Nach dem Absturz der MH17 Mit dem Unfassbaren weiterleben

Von Petra Pluwatsch 

Ein Erinnerungsaltar, Blumen und trauernde Kollegen – am Flughafen Schiphol ist die Erschütterung groß. Die Angehörigen der verunglückten Passagiere des Flugs MH17 sind in einem Hotel in der Nähe abgeschirmt worden. Der Flugbetrieb geht unbehelligt weiter.

Amsterdam - Sabrina Cyrus stehen die Tränen in den Augen. Für einen kurzen Augenblick faltet sie die Hände, dann zupft sie ihre weiße Bluse zurecht. Natürlich habe sie Wayan Sujana gekannt, den adretten jungen Mann aus Bali, der jeden Tag hinter dem Serviceschalter von Malaysia Airlines gesessen habe, sagt sie. Ein Netter sei der gewesen, mit dem man schon mal ein Späßchen machen konnte.

Heute, einen Tag nach dem Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine, liegen für Wayan Sujana Blumen auf dem Servicedesk der Airline. Der Schalter am Amsterdamer Flughafen Schiphol ist komplett verwaist. Jemand hat das Schild „Counter closed“ achtlos auf einem Tisch mit Reinigungsmitteln abgestellt. Neben Sujanas Computer liegen weitere Blumensträuße, auf dem Tresen steht ein Foto, das einen gut gelaunten jungen Mann zeigt. Und von einem Werbeplakat der Airline lächelt unverdrossen eine Stewardess, als sei überhaupt nichts geschehen.

Die Schalter von Malaysia Airlines sind geschlossen

Der 23-Jährige ist einer von 298 Menschen, die beim Absturz der Maschine ums Leben gekommen sind. „Keine Ahnung, was er in Malaysia wollte“, sagt Sabrina Cyrus, die ein paar Schalter weiter für Surinam Airways arbeitet. „Vielleicht Urlaub machen. Wir sind sehr erschüttert über seinen Tod. Wir kennen uns schließlich alle.“ Sie geht weiter, vorbei an Urlaubern, die einchecken nach Mallorca, Antalya und Richtung Kapverden. Nach Kuala Lumpur fliegt heute keine Maschine, die Schalter von Malaysia Airlines sind geschlossen. Und nein, über das Unglück möchte niemand so kurz vor dem Abflug in den Urlaub reden. „Schließlich müssen wir selber gleich fliegen“, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Da will man nicht daran erinnert werden, was alles passieren kann.“ Er schiebt seinen Koffer mit der Fußspitze weiter.

189 der Opfer stammen aus den Niederlanden, das Land trauert. Vor allen öffentlichen Gebäuden hängen die Fahnen auf halbmast. Selbst einige Schiffe auf dem Amsterdam-Rijn-Kanal haben Trauerbeflaggung gesetzt. Der traditionelle Fototermin der Königsfamilie zu Beginn der Sommerferien ist abgesagt. „Unsere Gedanken sind bei den Familien, Freunden und Kollegen der Opfer und bei all denen, die noch nicht wissen, ob ihre Freunde an Bord waren“, erklärt König Willem-Alexander sichtlich bewegt.

Ein Paar, das bei dem Absturz getötet wurde, stammt aus einem kleinen Ort nahe Amsterdam. Dort haben Nachbarn und Bekannte Blumensträuße vor das Haus des Paares gelegt, es brennen einige Kerzen. Man kennt sich, man weint miteinander.

Vor dem Presseraum in Abflughalle 3 ist der Teufel los

Vor dem Amsterdamer Flughafen wehen ein Tag nach dem Unglück keine Fahnen, der Flugbetrieb geht weiter. Der kleine Erinnerungsaltar am Serviceschalter von Malaysia Airlines ist eines der wenigen Zeichen, das an die Katastrophe erinnert. Lediglich vor dem Presseraum in der Abflughalle 3 ist der Teufel los. Journalisten aus aller Welt drängen in den Raum, der viel zu klein ist für die vielen Menschen. Etliche müssen draußen bleiben – nicht jedem gefällt das. Noch nie habe er so viele Kameras auf einem Haufen gesehen, sagt ein genervter Wachmann.

Mehrere Hundert Angehörige sind in einem Hotel beim Flughafen beieinander. Abgeschirmt von den Medien und von neugierigen Blicken versuchen sie, das Unfassbare zu verarbeiten. Sie werden von Psychologen und Ärzten betreut und ständig über neueste Erkenntnisse auf dem Laufenden gehalten. Einer der Hinterbliebenen ist Sander Essers, dessen 66-jähriger Bruder mit seiner Frau und den zwei Kindern in dem Flugzeug saß. Die Familie habe einen Abenteuerurlaub auf der Insel Borneo geplant gehabt, berichtet Essers. „Ich habe noch 20 Minuten, bevor er an Bord ging, mit meinem Bruder telefoniert“.

Die Australierin Kaylene Mann hat ein doppelter Schicksalsschlag getroffen. Sie hat ihre Stieftochter Marie und deren Ehemann Albert verloren. Und das nur wenige Monate, nachdem ihr Bruder Rod und dessen Frau Mary Passagiere ums Leben kamen. Rod und Mary waren an Bord des im März verschollenen Flugs MH370 von Malaysia Airlines gewesen. Marie und Albert hätten noch versucht, den Flug umzubuchen – leider vergeblich, zitierte der australische Sender ABC einen Freund des Paares.




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