Die Reha-Klinik in Tannheim im Schwarzwald besteht im 20. Jahr – und wird auch vom Ditzinger Lebenslauf finanziell unterstützt.

Ditzingen/Tannheim - Wir wollen den Patienten aus seiner Königsrolle herausholen, auch die Familie am Leben teilhaben lassen.“ So fasst der Geschäftsführer Roland Wehrle das Konzept der Reha-Klinik Tannheim zusammen. Seit 1997 werden dort nicht nur Kinder und Jugendliche betreut, die an Krebs, Herzkrankheiten oder Mukoviszidose leiden. Die meisten kommen mit ihren Eltern und Geschwistern in den Schwarzwald. Die Klinik hat viele Unterstützer, auch den Ditzinger Lebenslauf. An diesem Freitag wird der Anbau „27 +“ eingeweiht, mit sieben Apartments für junge erwachsene Patienten.

Der Ansatz der familienorientierten Rehabilitation für 65 Patienten prägt Tannheim von Beginn an. Das Konzept ist eine der Grundsäulen der Klinik, die Roland Wehrle (67) in den neunziger Jahren mit aufgebaut hat. Am Anfang stand die Hilfe für krebskranke Kinder, die rasch auf junge Patienten mit Herzkrankheiten oder Mukoviszidose erweitert wurde.

Für die Klinik gab es eine riesige Werbekampagne, an der sich viele Prominente und Medienpartner beteiligten. Etwa die Stiftung Deutsche Kinderkrebsnachsorge. Mit dabei waren zum Start der Pädagoge Wehrle, der Schauspieler Klausjürgen Wussow (bekannt als Professor Brinkmann aus der ZDF-„Schwarzwaldklinik“), Christiane Herzog oder Carl Herzog von Württemberg. 1995 wurde mit dem Bau der Klinik begonnen, Ende 1997 wurde sie eingeweiht. Gekostet hat sie 25,5 Millionen Mark, die Hälfte finanziert über Spenden. „Viele Menschen haben dieses Haus gebaut“, steht auf dem Grundstein. Der Träger sind vier Stiftungen, die sich für Kinder mit Krebs, Herzkrankheiten oder Mukoviszidose einsetzen.

Einmal im Monat ist Schichtwechsel

Zwölfmal im Jahr beginnt in Tannheim ein Reha-Zyklus – alle Patienten kommen mit ihren Familien am jeweiligen Starttag. Zum Konzept gehört, dass alle gemeinsam die vierwöchige Behandlung erleben. Am Montag ist wieder „Schichtwechsel“, Großkampftag für 150 Mitarbeiter. Die Patienten sind nicht mehr nur, wie einst, vier oder 15 Jahre alt. Denn die Muko-Patienten erreichen ein immer höheres Lebensalter. „Gott sei Dank“, sagt Roland Wehrle. Mittlerweile gehören Väter oder Mütter zu den 800 sogenannten Kernpatienten im Jahr, es kommen aber auch Teenager ohne Eltern. So leben im „VfB-Haus“ ältere Jugendliche auf Zeit, im neuen „27 +“-Flügel ist Platz für junge Erwachsene.

All das müssten eigentlich die Kostenträger finanzieren. Mit der Rentenversicherung Baden-Württemberg „haben wir großes Glück“, lobt Wehrle. Bei anderen müsse man noch Überzeugungsarbeit leisten – oder gar Ansprüche der Patienten erstreiten. Die Klinik muss pro Jahr 600 000 Euro Defizit aus dem medizinischen Betrieb mit Spenden abdecken.

Nicht nur der „Kernpatient“ ist behandlungsbedürftig

Die Basis ist das Familienkonzept. Die Vorstellung, der Patient mache Reha und der Rest Urlaub, sei aber völlig falsch. Denn es gebe noch andere Behandlungsbedürftige außer den Kernpatienten, sagt Wehrle. Viele Eltern würden eigene gesundheitliche Probleme wie Bluthochdruck, Schlafstörungen, Depressionen oder Diabetes zugunsten des kranken Kindes verdrängen. Und Geschwister, Schattenkinder genannt, bräuchten häufig sozialpädagogische Unterstützung. Dafür gibt es in Tannheim Ärzte, Psychologen, Kunst-, Sport- oder Reittherapeuten. Und eine Schule.

„Mukoviszidose ist eine Multiorgan-Krankheit und eine Herausforderung“, sagt die Kinderärztin Susanne Posselt. Jeder Patient sei anders – für den einen sei die tägliche Therapie der Marathon, „der andere fragt, wie er den nächsten Marathonlauf in kürzerer Zeit schafft“.