Nach Bundeswehr-Abzug aus Afghanistan Tristesse in Kundus

Ein Dolmetscher (links) ist im Gespräch mit den Einheimischen unerlässlich. Foto:  
Ein Dolmetscher (links) ist im Gespräch mit den Einheimischen unerlässlich. Foto:  

Seit dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus vor einem Jahr ist die Trostlosigkeit in die umkämpfte Region zurückgekehrt – auch für damalige Helfer der deutschen Soldaten. Das frühere Feldlager verfällt zusehends trotz millionenschwerer Investitionen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Kundus - Drohungen kennt Mahad Dawin (Name geändert) aus der Zeit, als er für die Bundeswehr gedolmetscht hat, zur Genüge. In seinem ländlichen Umfeld war einfach nicht zu verheimlichen, womit er sein Geld verdient hat. Jetzt, da die Deutschen abgezogen sind, fühlt er sich in Kundus erst recht nicht mehr sicher.

Dawin glaubt, dass er auf einer imaginären Liste steht. Immerhin, er hat einen neuen Job, übersetzt nun für die Entwicklungshelfer von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die noch ein paar Projekte betreuen. Bricht er zur Arbeit auf, lässt der 31-Jährige sein Auto stehen und geht zu Fuß, um nicht aufzufallen. „Jeder denkt, dass du reich bist, wenn du für eine internationale Organisation arbeitest.“ Vor drei Wochen wurde ein Nachbarssohn gekidnappt, um Geld zu erpressen. Seither ist er selbst in Sorge um seine drei neun- bis fünfjährigen Kinder. Wenn die beiden Söhne zur Schule gebracht werden, müsse man stets ein Auge auf sie haben. Kriminelle und Taliban haben die Stadt scheinbar schon wieder im Griff. „Die Aufständischen stehen dicht vor den Toren von Kundus“, schildert Dawin. Jeden Abend, jede Nacht seien rund um die Stadt ihre Schüsse zu hören.

Viele Einheimische fühlen sich im Stich gelassen

Am 17. Oktober 2013 hat die Bundeswehr das Kapitel Kundus beendet. Elf Tage zuvor hatten gleich zwei Bundesminister das Lager feierlich den Afghanen übergeben – in einer Stimmung aus Erleichterung und schlechtem Gewissen. Thomas de Maizière, damals Verteidigungsminister, und Guido Westerwelle, der Außenminister, fanden Worte der Zuversicht. „Wir kehren den Menschen in Afghanistan nicht den Rücken“, versprach Westerwelle. Das war im Prinzip korrekt. Trotzdem fühlen sich heute viele Einheimische in Kundus im Stich gelassen.

Seither verfällt das Lager, das einst bis zu 1400 deutsche Soldaten aufgenommen hatte, zusehends. Vor zwei Wochen war Dawin zuletzt im Camp vor den Toren der Stadt. Wie in einer Wüste sehe es dort aus, sagt er. Der Staub fegt übers Gelände; fast alles, was mal grün war, ist verdorrt. Die Straßen weisen Löcher auf, Wassergräben brechen ein. „Es wirkt, als ob lange niemand mehr dort gelebt hätte.“ Ein schlimmer Zustand: die Spezialpolizei Ancop sei „nicht fähig, das Camp zu erhalten“. Dass hier, wie mal geplant, eine Polizeiakademie eingerichtet wird, ist undenkbar geworden.

Das sechs Millionen Euro teure Lazarett ist dicht

Besenrein hergerichtet hatten die Deutschen das Lager. Viele Wünsche der Nachnutzer waren bedacht worden. So wurden die festen Unterkünften zwar einfach, aber vollständig ausgestattet hinterlassen – als Zeichen des Dankes. Heute werden nur wenige der etwa 50 Gebäude noch genutzt.

14 Millionen Euro hatte die Bundeswehr im Jahr vor dem Abzug noch investiert. So wurde für 350 000 Euro eine 550 Meter lange und drei Meter hohe Mauer gebaut, um das Areal für die Ancop-Polizei und die Nationalarmee Ana zu teilen. Für Wasser und Abwasser wurden zwei Versorgungsnetze eingerichtet. Nun fließt das Wasser tagelang nicht oder nur für eine Stunde. Zudem war das Lager an das öffentliche Stromnetz angeschlossen worden, weil die Bundeswehr ihre komplizierte Technik mitnahm. Seither fällt immer wieder der Strom aus. Das Heizungssystem ist den Afghanen ohnehin fremd. Die große Kantine – bis Frühjahr 2010 für 15 Millionen Euro errichtet – war von den hochwertigen Geräten befreit und stattdessen mit traditionellen und einfach zu bedienenden Kochstellen versehen worden. Heute steht der verschlossene Küchenbau leer, allenfalls Tische und Stühle stapeln sich im Innern, wo vor gut einem Jahr noch reges Leben herrschte. Die Kochstellen werden nicht genutzt, weil sie den Einheimischen immer noch zu kompliziert erscheinen, die Kühlschränke wurden unter der Hand in der Stadt verscherbelt.Schon vor der Übergabe hatte sich abgezeichnet, dass ein Lazarettgebäude, bis Mai 2013 noch für sechs Millionen Euro erstellt, von der Bundeswehr nicht mehr in Betrieb genommen werden sollte. Doch auch die Hoffnung, dass die Bereitschaftspolizei den Komplex als – luxuriösen – Sanitätsbereich nutzen könnte, trog. Heute ist dieses Gebäude ebenso dicht. Verwundete werden zumeist in den Krankenhäusern der Stadt verarztet.

Viele Dörfer sind wieder in der Hand der Taliban

Auch der Plan, dass deutsche Soldaten aus Masar-i-Scharif kommend im Rahmen von Unterstützungsoperationen ein geschütztes Areal im Camp vorfinden sollen, ist abgehakt. Die Bundeswehr hat dem Ort komplett den Rücken gekehrt. An die 300 afghanische Polizisten und Soldaten halten sich heute in dem Feldlager auf. Sie sind damit ausgelastet, den Vormarsch der Aufständischen zu stoppen. Die Gefechte häufen sich. Im wenige Kilometer entfernten Problembezirk Chahar Darreh, wo einige deutsche Soldaten ihr Leben ließen, sind viele Dörfer wieder in der Hand der Taliban. Aufsehen erregte Mitte August eine Aktion auf einer Polizeistation, wo die Extremisten für ein paar Stunden ihre weiße Flagge hissen konnten. Auch Bundeswehreinheiten haben hier noch vor gut einem Jahr übernachtet.

Bis Oktober 2013 war der Aufschwung in Kundus sichtbar – seither mussten viele Kleinbetriebe gerade der Bauwirtschaft schließen. Die Angst vor Kriminalität und Anschlägen scheint jegliche Aktivität zu ersticken. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit trägt zur Resignation bei und verschafft den Taliban neuen Zulauf – denn sie zahlen so gut, dass etliche Bewohner die Seiten wechseln.




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