Die Footballer von Stuttgart Surge auf dem Weg zum Gewinn der ELF-Meisterschaft. Foto: Imago/Foot Bowl
Nach dem Aus für den Football-Meister, der zahlungsunfähig ist, hat eine Diskussion über das Geschäftsgebaren von Stuttgart Surge begonnen – dessen Verantwortliche sich wundern.
Jochen Klingovsky
26.11.2025 - 06:00 Uhr
Es ist keine Überraschung, dass über das Aus von Stuttgart Surge kontrovers diskutiert wird. Denn der amtierende Meister der European League of Football (ELF) hat die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt und seine Zahlungsunfähigkeit damit begründet, dass es neben offenen Rechnungen aus der abgelaufenen Saison auch eine anhaltende Perspektivlosigkeit gibt.
Nachdem Stuttgart Surge sich von der ELF losgesagt und den Rebellen der European Football-Alliance (EFA) angeschlossen hatte, folgte von dem neuen Verbund die Ankündigung, eine eigene Liga gründen zu wollen, ehe sich die beteiligten Franchises über deren Finanzierungsmodell zerstritten. „Es existiert derzeit, was den Spielbetrieb für 2026 angeht, nichts Fixes und auch keine schriftlichen Vereinbarung“, sagte Surge-Geschäftsführer Suni Musa gegenüber unserer Zeitung, „es gibt keine EFA-Liga, keinen TV-Vertrag, keine Sicherheit. Und somit auch keine Grundlage für Abmachungen mit unseren Sponsoren und Dienstleistern. Ich kann derzeit niemandem guten Gewissens versprechen, dass sich alles schon irgendwie klären wird. Deshalb haben wir keine andere Wahl, als Insolvenz zu beantragen.“ Es ist eine Erklärung für die finanzielle Notlage, die Suni Musa nicht jeder abnimmt.
Martin Hanselmann: „Surge wollte schnell groß werden“
Martin Hanselmann wurde 2021 Cheftrainer von Stuttgart Surge. In der ersten ELF-Saison holte er mit seinem Team zwei Siege, 2022 legte er sein Amt nach sieben Niederlagen in sieben Spielen nieder, am Ende hatte die Mannschaft eine 0:12-Bilanz.
Im Podcast „Footballerei Hautnah“ hat sich Martin Hanselmann nun kritisch zum Aus seines Ex-Clubs geäußert. „Ich bin nicht verbittert, aber ich hätte schon vor vier Jahren sagen können, dass es so ausgehen wird“, meinte er zu den wirtschaftlichen Problem von Stuttgart Surge, „man hat nicht die natürliche Entwicklung abgewartet, sondern einen anderen Weg eingeschlagen und wollte schnell groß werden. Man hat versucht, mit einem amerikanischen System etwas aufzubauen, was in der deutschen Sportkultur nicht so einfach anerkannt wird. Am Ende bleiben die bunten Bilder übrig – aber dahinter ist nichts. Da wurden Träume verkauft, die es nicht gibt.“
Martin Hanselmann war 2022 Chefcoach von Stuttgart Surge. Foto: Imago/Baumann
Besonders schmerzt Martin Hanselmann laut eigener Aussage, dass er selbst Teil des Anfangs war: „Ich freue mich für die Spieler, dass sie den Titel geholt haben, keine Frage“, erklärte er. „Ich war ja einer der Mitbegründer von Stuttgart Surge. Aber wenn ich jetzt sehe, wie dieses Projekt endet, dann tut das weh. Da muss doch irgendwo ein Buchhalter mit spitzem Bleistift sitzen, der rechtzeitig sagt: ‚Es gibt kein Geld mehr.‘ Und ich frage mich bei vielen Teams, nicht nur bei Surge: Wo ist dieser Mensch?“
Die Kritik kann bei Stuttgart Surge niemand nachvollziehen
Auch Hanselmanns Gesprächspartner Shuan Fatah analysierte die missliche Lage von Stuttgart Surge in dem Podcast mit deutlichen Worten. „Da wird einfach eine Truppe zusammengekauft für Geld, das man nicht hat – wen befriedigt man dadurch“, meinte der ehemalige Bundestrainer, der in der nächsten Saison die Raiders Tirol coachen wird. „Viele von diesen Spielern hätten auch woanders unterschreiben können, aber sie sind nach Stuttgart gegangen, weil ihnen dort mehr geboten wurde. Und komischerweise landen diese Spieler immer bei den Teams, die später finanzielle Probleme haben.“ Es sind Vorwürfe, die bei Stuttgart Surge niemand nachvollziehen kann.
Etliche Spieler haben auf die Kritik, der Meister habe sich den Titel erkauft, mit Entrüstung reagiert. „Stuttgart Surge hat sich den Erfolg ganz sicher nicht mit Mitteln erkauft, die nicht vorhanden waren“, sagte Ben Wenzler, „wir wurden Meister, weil wir eine außergewöhnliche Mannschaft waren, mit Jungs, die nicht wegen des Geldes Football spielen.“ Ähnlich äußerte sich Konstantin Katz: „Die große Mehrzahl hat hier für die Idee, für das System und für die Trainer gespielt, nicht für Geld.“ Und auch Florian Lengauer stellte klar: „Andere Teams hatten einen deutlich höheren Etat. Uns ging es nie ums Geld – sondern um die Mannschaft und den Erfolg.“
Parallel dazu ist Surge-Medienchef Sascha Müller derzeit bemüht, kritische Beiträge in den sozialen Medien zu entkräften. Auch auf den Podcast von Martin Hanselmann und Shuan Fatah hat er regiert. „Wir haben uns keine Meisterschaft erkauft“, erklärte Sascha Müller, „mit Blick auf unseren Kader, der drei Jahre lang relativ konstant geblieben ist, erübrigt sich eine solche Behauptung meines Erachtens. Wir haben 2025 in Bezug auf die Gehaltsobergrenze mehr als effizient gewirtschaftet. Wir lassen uns die sportliche Erfolgsgeschichte der Stuttgart Surge nicht schmälern. Wir sind einzig und allein durch die herausragenden Leistungen unserer Trainer und unserer Spieler Champion geworden.“
Jordan Neuman weist Vorwürfe „aufs Schärfste“ zurück
Auch Meistertrainer Jordan Neuman hat für Kritik am Geschäftsgebaren seines Clubs keinerlei Verständnis. „Den Vorwurf, Stuttgart Surge habe sich den Erfolg erkauft, weise ich aufs Schärfste zurück. Das Gegenteil war der Fall“, sagte er gegenüber unserer Zeitung, „viele Spieler haben bei uns weniger bekommen, als sie woanders hätten verdienen können. Folglich war es sehr hart und schwierig, dieses Team aufzubauen. Bei uns waren andere Werte wichtig.“
Und trotzdem werden die Diskussionen über die Gründe für das Aus von Stuttgart Surge weitergehen. Alles andere wäre eine Überraschung.