Nach dem Zugunglück in Mannheim Gewerkschafter kritisieren Kontrolldefizite

Von , Berlin 

Nach dem schweren Zugunglück in Mannheim mit 35 Verletzten gibt es Kritik seitens der Eisenbahngewerkschaft. Sie beklagt fehlende Kontrollen, denn der Lokführer soll mehrere Rotsignale überfahren haben und Leiharbeiter einer holländischen Firma sein.

So sah es am 2. August nach dem Unfall aus:  die beiden umgekippten Waggons eines Eurocitys und die Lok eines Güterzugs im Hauptbahnhof von Mannheim Foto: dpa
So sah es am 2. August nach dem Unfall aus: die beiden umgekippten Waggons eines Eurocitys und die Lok eines Güterzugs im Hauptbahnhof von Mannheim Foto: dpa

Mannheim - Für Alexander Kirchner ist nun das Maß voll. Der Chef der Eisenbahngewerkschaft EVG fordert mehr Kontrollen im Güterverkehr auf der Schiene und die Einführung digitaler Fahrtenschreiber zur Überwachung der Fahrzeiten von Lokführern. Diese Überwachung sei im Lastwagen- und Busverkehr längst üblich und bei Güterzügen überfällig, heißt es bei der EVG. Leider habe Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf entsprechende Forderungen bisher nicht angemessen reagiert.

Zudem will Kirchner als Vizechef des Aufsichtsrats der Deutschen Bahn in der nächsten Sitzung detailliert Auskunft verlangen, welcher Schaden dem Staatskonzern durch das Mannheimer Unglück entstanden ist. Die EVG will auch darauf dringen, Schadenersatz bei den Verantwortlichen geltend zu machen. Die Frage sei allerdings, ob die Betroffenen einen Ausgleich überhaupt leisten könnten.

Kirchner kritisiert die Zustände im Bahnverkehr scharf. „Der politisch gewollte Wettbewerb nimmt mittlerweile beängstigende Formen an“, warnt der Gewerkschafter. Der Wildwuchs müsse unterbunden werden, um die Sicherheit auf der Schiene weiterhin und dauerhaft zu gewährleisten. Bei der Ausbildung von Lokführern seien einheitliche Standards nötig. Der Einsatz von Leiharbeitern müsse die Ausnahme sein und dürfe nicht zur Regel werden.

Der Lokführer soll drei Rotsignale überfahren haben

Das Zugunglück im Südwesten, bei dem vor einer Woche 35 Menschen verletzt wurden, zieht damit weitere Kreise. Die Staatsanwaltschaft und die Bundespolizei ermitteln wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Lokführer des Güterzugs, der bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof den mit 250 Passagieren besetzten Eurocity nach Graz rammte und zwei Waggons zum Entgleisen brachte. Der Lokführer soll dabei drei Rotsignale überfahren und eigenmächtig automatische Zwangsbremsungen ohne Erlaubnis vom Stellwerk aufgehoben haben.

Nach Angaben der EVG soll der Lokführer ein Leiharbeiter sein, der den Güterzug für das holländische Unternehmen ERS Railways gefahren habe. ERS wiederum sei eine Tochterfirma der britischen Gesellschaft Freightliner. Der Lokführer sei kein Mitarbeiter dieser Firmen, sondern bei einem Personaldienstleister beschäftigt. ERS arbeite ausschließlich mit Leiharbeitern, kritisiert die Gewerkschaft.

Die Gewerkschaft verlangt bessere Kontrollen

Kirchner verlangt, den Verantwortlichen für das Unglück die hohen Kosten in Rechnung zu stellen und Schadenersatz zu verlangen. „Das wird Thema der nächsten Aufsichtsratssitzung“, sagt der EVG-Chef. Die Deutsche Bahn soll dazu die Schäden am Eurocity und an der Infrastruktur, die Kosten für die Räumung der Unfallstelle und die Folgekosten zum Beispiel wegen Entschädigungen für Zugverspätungen beziffern. Das Unglück hatte den Zugverkehr erheblich gestört und viele Verspätungen verursacht.

Die Gewerkschaft will am Montag bei einer Pressekonferenz in Mannheim ihre Forderungen nach besseren Regelungen und mehr Kontrollen im Güterverkehr auf der Schiene erläutern. Seit der Liberalisierung der Bahnmärkte in Europa hat die Branche einen erheblichen Wandel erlebt, den Kritiker mit Skepsis sehen, weil bei Unfällen und Mängeln die Verantwortlichen häufig schwer dingfest zu machen sind. Zwar ist jeder Betreiber zuallererst selbst für den gefahrlosen Betrieb und sichere Züge verantwortlich, wie auch das Eisenbahnbundesamt (EBA) als Aufsichtsbehörde regelmäßig betont. Doch die Lage ist oft unübersichtlich.

Wenig Transparenz im Schienengüterverkehr in Europa

Im Güterverkehr auf der Schiene herrschen seit der Liberalisierung wenig transparente Zustände. Oft arbeiten die Transportunternehmen  europaweit und kooperieren mit zahlreichen Subauftragnehmern, Wartungs- und Leihfirmen. Zudem werden bei den Gütertransporten Waggons und Ladungen unterschiedlicher Kunden zusammengestellt. Auch die Fahrzeuge selbst sind oft nur gemietet und von Verleihern gestellt. Im Extremfall sind so für jeden einzelnen Waggon mehrere unterschiedliche Unternehmen verantwortlich. Erst vor kurzem stellten Schweizer Inspektoren bei Prüfungen in Chiasso eklatante Mängel an einem Güterzug aus Brescia (Italien) fest, darunter beschädigte Bremsen.

Bei Sonderprüfungen stellte auch das Eisenbahnbundesamt (EBA) vor einigen Jahren gravierende Mängel sogar an jedem fünftem untersuchten Güterwaggon fest. Besonders die Achsen gelten bei vielen Fahrzeugen als Schwachpunkte, die zulässigen Lasten wurden teils reduziert. Nach mehreren Unfällen schritten die Bahnbehörden in Europa ein und verhängten teils strenge Auflagen, um mehr Sicherheit zu gewährleisten. Das EBA hatte die Prüfaktion nach dem Feuerinferno im italienischen Viareggio angeordnet, wo vor fünf Jahren ein Gaswaggon entgleiste und die Brandkatastrophe gut zwei Dutzend Menschen das Leben kostete