einem Suizid beendet - wie auch im Fall des Todesschützen von Winnenden. Innerfamiliäre Bluttaten seien fünf- bis sechsmal häufiger als die gegen Unbekannte, sagte die Wissenschaftlerin, die sich viel mit Amokläufen beschäftigt.

Auslöser können banal sein

Die Auslöser von „Familienauslöschungen“ könnten banal sein. Doch sie könnten zu einem Gefühl der Kränkung und zu einem Verhalten führen nach dem Motto: „Jetzt zeig ich euch mal, wozu ich fähig bin“. Fatal sei es, wenn so veranlagte Menschen im Besitz von Schusswaffen seien, wie es in Rot am See der Fall war. Der mutmaßliche Täter ist ein Sportschütze. „Das erhöht die potenzielle Gefahr, dass Konflikte mit Schusswaffen ausgetragen werden.“ Diese ermöglichten es, eine große Zahl von Menschen zu töten. Bei Messern als Tatwerkzeugen sei dies nicht im gleichen Umfang möglich.

Die Juristin betonte: „Es gibt zu viele Schusswaffen in Privatbesitz.“ Das liege auch an zu laxen Zuverlässigkeitsprüfungen der Sportschützenvereine für ihre Mitglieder. Doch wer wie sie selbst das Eindämmen des Waffenbesitzes öffentlich fordere, bekomme es mit zum Teil fanatischen Waffen-Lobbyisten zu tun. „Man wird beschimpft, beleidigt und bedroht.“ Nach ihrer Stellungnahme im Bundestag zu dem Amoklauf von Winnenden, den ein 17-Jähriger mit der Waffe seines Vaters, eines Sportschützen, verübt hatte, sei „die Hölle“ losgewesen. „Die Lobby der Sportschützen ist sehr erfolgreich.“

Nach früheren Angaben der Opferschutzorganisation Weißer Ring sind beispielsweise in Baden-Württemberg rund 700 000 legale Waffen verfügbar, darunter viele halbautomatische und großkalibrige.

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