Rainer Schimpf ist der Leiter der Ausstellung „Frei Schwimmen“ im Haus der Geschichte. Zum Thema Badekleidung hat er eine klare Haltung (rechts: Symbolbild). Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Rolf Haid/dpa
In einem Freibad in Lörrach sind keine Burkinis mehr erlaubt. Der Leiter der Stuttgarter Ausstellung „Frei Schwimmen“ erklärt, was ihn an den Debatten um Badekleidung stört.
Was der Stuttgarter Ausstellungsleiter von dem Burkini-Verbot hält
Überrascht es Sie, dass das Verbot von Ganzkörper-Burkinis und Schlabberhosen in Lörrach eine bundesweite Debatte ausgelöst hat?
Nein. Vor allen Dingen der Burkini ist ein Thema, das bei sehr vielen Menschen Emotionen auslöst. In unserer Ausstellung zeigen wir einen schwarzen Burkini. Inzwischen ist dieses schwarze Stück Stoff fast schon eine Art rotes Tuch geworden. Ich erlebe es immer wieder, dass Besucherinnen und Besucher sagen, sie hätten dazu ein zwiespältiges Gefühl.
Inwieweit die offizielle Begründung mit der Hygiene für das Verbot in Lörrach nachvollziehbar ist, das lasse ich dahingestellt. Aber ich vermute, dass dort auch andere Themen mitverhandelt werden.
Ich wäre dafür, es den Menschen so weit wie möglich selbst zu überlassen, was sie anziehen wollen. Sicherlich muss es Einschränkungen geben. Niemand sollte mit Straßenkleidung ins Wasser springen. Und es gibt gute Gründe, FKK-Bereiche vom Rest der Schwimmbäder zu trennen. Aber innerhalb solcher Grenzen wäre ich für einen möglichst großen Freiheitsraum. Denn Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie von ihrem Körper zeigen wollen.
Einerseits wird in Lörrach der Burkini verboten, andererseits ist das oberkörperfreie Baden von Frauen vielerorts ein Streitthema. Sehen Sie hier einen Zusammenhang?
Ja. An beiden Debatten stört mich – und ich sage das bewusst als Mann –, dass Männer darin oft das letzte Wort haben. Diese Themen werden nicht zuletzt in Gemeinderäten entschieden, häufig mit männlichen Mehrheiten.
Bademode im Wandel der Zeit: die Ausstellung „Frei Schwimmen“ im Haus der Geschichte. Foto: Ferdinando Iannone
Dabei sollten eigentlich Frauen darüber entscheiden. Frauen sind nach wie vor das Objekt von männlichen Blicken. Frauen werden nach wie vor belästigt und in ihrer sexuellen Selbstbestimmung durch Männer eingeschränkt. Wir Männer sollten es Frauen überlassen, wie sie sich im Schwimmbad zeigen wollen.
Wo liegen die historischen Ursprünge der Debatten um Badebekleidung?
Anfang des 19. Jahrhunderts baden die Menschen häufig nackt außerhalb der Städte, in den Flüssen und Seen. Mit dem Aufkommen der ersten Bäder nimmt allerdings eine gegensätzliche Entwicklung Fahrt auf. Körper – insbesondere weibliche Körper – werden versteckt. Frauen müssen hinter blickdichten Bretterbuden schwimmen und sind selbst dort noch mit Röcken und Hemden bekleidet. Erst in den Familienbädern der Weimarer Republik schwimmen Männer und Frauen gemeinsam. In dieser Zeit gleicht sich auch die Bademode an und ist kaum noch als männlich oder weiblich zu identifizieren.
Liberalisierung zu Zeiten der Weimarer Republik: das Inselbad in Untertürkheim im Jahr 1927. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg/Sammlung Gebr. Metz
Ändert sich das im Nationalsozialismus wieder?
Die Nazis gehen hier eher noch einen Schritt weiter. Ab Anfang der 1930er Jahre kommen zweiteilige Badeanzüge für Frauen auf. Das ist noch nicht der Bikini, aber es führt schon in die Richtung. Insofern muss man sagen: Freizügige Bademode ist nicht gleichzusetzen mit einem freizügigen politischen System.
Wie ordnen Sie die heutige Situation ein?
Heute geht es um die Frage, welche Vorstellung von Freiheit uns am wichtigsten ist. Heißt Freiheit, dass jede Gruppe für sich eigene Schwimmzeiten beanspruchen kann, dass wir das metaphorische gemeinsame Becken aufteilen? Oder wollen darin alle zusammen baden – mit all den Konflikten, die vielleicht damit einhergehen?
Wie sieht Ihre Idealvorstellung der Badekultur aus?
Meine Präferenz wäre es, das gemeinschaftliche Baden zu fördern. Denn das Gegenstück ist die Aufgabe des öffentlichen Raums. Das führt letzten Endes in eine starke Privatisierung, in eine Pool-Landschaft. In der Ausstellung zeigen wir ein Video von einem Gast aus dem Inselbad in Untertürkheim. Darin drückt er den Wunsch aus, dass das gemeinsame Baden als demokratischer Wert verstanden werden sollte. Ich sehe das ähnlich.
Das erfordert ein hohes Maß an Toleranz, auch mit Blick auf Badebekleidung. Um Rosa Luxemburg zu paraphrasieren: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersbadenden. Die Badebekleidung anderer Personen muss mir nicht gefallen, aber ich sollte sie tolerieren.
Die Ausstellung „Frei Schwimmen“:
Ort: Haus der Geschichte, Konrad-Adenauer-Straße 16, 70173 Stuttgart
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag sowie an Feiertagen 10-18 Uhr; Donnerstag 10 bis 21 Uhr; Montag geschlossen
Dauer der Ausstellung: noch bis zum 14. September 2025
Eintritt: freier Eintritt bis zum 31. August; ab dem 2. September: Erwachsene sechs Euro, ermäßigt drei Euro