Nach Datenrecherche zur E-Mobilität Leitstelle ändert Zahlen zur Leistung von Ladesäulen

Von der Leistung der Ladesäule hängt ab, wie schnell ein E-Auto geladen werden kann. Foto: dpa/Georg Wendt

Wie viel Strom für E-Autos liefern die öffentlichen Ladesäulen in Deutschland ? Eine Datenrecherche unserer Redaktion zeigt: Die Nationale Leitstelle für Ladeinfrastruktur hat dazu bisher recht hohe Zahlen veröffentlicht – doch in der Realität ist deutlich weniger Ladeleistung gleichzeitig verfügbar.

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Die Leitstelle des Verkehrsministeriums hat in der Frage, wie viel Strom die Ladesäulen in Deutschland insgesamt liefern können, bisher eine deutlich höhere Zahl veröffentlicht, als die Ladesäulen tatsächlich an Leistung abrufen können. Das zeigt eine Datenrecherche unserer Zeitung. Als Antwort auf eine entsprechende Anfrage hat die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur nun angekündigt, ihre Berechnungsweise ändern zu wollen. Die Leitstelle plant für das von FDP-Minister Volker Wissing geführte Verkehrsministerium den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

 

Laut den Monatsberichten der Leitstelle standen zum 1. Januar 2023 knapp 3,1 Gigawatt Ladeleistung an Deutschlands Straßen zur Verfügung . Doch die Bundesnetzagentur, die das Register der öffentlichen Ladesäulen führt, kam zu Jahresbeginn nur auf rund 2,47 Gigawatt.

Zahlen der Leitstelle ignorierten technisches Limit

Wie es zu der um rund ein Viertel höheren Zahl kommen konnte, erklären Berechnungen unserer Zeitung: Die Leitstelle addierte bisher die rechnerischen Maximalleistungen aller einzelnen Ladepunkte. Das bestätigt die Einrichtung der bundeseigenen Now GmbH und betont, man habe dabei vor allem die Seite der E-Autos im Blick. Allerdings befinden sich oft mehrere Ladepunkte an einer Säule, an der sie sich einen Stromanschluss teilen. Dessen Leistung reicht bei rund 30 Prozent der Säulen nicht aus, um alle Ladepunkte der Säule mit voller Leistung zu versorgen, wenn sie gleichzeitig belegt sind.

Eine Ladesäule mit einem 50-Kilowatt-Anschluss und zwei 50-Kilowatt-Ladepunkten liefert so beispielsweise nur die Hälfte, also 25 Kilowatt pro E-Auto, sofern zwei Fahrzeuge gleichzeitig laden. In der Berechnung der Leitstelle wäre die Beispielsäule bisher mit 100 Kilowatt in die Bilanz eingegangen, bei der Bundesnetzagentur richtet man sich hingegen nach den 50 Kilowatt Anschlussleistung der Säule, die im Beispiel die faktische Obergrenze bilden. Das ergebe in der Summe die „insgesamt bundesweit gleichzeitig nutzbare Leistung der Ladepunkte“, so die Bundesnetzagentur.

Grünen-Verkehrspolitiker fordert „möglichst realistisches Bild“

Als Antwort auf Fragen unserer Zeitung zu ihrer Berechnungsweise hat die Nationale Leitstelle nun angekündigt, ihr Rechenverfahren zu ändern: Man werde „die Berechnung der kumulierten installierten Ladeleistung“ anpassen. Künftig zähle die Netzanschlussleistung – und nur dann die Summe der einzelnen Ladepunktleistungen, wenn diese zusammengerechnet unter der Anschlussleistung liegen.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel sagte unserer Zeitung, für die Planung der Ladesäulen bräuchten Verwaltung und Unternehmen „verlässliche Daten“. „Aber auch die Öffentlichkeit sollte sich ein möglichst realistisches Bild über den Ausbaustand machen können“, erklärte der Verkehrspolitiker. „Insofern ist es gut, dass diese Daten zukünftig aussagekräftiger sein werden und Missverständnisse vermieden werden.“ Andreas Jahn, Energieexperte beim Thinktank Regulatory Assistance Project, sieht das ähnlich: Für die Diskussion der technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des Ladesäulenausbaus sei es „gut, Diskrepanzen auszuräumen“.

Der Bundesverband der Energieversorger (BDEW) hebt hervor, dass die bisherige Rechenweise der Leitstelle ebenfalls nachvollziehbar sei – doch der Verband selbst setzt in seiner Statistik auf die Anschlussleistung. Laut der Bundesnetzagentur ist sie für die Stromnetze der maßgebliche Wert, die Leistung einzelner Ladepunkte hingegen sei eher für E-Auto-Fahrer von Interesse.

Ladeleistung zentral für Ausbau der E-Mobilität

Bei beiden Berechnungen handelt es sich um einen theoretischen Maximalwert, darauf weist auch die Nationale Leitstelle hin. Dass alle öffentlichen Ladepunkte in Deutschland gleichzeitig belegt sind, dürfte ausgeschlossen sein, nach Livezahlen der Nationalen Leitstelle waren es am Freitagmorgen beispielsweise nur elf Prozent. Ebenso ist eine Säule mit mehreren Anschlüssen nicht immer voll besetzt, und E-Auto-Batterien nehmen je nach Modell und Ladeverhalten oft nur einen Teil dessen auf, was die Ladesäule hergeben könnte. Das gilt besonders für moderne 300-Kilowatt-Schnellladesäulen.

Dennoch spielt die Ladeleistung in der Diskussion und Planung eine wachsende Rolle, für den BDEW ist sie die „zentrale Bezugsgröße“. Zunehmend wird dabei auch das Regierungsziel von einer Million Ladesäulen bis 2030 infrage gestellt – denn an leistungsstärkeren Säulen können mehr E-Auto-Fahrer ihre Batterien in kürzerer Zeit laden. Die Nationale Leitstelle betont jedoch, ihre bisherige höhere Zahl bilde keine Grundlage für die Bedarfsplanung. Ihre monatlichen Berichte hätten lediglich „informativen Charakter“.

Ladesäulenranking

Ergänzung
Das im Mai veröffentlichte Ladesäulenranking unserer Zeitung enthielt auch Angaben zur Ladeleistung je 1000 Einwohner für die baden-württembergischen Städte und Gemeinden. Die ursprüngliche Berechnungsweise bezog sich – wie die Nationale Leitstelle – auf die Leistung der Ladepunkte. Im Zuge der Recherche wurde die Onlineversion des Rankings um eine Berechnung ergänzt, die die Anschlussleistung berücksichtigt.

Auswirkungen
Da die Anschlussleistung an zahlreichen Ladesäulen die verfügbare Leistung limitiert, ergeben sich durchweg niedrigere Zahlen: Stuttgart kommt so beispielsweise statt auf 63,7 Kilowatt Ladeleistung je 1000 Einwohner nur auf 44,4 Kilowatt. Das ändert jedoch nichts an den Kernaussagen des Rankings der baden-württembergischen Großstädte: In puncto Ladeleistung liegt weiterhin Ulm an erster Stelle, Karlsruhe auf dem letzten Platz. Das aktualisierte Ladesäulenranking finden Sie hier.

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