Nach dem Erdbeben in der Türkei Botnanger will seine obdachlosen Eltern herholen
Mesut Hos lebt in Botnang. Gerne würde er seine Eltern beherbergen, die bei dem Erdbeben in der Türkei ihre Wohnung verloren haben. Doch so einfach ist das nicht.
Mesut Hos lebt in Botnang. Gerne würde er seine Eltern beherbergen, die bei dem Erdbeben in der Türkei ihre Wohnung verloren haben. Doch so einfach ist das nicht.
Mesut Hos hat eine Idee. Der 51-Jährige aus Botnang, aufgewachsen in Malatya, einer 800 000-Einwohner-Stadt in Ostanatolien, die seit Montag eine Trümmerstadt ist, möchte seine obdachlos gewordenen Eltern nach Deutschland holen und sie für einige Zeit bei sich beherbergen. Solange bis es wieder wärmer ist. Sein Vater geht auf die 90 zu. „Mir ist es wichtig, in dieser schlimmen Situation schnellstmöglich und sinnvoll helfen zu können“, sagt Hos.
Mit dieser Idee ging er auf Muhterem Aras, die baden-württembergische Landtagspräsidentin und Stuttgarter Grünen-Politikerin, zu. Sie griff die Idee umgehend auf und trug sie in die Öffentlichkeit: „Erdbebenopfern Aufenthalt in Deutschland ermöglichen“, lautet ihre Anregung, die unsere Redaktion am Mittwoch verbreitete. In der gegenwärtigen Notlage sei dies ein Akt humanitärer Hilfe, betonte sie. Darüber wird jetzt diskutiert.
Die Eltern herholen – wie lässt sich das bewerkstelligen? Die Sache ist nicht so einfach, denn grundsätzlich gilt eine Visumspflicht. Das Verfahren kann sehr langwierig sein. Aras bat das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium deshalb zu prüfen, „inwieweit es Menschen in Deutschland unbürokratisch ermöglicht werden kann, notleidende Angehörige für eine begrenzte Zeit auf eigene Kosten bei sich aufzunehmen.“ Viele Menschen in Deutschland und Baden-Württemberg suchten verzweifelt nach Möglichkeiten, ihren Angehörigen zu helfen. Bisher gibt es wenig Bewegung. „Auch nach der Erdbeben-Katastrophe gelte grundsätzlich, dass türkische und syrische Staatsangehörige für eine Einreise nach Deutschland ein gültiges Visum benötigen“, erklärt das Auswärtige amt am Donnerstag. Man werde die schwierige humanitäre Lage jedoch berücksichtigen.
Mesut Hos, der ein praktischer Mensch ist, schlägt vor, nicht in der Türkei auf ein Visum zu warten, sondern alles Notwendige auf den Konsulaten hier zu erledigen. Seine Eltern bezögen Rente, sie seien krankenversichert, er würde eine Reisekostenversicherung für sie abschließen, und auch eine Verpflichtungserklärung abgeben, dass er für alle hier entstehenden Kosten aufkommt. „Wir müssen nur für zwei Leute mehr kochen“, sagt er. Seine Frau nickt zustimmend. Und auch Evin, die zwölfjährige Tochter, mit Hund Lucky auf dem Arm, wäre glücklich, wenn das gelänge. Die bedrückenden Nachrichten aus dem Katastrophengebiet fordern nicht zuletzt den Kindern vieles ab.
Seine Überlegungen und seine Geschichte breitet Hos am Esstisch aus. Er hat zu sich nach Hause eingeladen. Es gibt türkischen Tee. Dazu Mandeln und getrocknete Maulbeeren aus Malatya, seiner zerstörten Heimat, die auch für ihre Aprikosen berühmt ist. Der 51-Jährige lebt seit 1992 in Deutschland. Seit 2000 hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Früher war er Musiker, dann fand er Arbeit bei Mahle. Heute ist er dort für Qualitätssicherung zuständig und betreut Prüfstände. Seine Frau Necla ist gelernte Geophysikerin. Ihre Eltern leben in Istanbul, das von den Erdstößen verschont geblieben ist. Das nimmt der Betroffenheit jedoch nichts. Das Sprechen fällt ihr schwer, obwohl sie gut Deutsch kann. Ihr Mann berichtet, was sie beide aus Malatya hören und sehen. „Die Straßen meiner Kindheit existieren nicht mehr“, sagt er müde. Die vergangenen Nächte waren kurz, die Whatsapp-Nachrichten mit Familie und Freunden in der Türkei lang. Seine drei Schwestern, alle Lehrerinnen, und ihre Familien sind zum Glück unverletzt geblieben.
Das elfstöckige Hochhaus, in dem seine Eltern bis Montag lebten, steht noch, hat aber Risse und ist nicht mehr bewohnbar. „Sie haben die ersten Nächte in einer Gartenhütte verbracht.“ Bei sieben Grad Minus. Weder Strom noch Trinkwasser seien verfügbar gewesen, berichtet Hos. „Die Leute haben Schnee geschmolzen.“ Inzwischen sind seine Eltern rund 300 Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt bei Freunden in Tunceli/Dêrsım untergebracht. Eine Notlösung, die nicht zu lange andauern sollte, meint der Sohn, der sich für seine Eltern verantwortlich fühlt.
Allen wäre geholfen, wenn sie zu ihm kommen könnten, sagt er. Sie würden auch nicht länger bleiben, als nötig. Drei Monate vielleicht. „Mein Vater ist stur“, sagt er. „Wir müssten ihn in einen Koffer sperren und hierher bringen“. Der 51-Jährige ist jedoch überzeugt, dass es die beste Lösung für seine alten Eltern wäre. „Um die hilflosen Menschen muss man sich jetzt besonders kümmern“, sagt er und hofft, das seine Idee über die Landtagspräsidentin hinaus Unterstützer findet.