Nach dem Missbrauchsgipfel Auf Worte müssten Taten folgen

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Im Land wird Kritik an den Ergebnissen der Missbrauchskonferenz laut.

Das Gipfeltreffen der Katholischen Kirche zum Missbrauch in Rom hat so manchen Katholiken enttäuscht Foto: AFP
Das Gipfeltreffen der Katholischen Kirche zum Missbrauch in Rom hat so manchen Katholiken enttäuscht Foto: AFP

Stuttgart - Die Erwartungen an den Missbrauchsgipfel im Vatikan waren groß. Die Reaktionen im Land auf die Ergebnisse fallen ganz unterschiedlich aus. Mit Blick auf die Opfer sei das Treffen enttäuschend gewesen, sagt Wolfgang Kramer, Sprecher von Pro Concilio, einer kirchlichen Reformgruppe in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Papst Franziskus hätte sich als Allererstes an die vielen Opfer kirchlichen Missbrauchs wenden sollen, die im Vatikan vor Ort waren, und ihnen ein konkretes Vorgehen skizzieren, um künftig Missbrauch zu verhindern. Stattdessen habe er die heiklen Themen ausgeklammert, kritisiert der 69-jährige Theologe. „Der Missbrauch ist nur ein Symptom der tiefen Krise, in der die katholische Kirche steckt.“ Um die Ursachen zu bekämpfen, müsse der Pflichtzölibat abgeschafft, die Allmacht der Bischöfe durch Gewaltteilung beschränkt und die Ämter für Frauen geöffnet werden. „Warum nicht mit dem Diakonat für Frauen anfangen“, fragt Kramer und würde sich wünschen, dass die Krise zum Katalysator für grundlegende Reformen wird.

Von „vielen Worten und wenig Taten im Vatikan“ spricht Raphael Hildebrandt aus dem Schwarzwaldort Oberharmersbach. Der 47-Jährige ist als Ministrant vielfach missbraucht worden. Der Täter, ein in der Gemeinde hoch angesehener Pfarrer, hatte sich über Jahrzehnte hinweg an Dutzenden Kindern und Jugendlichen sexuell bedient. „Die Vertuschung wird keine Ende haben, die Aufklärung nie konsequent vollzogen werden“, befürchtet Hildebrandt. Unter den deutschen Bischöfen gäbe es leider einige Hardliner, die kein Interesse an einem Wandel der katholischen Kirche hätten. Das seien verkrustete und nicht mehr zeitgemäße Strukturen, eine Erneuerung müsse anders aussehen, sagt Hildebrandt.

Bischof Gebhard Fürst sieht sich in seinem Kurs bestätigt, gegen Missbrauch vorzugehen

Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst sieht sich in seinem Kurs bestätigt, entschieden gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorzugehen. In einem am Montag veröffentlichten Brief an alle Seelsorger im Bistum betont Fürst, auch wenn Papst Franziskus nur Leitlinien und keine konkreten Maßnahmen vorgestellt habe, gehe von dem Treffen in Rom doch ein Signal an die Weltkirche aus. „Wir müssen mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln dafür sorgen und Sorge tragen, dass solch schlimme, verbrecherische Taten nicht wieder geschehen“, betont Fürst. Er erinnerte an das bistumsweit geltende Konzept zur Vorbeugung. In den kommenden fünf Jahren sollen rund 15 000 Beschäftigte und Tausende Ehrenamtliche nach einheitlichen Standards geschult und sensibilisiert werden.

Nach dem Missbrauchsgipfel im Vatikan wird der Ruf nach einer Synode aller deutschen Bistümer laut. Die Bischöfe könnten mit Fachleuten und Vertretern des Kirchenvolks über offene Fragen sprechen, sagte der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet. „In Deutschland gibt es eine allgemeine Verwirrung, wie es weitergehen soll. Eine deutsche Synode wäre sinnvoll.“ Zum Kampf gegen Missbrauch gehöre es auch, den strikt hierarchischen Aufbau der Kirche zu überdenken.