Nach dem Verzicht auf Tierversuche mit Affen Rückschritt für den Wissenschaftsstandort?

Nach dem Verzicht der Tübinger Neurowissenschaftler auf Tierversuche an Affen wird Kritik laut an der Landestierschutzbeauftragten. Sie hatte das so gedeutet, dass diese Versuche nicht mehr notwendig wären. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Wissenschaftsministerin des Landes sehen das entschieden anders.

Das Max-Planck-Institut in Tübingen war das Ziel von Tierschützer-Attacken; manche haben nur demonstriert, manche aber auch Drohmails verschickt. Foto: Max-Planck-Institut
Das Max-Planck-Institut in Tübingen war das Ziel von Tierschützer-Attacken; manche haben nur demonstriert, manche aber auch Drohmails verschickt. Foto: Max-Planck-Institut

Tübingen - „Wir waren ziemlich empört über die Schlussfolgerungen, die die Landestierschutzbeauftragte Cornelie Jäger aus dem Verzicht des Tübinger Neurowissenschaftlers Nikos Logothetis gezogen hat“, sagt Christina Beck von der Max-Planck-Gesellschaft in München.

Wie berichtet, will der Abteilungsdirektor des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik mittelfristig auf Versuche mit Rhesusaffen verzichten und sich auf Nagetiere beschränken. Logothetis habe das aber nicht gesagt, weil er die Forschung an nicht-humanen Primaten für entbehrlich halte, sondern weil er wegen „der Vielzahl von Angriffen und Drohungen an die Grenze seiner physischen und psychischen Belastbarkeit gekommen ist.“

Wenn Jäger nun von Entbehrlichkeit spreche, lasse sie sich politisch instrumentalisieren, sagt Beck. Sie bekräftigte die Ankündigung der MPG, an Tierversuchen festzuhalten. Nur so ließen sich Behandlungsansätze für neurologische Gehirnerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson finden. Am Standort Frankfurt etwa gebe es dies auch. Tierschutzaktivisten hätten nach Logothetis’ Ankündigung aufgerufen, den Blick dorthin zu richten.

Anfeindungen scharf verurteilt

Die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) argumentiert ähnlich. Die Anfeindungen und Bedrohungen gegen die Tübinger Forscher „verurteile ich scharf“, sagt die Ministerin. Dass sich Logothetis zu solchen Konsequenzen gezwungen sah, „ist ein Rückschritt für die Diskussionskultur und für den Wissenschaftsstandort.“ Zynisch sei es, den Rückzug des Forschers und seine Motive „derart umdeuten zu wollen, als habe er damit eingeräumt, diese Versuche seien entbehrlich“, sagt Bauer weiter. Es sei unstreitig, dass „wir auf absehbare Zeit nicht auf tierexperimentelle Forschung verzichten können.“

Die angegriffene Tierschutzbeauftragte hingegen hofft, dass die Debatte darüber, was man unter Unerlässlichkeit zu verstehen habe, nicht abgewürgt wird. Tierversuche dürfen nur genehmigt werden, wenn sie für die wissenschaftliche Fragestellung unerlässlich sind. Der Gesetzgeber gibt außerdem vor, dass Tierversuche zu erlauben sind, wenn der wissenschaftliche Nutzen größer ist als die Belastung der Tiere. Das sei aber problematisch, weil es „weder für die Einschätzung der Belastung noch des Nutzens klare Bewertungsmaßstäbe gibt“, sagt die Tierärztin Cornelie Jäger.

Noch elf Versuche genehmigt

In Tübingen hat das Regierungspräsidium noch elf Versuche an Affen genehmigt, sie müssen spätestens 2019 abgeschlossen sein. Ob der jetzt 65-jährige Logothetis so lange weitermachen will, habe man mit ihm aber noch nicht besprochen, sagt Christina Beck von der MPG.

Keine Siegesfeier, keine Plakate des Triumphs – weder auf dem Holzmarkt noch auf der Neckarbrücke und auch nicht vor dem Max-Planck-Institut in Tübinger Halbhöhenlage gibt es Anzeichen für den Erfolg der Tierschützer. „Vor Wochen war hier ganz schön was los“, sagt eine Spaziergängerin an der großen Baustelle des Max-Plank-Instituts in der Spemannstraße. Es habe Demonstrationen gegeben, Sicherheitskräfte hätten das Gelände für Wochen abgeschirmt.

Nach den im September 2014 ausgestrahlten Filmsequenzen mit grausamen Bildern über Affenversuche waren die Mitarbeiter des Instituts bedroht worden. Nannten sie ihren Arbeitgeber, wurde die Wohnungsuche schwierig, ihre Kinder in den Kitas mussten sich anhören „Dein Papa ist ein Tierquäler“. Oberbürgermeister Boris Palmer bekam Briefe mit Anreden wie dieser: „Ihr Drecksgesindel, Tierschinder, Verbrecher . . . ihr gehört in die Luft gejagt . . .wir kommen in den nächsten Tagen“. Die Polizei hat einige Anzeigen der Tübinger Staatsanwaltschaft übergeben. Staatsanwälte haben im Januar auch die Räume des Instituts durchsucht. Ihre Begründung: „Es besteht der Anfangsverdacht, dass es im Zusammenhang mit zurückliegenden Versuchen an Affen zu zwei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen sein soll.“ Gut drei Monate später wird noch immer ermittelt.

Neue Ställe geplant

45 Affen leben in den Ställen des Instituts. Überleben wird wohl keines der Tiere. Aktuell hat das MPI eine Genehmigung für den Bau neuer Ställe für die Affen beantragt, die mehrere Millionen Euro kosten sollen. Das Baurechtsamt der Stadt will bis zum Sommer darüber befinden.

Palmer wird jetzt erneut beschimpft, „wenn auch nicht so schlimm wie im Herbst“, sagt er, „die sind jetzt zufrieden“. Er selbst ist es nicht: „Ich setze mich dafür ein, dass neue Versuche mit Affen gemacht werden können, das ist internationale Spitzenforschung, die Menschen hilft.“ Falls die Politik anders entscheide, würde er das hinnehmen, „aber nicht so“. Palmer meint das Nachgeben gegenüber dem Druck, den „fanatische Tierschützer aufbauen, die nicht aus Tübingen kommen“.

Die „Soko Tierschutz“ aus Augsburg jubiliert indessen im Internet: „Es ist und bleibt ein (...) einzigartiger Erfolg. Wir haben das zusammen erreicht und es ist eine große Niederlage für die Vivisektionsindustrie“. Die vierte Demonstration gegen Tierversuche soll in Tübingen am 27. Juni stattfinden.