Nach dem Großbrand in Stuttgarter City Mieter stehen vor dem Nichts

Von , Marc Mudrak, , Fotos: Achim Zweygarth, Michael Steinert und Sebastian Bosch. 

Nach dem Großbrand in der Stuttgarter Innenstadt bietet sich ein Bild der Zerstörung. Sehen Sie hier aktelle Bilder aus der Urbanstraße.

 Foto: Achim Zweygarth
Foto: Achim Zweygarth
Stuttgart - Den ganzen Dienstag über hat der Brand in einem Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Charlotten- und Urbanstraße (siehe Karte) den Verkehr in der Stuttgarter Innenstadt stark beeinträchtigt. Erst am späten Dienstagabend gegen 23 Uhr konnte das Feuer gelöscht werden, das am Vormittag ausgebrochen war. Der Sachschaden könnte mehrere Millionen Euro betragen. Verletzt wurde niemand. Die Brandursache war vermutlich ein technischer Defekt in einem Sicherungskasten. Die genauen Ermittlungen laufen noch.

Nach Aussagen einiger Mieter hat es bereits am Wochenende Probleme mit dem Strom gegeben. Das Feuer entdeckt hat Rechtsanwalt Markus Wekwerth von der Kanzlei Moosmayer, Hoffmann & Partner. „Ich saß in meinem Zimmer und plötzlich roch es komisch.“ Als er nachschaute, zog Rauch durchs Treppenhaus. Ein Stock höher sah Wekwert den Stromkasten brennen und kurz darauf kam ihm ein Student aus einer der Wohnungen unterm Dach entgegen. „Ich habe überlegt, ob ich den Kasten öffnen und mit einem Feuerlöscher ran soll“, erzählt der Rechtsanwalt. Er entschied sich dafür, die Profis zu kontaktieren. Sechs Minuten später war die Feuerwehr da.

Am Morgen danach: "Gespenstisch"


Erst am Mittwoch offenbarte sich das volle Ausmaß der Brandfolgen. Seit dem frühen Morgen war Sebastian Bosch, Geschäftsführer der Internetagentur Mosaiq Media im dritten Stock des Hauses, in den zerstörten Büroräumen. Dort versucht er, den Schaden zu überblicken. Zwar blieb der Brand auf den Dachstuhl begrenzt, doch das Löschwasser, so Bosch, sei während des studenlangen Feuerwehreinsatzes durch das ganze Gebäude geströmt. Noch als das Feuer brannte, sei er mehrmals zurück in die Büros gelaufen, um die wichtigsten Unterlagen und die Technik vor den Wassermassen zu retten.

Boschs Bilanz am Mittwochmorgen ist ernüchternd. "Der Holzboden ist vom Wasser stark angegriffen, Papiere und Unterlagen sind aufgeweicht und liegen überall verstreut. Es ist chaotisch", berichtet der Firmenchef. Wie schnell das Unglück über seine Mitarbeiter hereingebrochen war, zeigten noch die halbvollen Wassergläser, die unangerührt auf den Tischen standen. Da läuft Bosch ein Schauer den Rücken hinunter: "Das ist eine gespenstische Atmospähre."

Die Büroräume sind so marode, dass sie während der kommenden Monate wohl nicht genutzt werden können, sagte Bosch. Da er die Geschäfte bis dahin nicht einfach unterbrechen kann, muss Bosch improvisieren: "Wir suchen uns jetzt eine neue Unterkunft." In der Zwischenzeit sollen die Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten.

Der Internist Suso Lederle war gerade dabei, eine Infusion anzuhängen, als er die Rufe hörte: „Es brennt.“ Binnen weniger Minuten sei die Praxis in der Urbanstraße geräumt gewesen, erzählt der Mediziner und ist entsetzt über die Ausmaße des Dachstuhlbrandes. Das Löschwasser ist bis in die unterste Etage gesickert, von den Wänden haben sich die Tapeten gelöst.

Im Frisörladen seiner Frau auf der anderen Straßenseite hat Lederle ein Provisorium eingerichtet, Rechner und Drucker stehen parat, die Telefonnummer der Praxis ist auf sein Handy umgeleitet. Während nebenan Haare geschnitten werden, stellt der Internist Rezepte aus, berät Patienten und vermittelt Notfälle an Kollegen. „Ich weiß nicht, wann ich in unsere Räume zurück kann“, sagt Lederle. Momentan werde versucht, mit Bautrocknern den Feuchteschaden zu beheben.
Verkehr zeitweise lahmgelegt


Die Bundesstraße 27 in Richtung Stadtmitte war nach Mitternacht wieder teilweise befahrbar. Vollständig freigegeben wurde sie erst am Mittwoch Morgen gegen 8 Uhr. Die Sperrung der Fahrbahn in Richtung Degerloch war am Dienstag gegen 17 Uhr aufgehoben worden. Der Verkehr musste großräumig umgeleitet werden, was vor allem im abendlichen Berufsverkehr für Chaos sorgte. Wegen der Absperrungen war auch der Busverkehr behindert. Wie SSB-Sprecherin Susanne Schupp bestätigte, waren die Linien 42 und 43 bis zum Abend davon betroffen. Die Haltestelle Olgaeck konnte nicht angefahren werden. Die Stadtbahnen konnten dagegen passieren – wenn auch zeitweise mit einiger Verzögerung.

Nach Angaben der Stuttgarter Feuerwehr waren die Löscharbeiten im Dachstuhl extrem schwierig. "Das Feuer wütete in den Dämmstoffen zwischen innerer und äußerer Hülle", erklärte der Sprecher Sebastian Fischer. Das Kupferblechdach des Hauses habe das Feuer hermetisch abgeriegelt und somit die Löscharbeiten erschwert. "Wir mussten das Dach an verschiedenen Stellen aufsägen." Baurechtlich sei ein solches Dach zulässig – allerdings fehlten der Feuerwehr Fahrzeuge, die dafür ausgelegt seien, auf Dächern zu arbeiten. Deshalb stellte die Feuerwehr des Flughafens einen Wagen mit Teleskopmast zur Verfügung. Über dem Haus kreiste stundenlang ein Hubschrauber.

100 Feuerwehrleute im Einsatz


Bei dem Großbrand waren insgesamt mehr als 100 Feuerwehrleute und mehr als 30 Fahrzeuge im Einsatz. Vor allem die oberen beiden Geschosse des Hauses sind stark beschädigt. Es sei aber gelungen, wichtige Akten – etwa aus der dort ansässigen Anwaltskanzlei - und besonders wertvolle Gegenstände zu retten, sagte Fischer. Wie stark die unteren Etagen betroffen sind, kann die Feuerwehr noch nicht sagen, weil immer noch Wasser aus den oberen Geschossen durchwandern kann. Da das Haus unter Denkmalschutz steht, dürfte eine Restaurierung aufwendig und teuer werden.



Vielen Dank an Dirk Baranek für das Video.


Brand in der Urbanstraße 1, Stuttgart auf einer größeren Karte anzeigen

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