Stuttgart - Die Leistung von Ferdinand Piëch in der Automobilindustrie ist einzigartig. Er hat die Branche geprägt wie wenige andere. Da sind zum einen seine technologischen Errungenschaften im Bereich der Motorenentwicklung und Plattformarchitektur. Und zum anderen seine unternehmerischen Erfolge. Das betrifft seine Zeit als Audi-Chef und vor allem als VW-Lenker.
Als Ferdinand Piëch am 1. Januar 1993 an Bord kam, stand VW kurz vor dem Untergang oder wie Piëch es formulierte: „Volkswagen war ein Krebspatient, der sich selbst aufgegeben hatte.“ Er traf auf einen Milliardenverlust aus dem Vorjahr und bekam Pläne für die Entlassung von 30 000 Mitarbeitern auf den Tisch. Piëch gelang das fast Unmögliche: er brachte Volkswagen wieder auf Erfolgskurs. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit.
Es gibt aber auch einen anderen: Piëch führte das Unternehmen im Stil eines machtbesessenen Herrschers. „Die Industrie ist kein Pflegeheim, und zum Überleben einer Firma sind nicht nur angenehme Entscheidungen notwendig“, stellte er in der Restrukturierungsphase klar. Besonders seinen Führungskräften setze er zu: „Der Mehrverdiener verdient mehr, um mehr zu leisten“, sagte Piëch. „Und wenn das nicht kommt, ziehe ich relativ schnell die Konsequenzen.“ Kritik empfand Piëch als Misstrauensvotum. Altgediente Manager machte er in Minuten zur Schnecke oder setzte sie vor die Tür. „Bei VW gibt es keine Führungskräfte“, hieß es in der Branche. „Bei VW gibt es nur Ausführungskräfte.“
Mit Piëch geht nicht nur ein Genie
Mit Piëch geht also nicht nur ein Genie. Mit Piëch geht auch ein Beispiel für überkommene Führungskultur. Der Typus des autoritären Patriarchen, der sich selbst für den Größten und nur sein eigenes Wort für die Wahrheit hält, hat keine Zukunft mehr. Und das betrifft nicht nur die Autoindustrie – wie etwa der gescheiterte Drogeriekönig Anton Schlecker eindrucksvoll bewiesen hat. Diese Erkenntnis ist für Unternehmen überlebensnotwendig. Es geht dabei nicht nur darum, Skandale wie den VW-Abgasskandal zu verhindern. Die größte Betrugsaffäre in der Geschichte der Autoindustrie ist auch ein Ergebnis des Klimas der Angst, das bei VW lange Zeit herrschte.
Es geht dabei vor allem um die Innovations- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Die von Piëch etablierte Unternehmenskultur des autoritären Patriarchen war in den vergangenen Jahren nicht mehr innovationsfreundlich genug, um den Umbrüchen in der Autoindustrie gerecht zu werden. Sowohl die Elektromobilität als auch den Trend zu sportlichen Geländewagen hat Volkswagen jahrelang konsequent verschlafen. Matthias Müller, der bis 2015 Porsche-Chef war und danach den VW-Konzern lenkte, prägte den Satz: „Das autonome Fahren stellt für mich einen Hype dar, der durch nichts zu rechtfertigen ist.“ Mobilitätsdienstleistungen hielt man bei dem Autokonzern lange für eine geeignete Beschäftigung von Autoverleihern. Welch ein Irrtum.
Visionäre Mannschaftskapitäne und -kapitäninnen sind gefragt
Die Industrie braucht künftig mehr Manager vom Typ eines visionären Mannschaftskapitäns. In der Autoindustrie ist längst die Zeit der Allianzen angebrochen, weil die Umwälzungen so groß sind, dass die Hersteller viele Aufgaben nicht mehr allein bewältigen können. Es ist eine Zeit, in der Firmen, die gestern noch kleine Start-ups waren, morgen schon für große Konzerne zur Existenzbedrohung werden können. Weil die technologischen Umbrüche in immer kürzeren Abständen passieren, kann es sich ein Hersteller nicht mehr leisten, nur auf das kreative Potenzial des Chefs zu setzen. Innovationen müssen vielmehr über die Breite der Belegschaft gefördert werden. In solchen Zeiten sind Teamspieler gefragt – keine Machtmenschen mehr.