Nach dem Abgang der Google-Gründer Die Welt-Maschine

Die ganze Welt mit einemKlick, das ist dasVersprechen von Google. Foto: senoldo/Adobe Stock

Wie die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page unsere Informationsgesellschaft geschaffen haben – und warum ihre Suchmaschine nun an Grenzen stößt.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Es war im Sommer 1998. Der Schwager aus dem Silicon Valley kam zu Besuch und setzte sich, wie bei Kaliforniern schon damals nicht anders zu erwarten war, schnurstracks im Arbeitszimmer an den Computer. Nach ein wenig Grummeln über die langsame Ladegeschwindigkeit mit dem irgendwie auf dem PC übrig gebliebenen Netscape-Browser sagte er mit dem Unterton eines Geheimtipps: „Ich muss dir unbedingt was zeigen.“ Er klickte. Eine seltsame, (fast) weiße Seite mit ein paar knallbunten Buchstaben öffnete sich. Sie sah ganz anders aus als die damaligen Suchmaschinenmonster wie Altavista oder die überladene Seite von Yahoo. „Tippe einfach mal was ein“, sagte er.

 

Die Suchanfrage ist längst vergessen – nicht aber das Aha-Erlebnis. Da stand doch tatsächlich nicht der unübersichtliche Mischmasch aus halb garen Informationen und Fehltreffern, wie man es damals gewohnt war. Diese anfangs fast magisch wirkende Erfahrung hat sich dann millionenfach, nein, billionenfach wiederholt. Rund 3,5 Milliarden Suchanfragen verarbeitet die Suchmaschine heute – jeden Tag. Sie sieht dabei fast genauso aus wie vor zwei Jahrzehnten. Ohne Google wäre das Internet nicht das, was es heute ist. Jede noch so abseitige Frage lässt sich ohne intellektuelle Anstrengung beantworten. Wie groß ist die Distanz von Stuttgart bis Tokio? Wo ist die nächste Pizzeria? Wie alt ist Donald Trump? Was macht die Sängerin Ariana Grande? Was hilft gegen quietschende Schuhe? Ist die Erde eine Scheibe? Und überhaupt: Was ist in der Welt gerade los?

Ohne Google wäre das Internet nicht, was es heute ist

Ob daraus nun echtes Wissen in einem größeren Kontext wird, steht auf einem anderen Blatt. Es entsteht eher das, was die Amerikaner „instant gratification“ nennen, ein sofortiges befriedigendes Gefühl. Das Smartphone hat diesen Effekt noch einmal multipliziert. Die Google-Suchmaschine ist einer der größten Tempomacher unseres Alltags. Sie zerlegt in Millisekunden die Welt in kleine, leicht verdauliche Infohäppchen. Nur wenige Nutzer hangeln sich von Link zu Link in die Tiefe eines Themas. Es ist bequemer, wenn die Maschine die Welt für uns sortiert. Der definitive Abgang der Gründer nach 21 Jahren in dieser Woche hat an diese Revolution des Alltags erinnert, auch wenn er eher symbolisch ist als von praktischer Relevanz. Schon seit 2015 waren sie nicht mehr für den Google-Suchmaschinenzweig verantwortlich. Sergey Brin und Larry Page entsprechen noch dem Typus des Silicon-Valley-Gründers der ersten Generation. Sie scheuen beide die Öffentlichkeit; sie sind eher Technikfreaks als Kommunikatoren. Das passt nicht mehr in eine Zeit, in der sich die IT-Giganten zunehmend den sozialen und politischen Folgen ihrer Geschäfte stellen müssen. Doch genau mit dieser Technologiebesessenheit, etwa mit der ursprünglichen genialen Idee, die Verlinkungen zum Qualitätsmaßstab für Suchergebnisse zu machen, hat die Google-Suchmaschine in zwei Jahrzehnten jegliche Konkurrenz in Schach gehalten.

„Ich google es mal“ ist zum Alltagssatz geworden. Googles Selektionsmechanismus ist dabei gnadenlos. Nur die obere Hälfte der ersten Trefferseite bedeutet Sichtbarkeit. Danach kommt bei den Klicks der Absturz. Auf der unteren Hälfte von Suchseite zwei beginnt das Nirwana.

Die Gründer waren eher Technik-Freaks als Kommunikatoren

Google entscheidet, was in der öffentlichen Wahrnehmung existiert. Das eröffnet durchaus die Möglichkeit für jeden, der eine Internetseite programmieren kann, es über die Wahrnehmungsschwelle zu schaffen. Wer Suchbegriffe clever organisiert und alle Kniffe kennt, der schafft es zumindest, in seiner Nische wahrgenommen zu werden. Insofern ist die Suchmaschine demokratisch – falls sie sich nicht kommerziellen und politischen Interessen beugt, wie das leider der Fall ist. Es ist ein Dauerstreitthema mit der EU, ob der Konzern seine eigenen Angebote pusht. In China blieb man immerhin standhaft und hat den Plan zu einer zensurkompatiblen Suchmaschinenversion beerdigt. Aber russische Nutzer von Google Maps beispielsweise sehen nach Druck aus dem Kreml die Krim nun als Teil Russlands.

Die Suchalgorithmen ändern sich ständig

Ständig bastelt Google an seinen Suchalgorithmen, die im Detail ein Betriebsgeheimnis sind, deren Grundrezepte aber gleichzeitig von Legionen an Spezialisten analysiert werden. Diese schrauben dann nach Googles Takt an Texten und Webseiten herum. Die Suchmaschinenoptimierung, die SEO, ist zu einer Wissenschaft geworden, die nicht nur über das Überleben von Informationsmedien, sondern über die Zukunft eines jeden Online-Händlers entscheidet. Google beeinflusst also nicht nur, welche Informationen wir finden können, sondern wie sie aufbereitet werden, ja sogar, ob sie überhaupt verfasst werden. Je mehr Texte, umso besser das Ranking. Überschriften und Schlagwörter werden nach der Leitfrage formuliert: Gefallen sie der Suchmaschine? Google entscheidet, wie der heftige Streit über das sogenannte Recht auf Vergessen zeigt, auch über Biografien. Die Suchmaschine hat einerseits das Weltwissen gemehrt, andererseits andere Medien in die Krise gestürzt, weil diese immer weniger vom Anzeigenkuchen abbekommen. Im Unterschied zu sozialen Medien von Facebook bis Youtube – Letzteres eine Firma von Google – spielen dumpfe Emotionen und heftige Aufgeregtheiten bei der Suchmaschine immerhin eine geringere Rolle. Googles Macht speist sich aus dem Verhalten seiner Nutzer, vor allem aus deren Bequemlichkeit. Wer sich die Mühe macht, systematisch die gesammelten Daten zu begrenzen und zu löschen, bekommt von Google heute Werkzeuge zur Hand, die man aber nicht gerade aggressiv propagiert.

Weniger datenhungrige Alternativen haben bisher keinen Erfolg

Weniger datenhungrige Suchmaschinen wie Duckduckgo, das französische Projekt Qwant oder Startpage, wo die Daten wenigstens anonymisiert an Google weitergeleitet werden, sind nur einen Klick entfernt. Trotzdem dümpeln die Alternativen vor sich hin. Ganz zu schweigen vom Konkurrenten Microsoft, der mit seiner Suchmaschine Bing genauso wenig Erfolg hatte wie die EU mit der Vision von einer europäischen Suchmaschine.

Dies beruht nicht auf technischen Zwängen, sondern auf Bequemlichkeit, Gewohnheiten und Marktmacht. Also letztlich auf Dingen, die zu verändern wären – wenn Nutzer und Politik das wirklich wollten. Hier ist man oft zu fatalistisch. Google gilt als Krake – und spielt damit in der öffentlichen Wahrnehmung die Rolle, die in den neunziger Jahren der Windows-Monopolist Microsoft innehatte. Doch dieses Beispiel zeigt auch, dass Monopolmacht keine Gewähr für eine Dauerherrschaft ist. Google und die Holding Alphabet haben sich bisher schwer damit getan, erfolgreich in Segmente jenseits der Suchmaschine auszugreifen. Große Erfolge wie der Kauf von Youtube 2006 und die Etablierung des mobilen Betriebssystems Android, durch das man seinen Einfluss auf Mobilgeräte übertragen konnte, liegen eine Weile zurück. Das soziale Netzwerk Google Plus floppte. Zudem sind andere IT-Riesen aggressiver.

Auch Amazon ist eine Daten-Krake

Amazon beispielsweise greift jenseits seiner Dominanz im Online-Handel und bei der Paketlieferung in immer weitere Lebensbereiche aus. Sie reichen von zentraler Daten- und Computerinfrastruktur oder Internetsoftware über smarte Lautsprecher und Kameraüberwachungssysteme bis zu Lebensmittelläden. Mit seinem Streamingdienst Prime Video macht sich das Unternehmen zunehmend im Bereich Unterhaltung breit. Und sogar beim Thema Suche im Netz bietet die Amazon-Suchfunktion inzwischen Google bei der für Anzeigenkunden so wichtigen Frage nach Produkten beispielsweise in den USA wirksam Paroli. Die mit all diesen Bereichen verbundene Datenmacht, die weit mehr umfasst als Suchergebnisse, wird immer effizienter genutzt. Gleichzeitig werden Facebook und andere soziale Medien bei der Verhaltenssteuerung raffinierter. Smarte Haushaltsgeräte oder das eigene Auto sammeln Daten, ohne dass wir uns dessen so bewusst sind wie bei den Suchanfragen.

All diese Google-Konkurrenten wollen eigene Bereiche schaffen, die dem Zugriff der übermächtigen Suchmaschine entzogen sind. Aus politisch-strategischen Gründen betreiben diese Abschottungspolitik auch Staaten wie China, Russland oder Indien. Das ist für Google eine Bedrohung. Seine Suchmaschine braucht ein offenes Internet. Google will sich als glaubwürdiger Informationsmakler präsentieren. Dazu gehören Standards, Regulierung und Transparenz. Die Vorkämpfer für das freie Netz und traditionelle Medien wären eigentlich natürliche Verbündete für Google – wenn man nicht so einseitig auf den eigenen Profit fixiert wäre.

Die Gründer Brin und Page haben sich hier weggeduckt. Sie redeten noch weniger über ihre gesellschaftliche Verantwortung als selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg – ob man den nun für glaubwürdig hält oder nicht. Auch der neue Chef der Google-Holding Alphabet, Sundar Pichai, hat sich eher als Geschäftsmann denn als Vordenker profiliert. Google hat die Gesellschaft verändert. Nach zwei Jahrzehnten wäre es an der Zeit, sich dieser Verantwortung zu stellen.

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