Nach dem Drama um Mike Glemser Wie gefährlich ist Eishockey?

Dynamik auf dem Eis: Im Kampf um den Puck kommt es im Eishockey oft zu Zweikämpfen an der Bande. Foto: imago/Zink

Eishockey ist sehr schnell und körperbetont. Wie in vielen anderen Sportarten gehören Verletzungen zum Spiel. Aber wie oft fallen sie schwer aus?

Auto-Team: Rouven Spindler (rsp)

Beim Blick auf das deutsche Eishockey gibt es derzeit unterschiedliche Perspektiven: Sport und Drama liegen nahe beieinander. Einerseits sind die Play-offs in der DEL ein großes Thema. Und zugleich bewegt die Szene ein schlimmes Schicksal – das auch die Frage aufwirft: Wie gefährlich ist Eishockey?

 

Es ist der 3. Februar, an dem sich für Mike Glemser (25), Eishockey-Profi und Stürmer der Starbulls Rosenheims, alles verändert. In der Oberliga Süd tritt sein Team in Garmisch-Partenkirchen beim SC Riessersee an. Der gebürtige Stuttgarter prallt nach einem Check in der neunten Minute mit dem Kopf rückwärts gegen die Bande, bricht sich dabei zwei Halswirbel, liegt anschließend zehn Tage im künstlichen Koma und wird zweimal operiert. Doch er bleibt vom Hals abwärts gelähmt und muss künstlich beatmet werden.

Eine seltene Verletzung

Es war kein brutales Foul, sondern vor allem ein tragisches Unglück. Und dennoch ist klar: Eishockeyspieler leben gefährlich. Aber gehen sie ein höheres Risiko ein als andere Athleten? „In dieser Ausprägung wie bei Mike Glemser ist das eine sehr seltene Verletzung, Gott sei Dank. Als Mannschaftsarzt und in meiner aktiven Zeit habe ich so etwas nicht mitbekommen“, erklärt Michael Wieser. Er ist als Oberarzt an der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen in der Sektion Obere Extremität tätig und seit der laufenden Saison auch im vierköpfigen Ärzteteam des Eishockey-Erstligisten Adler Mannheim. Die DEL-Akteure des Play-off-Teilnehmers betreuen er und seine Kollegen schon seit rund drei Jahren.

„Insgesamt ist die Verletzungsdichte in den vergangenen Jahrzehnten durch rigorosere Strafzeiten, vernünftigeres Spielen, verbesserte Ausrüstung, beispielsweise bei den Helmen, sowie die elastischeren Banden deutlich zurückgegangen“, sagt Wieser – und auch die Einstellung der Sportler sei ein Grund. „Da hat schon ein Umdenken stattgefunden, auch was die Professionalität der Spieler angeht“, sagt der einstige Oberliga-Torwart, „böse Checks sind weniger geworden. Die Spieler wissen alle, wie schlimm man sich da verletzen kann.“ Die Zahlen belegen die Einschätzung des Mediziners.

Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) veröffentlicht seit 2016 einen Sportreport. Dieser dokumentiert Unfälle in den jeweils zwei höchsten Ligen der Männer im Fußball, Eishockey, Handball und Basketball. Der jüngste Report der gesetzlichen Unfallversicherung beschäftigt sich mit der Saison 2019/20.

VBG-Sportreport: Fußballer fallen im Schnitt häufiger und länger aus

Nach der Analyse von über 5800 Verletzungen kam die VBG unter anderem zu folgender Schlussfolgerung: „Im Basketball und Eishockey treten die wenigsten Verletzungen pro Spieler und Saison auf (1,6 Verletzungen), im Fußball hingegen mit durchschnittlich 2,5 Verletzungen die meisten.“ Wieser ergänzt zu diesem Sportarten-Vergleich: „Es gibt Studien, die zeigen, dass die Verletzungswahrscheinlichkeit beim Fußball als auch beim Handball höher ist als im Eishockey.“

Die durchschnittliche Ausfallzeit pro Verletzung lag im Eishockey mit 13 Tagen knapp unter der im Fußball und Handball (je 14), aber über der im Basketball (9). Die verletzungsbedingte Ausfallzeit pro Spieler dauerte in der untersuchten Saison bei den Fußballern (31 Tage) und den Handballern (24) im Schnitt am längsten. Profis im Eishockey (19) und Basketball (14) fallen demnach weniger lang aus.

Vorsichtiger Umgang mit Kopfverletzungen

Was Eishockey von den anderen drei Sportarten stark unterscheidet: Fast jede fünfte Verletzung hat laut dem Report 2019/20 den Kopf betroffen. Im Wettkampf auf dem Eis war die Gehirnerschütterung die am häufigsten beobachtete Einzeldiagnose. Wieser berichtet von Adler-Profis, bei denen in der laufenden Saison ein Schädel-Hirn-Trauma diagnostiziert wurde. „Der Spieler wird gesperrt, bis er wieder seine Ausgangswerte erreicht und Kriterien gemäß Überwachungsprotokollen erfüllt. Da hat eine strenge Entwicklung stattgefunden – zum Wohle der Spieler“, erklärt der Unfallchirurg und Orthopäde der BG-Klinik den Umgang mit solchen Diagnosen.

All dies belegt: Schicksale wie jenes von Mike Glemser sind natürlich schockierend, aber auch höchst selten. Und trotzdem spielt das Risiko immer mit.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Verletzungen Adler Mannheim Gefahr