Für die einen kam es überraschend, die anderen haben es schon geahnt: Die Rottenburger haben sich am Sonntag gegen ihre Verwaltung und den Gemeinderat gestellt. Deren Beschluss, den örtlichen Schlachthof aufzugeben, wurde per Bürgerentscheid gekippt. Das könnte weit reichende Folgen für den Neustart des Gärtringer Schlachthofes haben.
Was hat der Schlachthof in Rottenburg mit dem Schlachthof in Gärtringen zu tun? Das Sanierungskonzept des im September 2020 geschlossenen Gärtringer Schlachthofes sieht unter anderem vor, dass in Zukunft die Tiere aus dem Kreis Tübingen in Gärtringen geschlachtet werden- das wären rund 10 bis 15 Prozent aller Tiere. Im Gegenzug sollte der marode und mitten im Stadtzentrum gelegene Rottenburger Schlachthof geschlossen werden.
Wie hat Rottenburg abgestimmt? Das Ergebnis war deutlich: 80,9 der Wählenden haben für einen Erhalt des Schlachthofes gestimmt. Das waren 33,5 Prozent aller Wahlberechtigten. Bereits 20 Prozent hätten für den Erfolg des Bürgerentscheids ausgereicht.
Welche Folgen hat das für Gärtringen?
Die Folgen waren am Montag noch nicht abzuschätzen, könnten aber dazu führen, dass eine Wiedereröffnung des Gärtringer Schlachthofes damit vom Tisch ist. Zwei Schlachthöfe in nächster Nähe wären wohl kaum wirtschaftlich zu betreiben. Das Problem ist aber auch finanzieller Art: Rottenburg und der Landkreis Tübingen haben sich verpflichtet, gemeinsam eine Million Euro zur Sanierung des Gärtringer Schlachthofes beizutragen. Dieser fehlende Betrag könnte nun das Finanzierungskonzept zu Fall bringen. Gefordert seien jetzt der Landkreis Böblingen und die Betreiber, erklärt das Stuttgarter Landwirtschaftsministerium: „Welche weiteren Auswirkungen diese neue Sachlage auf den Umbau und die Realisierung des Neustarts am Schlachthof Gärtringen hat, muss nun von den Verantwortlichen vor Ort bewertet und in ein neues Konzept eingearbeitet werden“, heißt es aus dem Ministerium.
Warum wurde der Gärtringer Schlachthof geschlossen? Im Sommer 2020 veröffentlichte die Tierschutzorganisation „Soko Tierschutz“ Videoaufnahmen aus der Einrichtung, die massive Verstöße gegen den Tierschutz zeigte. Unter anderem wurden die Schlachttiere nicht richtig betäubt und auf dem Weg zur Schlachtbank misshandelt. Die verantwortlichen Veterinäre des Böblinger Landratsamtes schauten offensichtlich weg. Landrat Roland Bernhard zog die Konsequenzen aus dem Skandal und schloss den Schlachthof im September 2020. Der bisherige Geschäftsführer trat zurück, das Landratsamt trennte sich von den verantwortlichen Veterinären.
Wie sieht der Plan für einen Neustart in Gärtringen aus? Der Landkreis möchte einen Vorzeige-Schlachthof mit moderner Einrichtung schaffen, in dem die Tierwohlvorgaben übererfüllt werden. Betreiben wird den Schlachthof eine neu gegründete Genossenschaft, die aus regionalen Metzgern und Bauern besteht. Die Pläne sind bereits weit gediehen. Der Beginn des Umbaus wurde wegen ungelöster Finanzierungsfragen mehrfach verschoben – zuletzt wegen des Bürgerentscheids in Rottenburg.
Wer bezahlt den Neustart? Die derzeitigen Planungen gehen von einer Investitionssumme von 10,5 Millionen Euro aus. 3,5 Millionen soll das Land übernehmen, der Landkreis möchte drei Millionen Zuschuss und ein Drei-Millionen-Darlehen an die Genossenschaft beisteuern. Die restliche Million sollte aus Rottenburg/Tübingen kommen. Ob das Geld reicht, ist ungewiss. Die Finanzierung, so ist zu hören, sei „auf Kante genäht“.
Gibt es überhaupt noch eine Chance auf Wiedereröffnung? Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gärtringer Schlachthof wieder in Betrieb geht, hat sich nach dem Bürgerentscheid nicht erhöht. Dennoch möchte Landrat Roland Bernhard, der sich „überrascht und enttäuscht“ von dem Votum der Rottenburger zeigt, nicht aufgeben. Die „Sinnhaftigkeit“ einer tierwohlgerechten Einrichtung sei gegeben, der Standort und die Größe in Gärtringen stimmten ebenfalls. „Über den Haufen werfen“ möchte Bernhard die Planung daher nicht – obwohl der Bürgerentscheid den Gärtringer Schlachthof „ins Stolpern“ bringe, wie er einräumt. Allerdings: Um den Neustart zu schaffen, müsse die nun fehlende Million irgendwoher kommen. „Das ist nun mein Auftrag“, sagt Roland Bernhard. Die Genossen wollen erst die neue Situation beraten, bevor sie sich äußern, erklärt deren Pressesprecher Kurt Matthes.
Wie sehen die Zukunftsszenarien aus? Einen Plan B hat man im Landratsamt derzeit nicht. Der Landrat betont allerdings, dass er keine Abstriche am Tierwohl und an der Kapazität machen wolle. Keine Option ist für ihn auch, auf Gärtringen zu verzichten und sich als Juniorpartner Rottenburg anzuschließen. Dort sei das Areal viel zu klein, es geben bisher keine Planung und ob eine Finanzierung je gelinge, sei äußerst vage. Die Hoffnung des Landrats ist, dass sich nun andere Landkreise in der Umgebung finden, die sich dem Gärtringer Schlachthof anschließen und die fehlende Million finanzieren. Dass der Landkreis Böblingen das Finanzloch stopft, schließt er aus. Sicher ist: Eine weitere Verzögerung des Projektes ist unabwendbar.
Was passiert, wenn der Gärtringer Schlachthof scheitert? Für das Tierwohl und die Verbraucher wäre das die schlechteste Lösung, betont Roland Bernhard. Genosse Kurt Matthes befürchtet, dass dann in Zukunft die Tiere in Großschlachthöfe gebracht werden – und damit die Kundschaft keinen Bezug mehr zur Fleischproduktion vor Ort hat. Eine Entwicklung, die das Landwirtschaftsministerium verhindern möchte: Angesichts des zunehmenden Verbraucherinteresses an regional produzierten Lebensmitteln und im Sinne des Tierschutzes sei der Erhalt dezentraler und tierwohlgerechter, aber auch wirtschaftlich darstellbarer Schlachthöfe sehr wichtig. „Eine hofnahe Schlachtung in regionalen Schlachthöfen“, betont das Ministerium, „ist dem Land Baden-Württemberg daher ein großes Anliegen.“