Nach Brand in Herrenberg-Gültstein 178 Menschen stehen nachts freiwillig auf und bekämpfen die Flammen

Eine Drehleiter reichte nicht aus, um den Brand in Gültstein zu löschen. Böblingen und Aidlingen schickten zwei weitere zur Unterstützung. Foto: SDMG/ Dettenmeyer

Vor einer Woche brennt es nachts in Gültstein, 178 ehrenamtliche Feuerwehrleute rücken an. Wie gelingt es, eine so große Zahl zu aktivieren?

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Ein Feuer mitten im Herrenberger Teilort Gültstein hat vor einer Woche enormen Schaden angerichtet. Zwei Scheunen und Teile eines Wohnhauses in der Hirsauer Straße brannten nachts aus noch unbekannter Ursache. Die Polizei schätzt den Schaden auf mehr als eine Million Euro. Dass nicht noch mehr passiert ist, ist vor allem den 180 Feuerwehrleuten zu verdanken, die dort im Einsatz waren. Unter ihnen waren lediglich zwei Hauptamtliche. 178 Menschen sind also – letztendlich freiwillig – mitten in der Nacht aufgestanden, um zu helfen.

 

„Vielen ist gar nicht bewusst, dass in Deutschland 95 Prozent der Feuerwehrleute das ehrenamtlich machen“, sagt Dominik Kirgis, Pressesprecher der Herrenberger Feuerwehr und hauptberuflich Lehrer. Er zählt zu den Feuerwehrleuten, bei denen nachts gegen 3.15 Uhr der Alarm schrillte. Alle Angehörigen der Feuerwehr haben einen sogenannten Funkmeldeempfänger, der bei einem Einsatz läutet, erklärt der 41-Jährige. Auf dem Display stand: Wohnhaus brennt in Gültstein. „Da ist man sofort aus dem Bett draußen.“ Kirgis sprang ins Auto und war – so schätzt er – sechs bis sieben Minuten später an der Hauptwache in Herrenberg, zog sich um und fuhr mit dem nächsten Feuerwehrfahrzeug nach Gültstein.

Einen Schichtplan gibt es nicht

Da seien die Gültsteiner Kollegen und Herrenbergs Feuerwehrkommandant Marvin Binder bereits vor Ort gewesen. Die offizielle Hilfsfrist bei der Feuerwehr sieht laut Kirgis vor, dass spätestens zehn Minuten nach Eingang des Alarms das erste Einsatzfahrzeug am Brandort sein muss.

Der Einsatz in Gültstein zeigt exemplarisch, welche Rädchen bei einem Brand ineinandergreifen – koordiniert vom Einsatzleiter vor Ort und der Integrierten Leitstelle in Böblingen. In Gültstein weitete der Kommandant angesichts der Lage die Alarmierung schnell auf den gesamten Kreis aus und forderte beispielsweise zwei weitere Drehleitern an, berichtet Kirgis. Die Leitstelle wiederum weiß, wo noch Drehleitern verfügbar sind, und schickte eine aus Böblingen sowie eine aus Aidlingen nach Gültstein.

Rechts ist die Scheune beinahe ausgebrannt, links verschlingt das Feuer gerade die zweite Scheune. Foto: SDMG/Dettenmeyer

Doch wie gelingt es, dass auch genügend Einsatzkräfte da sind? Einen Schichtplan gibt es laut Kirgis nicht. Stattdessen würden so viele Retter alarmiert, dass am Ende ausreichend da seien. Für den Brand in Gültstein zunächst 50 bis 60, wenig später dann mehr. Die Zahl von 180 Feuerwehrleuten lasse sich nachts vermutlich sogar leichter erreichen als tagsüber. Zwar seien die Arbeitgeber sehr kulant und Feuerwehrangehörige hätten theoretisch das Recht, ihren Arbeitsplatz für einen Einsatz zu verlassen, sagt Kirgis. Praktisch ist das aber nicht immer möglich. Kirgis etwa kann seine Schüler nicht einfach allein sitzen lassen, ein Handwerker, der an einer Gasleitung schraubt, nicht einfach gehen.

15 Stunden im Einsatz

Immerhin: Die Anzahl der ehrenamtlichen Feuerwehrleute, die in Herrenberg, inklusive Teilorte, alarmiert werden können, ist mit knapp 400 vergleichsweise hoch. In Sindelfingen sind es beispielsweise rund 200, in Böblingen etwa 157 ehrenamtliche Kräfte – obwohl die Städte mehr Einwohner als Herrenberg haben. Kirgis erklärt diesen Unterschied mit der ländlichen Prägung Herrenbergs. „Da gehört es einfach noch dazu, dass man zur Feuerwehr geht.“ Allerdings nähere sich die Herrenberger Wehr trotz hoher Mitgliederzahl ihrer Belastungsgrenze. 428 Mal habe sie dieses Jahr bereits ausrücken müssen – also mehr als einmal pro Tag.

Warum tut man sich das an? „Viele sind schon in der Jugendfeuerwehr und wachsen da rein“, sagt Kirgis. Außerdem sei es „ein verdammt gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man jemandem helfen konnte.“ So wie in Gültstein – wo der Einsatz schlussendlich circa 15 Stunden dauerte und die Feuerwehr noch mehrmals zum Nachlöschen anrücken musste.

Weshalb es gebrannt hat, ist noch unklar. Bislang deutet laut einer Polizeisprecherin nichts auf Brandstiftung hin, die Ermittlungen dauern allerdings noch an. Verletzt wurde bei dem Brand niemand, doch der Schreck war groß. Eine sechsköpfige Familie musste ihr Wohnhaus verlassen, Anwohner retteten zwei Pferde aus einer der Scheunen. Die Familie kam in einer städtischen Unterkunft unter. Wann und ob sie in das Haus zurückkehren kann, ist unklar. Die Familie habe aber eine Wohnung in Aussicht, in die sie im November einziehen könne, teilt Stadtsprecherin Tilla Steinbach mit.

Feuerwehr im Einsatz

Feuerwehr
Berufsfeuerwehren sind in Baden-Württemberg erst ab einer Einwohnerzahl von 100 000 Pflicht. Die Zahl hauptamtlicher Kräfte bei den Freiwilligen Feuerwehren wiederum berechnet sich nach örtlichen Begebenheiten.

Entschädigung
Die Aufwandsentschädigung für die Einsätze variiert. In Herrenberg gibt es für die erste Stunde 15 Euro und für jede weitere zwölf. In Böblingen beispielsweise sind es 16,50 Euro pro Stunde.

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