Nach dem Brand in Paris So geht es mit Notre-Dame weiter

Von /AP/AFP/dpa 

An Spenden mangelt es nicht, nur die Experten für den Wiederaufbau der durch den Brand verwüsteten mittelalterlichen Kathedrale Notre-Dame de Paris sind rar. Diese architektonischen, künstlerischen und finanziellen Herausforderungen sind zu meistern.

Blick in das vom Brand und heruntergefallenen Trümmern verwüstete Kirchenschiff von Notre-Dame de Paris. Foto: Ludovic Marin/AFP 16 Bilder
Blick in das vom Brand und heruntergefallenen Trümmern verwüstete Kirchenschiff von Notre-Dame de Paris. Foto: Ludovic Marin/AFP

Paris/Stuttgart - Nach der Brandkatastrophe von Paris rückt die Frage nach dem Wiederaufbau von Notre-Dame in den Vordergrund. Die Kathedrale ist nach Angaben des französischen Innenstaatssekretärs Laurent Nuñez nur knapp einer vollständigen Zerstörung entgangen.

„Unter Einsatz ihres Lebens haben die Feuerwehrleute das Feuer in den Türmen von Notre-Dame bekämpft. 15 Minuten länger und der Bau wäre verloren gewesen“, schreibt Nuñez auf Twitter. Allerdings entdeckten Fachleute Nuñez zufolge bei einer Begehung „einige Schwachstellen“. Diese würden vor allem das Gewölbe betreffen. „Im Ganzen hält die Struktur gut“, fügt er hinzu.

Notre-Dame de Paris ist nicht die erste grandiose mittelalterliche Kathedrale, die durch ein verheerendes Feuer verwüstet wurde. Wie lange dauert die Restaurierung? Ist eine originalgetreue Wiederherstellung möglich? Mit welchen Kosten ist zu rechnen? Das sind die entscheidenden Fragen und Herausforderungen für die nächsten Jahre:

Was wird die Rekonstruktion der Kathedrale Notre-Dame de Paris kosten?

Die Zahlen variieren je nachdem, ob traditionelle oder moderne Techniken zur Anwendung kommen. In jedem Fall werden die Sanierungsarbeiten nach Einschätzung von Fachleuten mehrere hundert Millionen Euro kosten.

Wie viel Geld ist bisher für den Wiederaufbau gespendet worden?

Die Solidarität und Spendenbereitschaft der Menschen dürfte es erlauben, dass diese Kosten gedeckt werden. „Dieses Mal ist es nicht das Geld, das fehlen wird“, sagt der Berater der französischen Regierung für Kulturgüter, Stéphane Bern. Bis jetzt summiert sich die weltweite Spendensumme auf fast eine Milliarde Euro. Zu den Spendern gehören Unternehmen wie Apple, die Besitzer von L’Oréal, Chanel und Dior sowie unzählige Privatpersonen aus Frankreich und anderen Ländern. Die Stadt Paris hat 50 Millionen Euro zugesagt.

Wie lange wird der Wiederaufbau dauern?

Die Prognosen variieren stark. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte nach der Katastrophe einen Wiederaufbau innerhalb von fünf Jahren zu. Stéphane Bern dagegen geht von „mindestens zehn bis 20 Jahren“ aus. Auch Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UN-Welterbeorganisation Unesco, betont, Notre-Dame zu restaurieren „wird eine lange Zeit dauern und viel Geld kosten.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angeboten, beim Wiederaufbau „mit deutscher Expertise, mit deutscher Erfahrung“ zu helfen.

Was geschieht als nächstes?

Zunächst müssen die Schäden bewertet werden. Danach muss entschieden werden, wie sie behoben werden sollen. Erst dann können die Ausschreibungen folgen. Zeit in Anspruch nehmen werden auch die Vorbereitungsarbeiten, etwa die Beseitigung der Wasserschäden durch die Löscharbeiten. Die Restaurierungsarbeiten selbst lassen sich nach Experteneinschätzung relativ schnell erledigen.

Wie steht es um die Bausubstanz?

Die Gewölbe könnten durch zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Temperaturschocks – durch das Feuer und anschließend durch das Löschwasser – in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Eine Einsturzgefahr besteht Experten zufolge nicht, weil der Dachstuhl bei dem Bau keine stabilisierende Rolle gespielt habe. Es ist nicht das erste Mal, das eine Kathedrale über kein Dach mehr verfügt.

Wie will man den historischen Dachstuhl rekonstruieren?

Der hölzerne Dachstuhl, dessen Ausarbeitung bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht, ist unwiederbringlich verloren. Die Konstruktion war eine der schönsten Frankreichs. Viele Architekten fordern einen originalgetreuen Wiederaufbau, andere dagegen plädieren für eine schnellere Neukonstruktion aus Stahl oder Beton. Der Dachstuhl war aus Eichenholz gefertigt, das zum Bauzeitpunkt bereits zwischen 100 und 150 Jahre alt war. Für eine Nutzung beim Wiederaufbau hätten solche Eichen bereits spätestens im 19. Jahrhundert angepflanzt werden müssen.

Wie will man das spezifisch mittelalterliche Baumaterial beschaffen?

Die Beschaffung könnte zu einer großen Herausforderung werden. Das Dach der Kathedrale wurde aus Eichenbalken aus jahrhundertealten Bäumen gesägt. Selbst im 13. Jahrhundert waren diese schwer zu bekommen. In Europa gebe es vermutlich kein Land, dessen Bäume dafür groß genug sind, erläutert Tom Nickson, Dozent für mittelalterliche Kunst und Architektur am Londoner Courtauld Institut. Alternativ könnte man eine andere Art von Struktur bauen, die aus kleineren Balken besteht.

Was muss bautechnisch als Allererstes geschehen?

Zunächst muss das Innere der rund 850 Jahre alten Kathedrale vor den Wettereinflüssen geschützt werden. Erste Priorität ist also ein provisorisches Dach aus Metall oder Plastik, das Regen abhält. Dann beginnen Ingenieure und Architekten mit der detaillierten Einschätzung des Schadens.

Woher kommen die für den Wiederaufbau notwendigen Experten?

Ein großes Hindernis beim Wiederaufbau dürfte der Fachkräftemangel sein. „Ein Riesenproblem ist, dass die handwerklichen Fähigkeiten dünn gesät sind, um die vielen Kräfte mobilisieren zu können, die einen raschen Wiederaufbau ermöglichen“, erklärt der Vorsitzende der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, Wolfgang Zehetner. Von den 20 Fachkräften, die permanent mit der Restauration des Stephansdoms in Wien betraut seien, könnten zwei Leute abgestellt werden. Auch Köln und Freiburg wollten Hilfe schicken. Zehetner: „Ich gehe davon aus, dass es gut drei Jahre dauern wird, bis die großen Schäden beseitigt sind.“

Wie will der Vatikan helfen?

Der Vatikan will Restauratoren der Vatikanischen Museen mit ihrer Fachkompetenz beisteuern, sagt der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, Kardinal Gianfranco Ravasi. Von einer finanziellen Beteiligung geht Ravasi allerdings nicht aus. Die Kathedrale sei französisches Staatseigentum. Das Land sei in der Lage, die Kosten alleine zu tragen.

Woher kommen die Baudaten und -infos für den Wiederaufbau?

Glücklicherweise ist Notre-Dame ein gut dokumentiertes Bauwerk. Über die Jahre haben Geschichtswissenschaftler und Archäologen mithilfe von 3D-Lasertechnik gründliche Pläne und Abbildungen erstellt, auch des Inneren der Kathedrale. Wolfgang Zehetner zufolge ist eine Rekonstruktion auch der Details des Bauwerks möglich. „Da muss man sagen, dass man im Unglück noch Glück hat. Die Pläne zu Notre-Dame sind erhalten. Und vor allem digitalisiert.“

Ist die Rekonstruktion einer mittelalterlichen Kirche überhaupt möglich?

Im Prinzip ja, meint Becky Clark, Direktorin für Kathedralen und Kirchengebäude der Kirche von England. „Egal, wie die Zerstörung ausfällt, der Geist dessen, was eine Kathedrale ist und vollbringt, überlebt Katastrophen.“ Clark erinnert an den Spitzturm der Lincoln Cathedral, der im 16. Jahrhundert in sich zusammenfiel, die beim Großen Brand von London 1666 zerstörte St. Paul’s Cathedral und die 1940 von deutschen Bomben dem Erdboden gleichgemachte Coventry Cathedral. „Sie alle wurden wieder aufgebaut. Manchmal in neuer Form, um an die Grundpfeiler des christlichen Glaubens zu erinnern, Ewigkeit und Wiederauferstehung.“

Wie kann Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ zum Wiedererstehen des Gotteshauses beitragen?

Victor Hugo verewigte in seinem 1831 erschienen Klassiker Notre-Dame de Paris in der Weltliteratur. Verlagschef Antoine Gallimard von der Madrigall-Gruppe kündigte eine Sonderauflage der Taschenbuchausgabe von 30 000 Exemplaren an. Trotz einer Preissenkung rechne der Verlag mit 50 000 bis 100 000 Euro, die auf „bescheidene Weise“ zum Wiederaufbau der Kirche beitragen sollten. Andere Verlage kündigten ebenfalls Nachdrucke mit Wiederaufbau-Beitrag an.

Was hat das Videospiel „Assasin’s Creed Unity“ mit dem Wiederaufbau zu tun?

Das 2014 veröffentlichte Konsolenspiel „Assassin’s Creed Unity“ spielt in Paris. Die digitalen Informationen könnten helfen, die mittelalterliche Kathedrale Notre-Dame wiederaufzubauen. Caroline Miousse, die bei dem im französischen Montreuil ansässigen Spieleentwickler Ubisoft arbeitet, verbrachte für „Assassin’s Creed Unity“ zwei Jahre in der französischen Hauptstadt. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Notre-Dame von innen wie von außen genau zu dokumentieren und zu vermessen. Dadurch sollte die Kathedrale auch im Spiel so realistisch wie möglich dargestellt werden.