Nach den schlechten Ergebnissen in Bildungsstudien Wie funktioniert Leseförderung an Stuttgarter Grundschulen?

Die Drittklässlerinnen Laren und Milana lesen einander im Tandem vor. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Damit Kinder besser lesen lernen, hat das Kultusministerium in diesem Schuljahr das sogenannte Leseband verpflichtend gemacht. Die Kinder der Raitelsbergschule in Stuttgart-Ost zeigen, wie es funktioniert.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Younes und Alizée sind Sprinter. Ihre Aufgabe: So viele Wörter wie möglich in einer Minute fehlerfrei zu lesen. Younes (10) ruft die Karte mit Begriffen auf seinem Ipad auf. Alizée (9) stellt auf ihrem den Timer auf 60 Sekunden. Und los geht’s: „Mögen, Feuer, Eis, Onkel, flach, weiß, nachts, lachen, warm, bleiben, müde, Haus, Salatkopf, eifersüchtig, Märchen“, rattert Younes los. „Stopp!“, ruft Alizée, als die Zeit um ist. 110 Wörter hat ihr Klassenkamerad bis dahin geschafft. Bei nur zweien hat Alizée, die leise mitgelesen hat, einen Fehler bei der Aussprache entdeckt. Macht also 108 Wörter. Ein neuer Rekord für Sprinter Younes!

 

Zweimal die Woche, je 20 Minuten lang, üben die 22 Kinder der Klasse 4c an der Raitelsbergschule in Stuttgart-Ost auf diese Weise. „Leseband“ heißt dieser Baustein im Stundenplan, der seit dem Herbst 2023 in allen Grundschulen in Baden-Württemberg verpflichtend ist. Er zieht sich durch alle vier Jahrgangsstufen.

Jeder fünfte erreicht das Mindestniveau nicht

Wie lässt sich die Lesefähigkeit und das Leseverständnis von jungen Menschen verbessern? Diese Frage treibt Bildungsforscher und -politiker um, seit Studien regelmäßig ergeben, dass sehr viele Kinder beides nicht gut genug können. In der sogenannten IQB-Studie erreichte jeder fünfte Schüler nicht den Mindeststandard im Lesen. In der Pisa-Studie war es bei den 15-Jährigen sogar jeder vierte. Die Frage ist auch: Wie lassen sich die unterschiedlichen Startbedingungen der Kinder ausgleichen, wenn etwa die Eltern nicht helfen können oder wollen und wenn daheim überhaupt kein Deutsch gesprochen und kein deutsches Buch gelesen wird?

Der Blick geht nach Hamburg, wo man mit dem Prinzip Leseband in den vergangenen Jahren gute Erfolge erzielt hat. Zumal bei jenen, die daheim wenig Unterstützung beim Lernen haben. Zum Schuljahr 2023/24 machte Kultusministerin Theresia Schopper (Grüne) die Methode für die 2300 Grundschulen im Land zur Pflicht. Das Grundprinzip: Die Kinder lesen einander in Tandems laut vor. Eingebettet ist das Leseband in die Förderstruktur Biss-Transfer.

Es gab keine Gesamtstrategie

Wer sich nun fragt, wie in den Grundschulen denn bislang das Lesen gelernt wurde, dem nimmt Annette Graf vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL) den Wind aus den Segeln. Natürlich sei schon immer lesen geübt worden, auch durch lautes Lesen, sagt sie, aber: Es habe keine durch empirische Forschung unterfütterte landesweit einheitliche Gesamtstrategie gegeben, kein Lesecurriculum, das festlegte, in welcher Stufe wann, was wie gezielt geübt werden soll. Das ist nun anders.

Annette Graf arbeitet zunächst für das Kultusministerium an Biss, einer Bund-Länder-Initiative mit dem Titel „Bildung in Sprache und Schrift“. Gestartet unter Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) wurde im Schuljahr 2020/21 mit Modellschulen erprobt, was den Lernerfolg wirklich steigert. Ein Ergebnis: Systematisches Training mit Laut-Lesen in kurzen Abständen auf die immer gleiche Art und die Einführung von Lesestrategien – das hilft.

Annette Graf und ihr Biss-Team haben ein Lesecurriculum entwickelt, das die Lerninhalte von der ersten bis zur vierten Klasse wie in den Schleifen einer Spirale immer wieder aufnimmt, weiter entwickelt und so festigen soll. Zunächst wird die Leseflüssigkeit geübt, dann das Leseverständnis verbessert. „Erst wenn das Lesen gut und schnell klappt, können sich Kinder darauf konzentrieren, die Texte zu verstehen“, sagt Graf. Ein Schlüssel wiederum dafür, in allen Fächern erfolgreich lernen zu können.

Die Lehrkräfte diagnostizieren regelmäßig den Lesestand jedes Kindes, passen den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben entsprechend an. Dazu bekommen sie übersichtliche Tabellen, die erklären, in welchem Schuljahr wann was trainiert wird. Und die bekommen Übungen vorgeschlagen.

Lehrerin Anne Bremer erklärt ihren Schülern, wie das Leseband funktioniert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In der Klasse 4c der Raitelsbergschule arbeiten die Mädchen und Jungen in drei Stufen: Das Tandem Yasin (9) und Yasin (12) sowie Sophie (9) und Meryem (10) beispielsweise üben mit den Slalom-Karten. Dabei lesen sich die Kinder gegenseitig Wörter auf dem Tablet vor und verbessern einander. Schnelligkeit spielt hier noch keine Rolle. Haben sie alle sechs Slalom-Stufen geschafft, werden sie zu Sprintern, üben also wie Younes und Alizée schneller zu lesen. Danach kommt das so genannte Kanu. Mit diesem Material werden Leseverständnis und Lesestrategien trainiert. „Da geht es zum Beispiel darum, von der Überschrift auf den Inhalt schließen zu können. Es werden schwierigere Begriffe erklärt und gelernt, wie man Texte zusammenfasst“, sagt die Lehrerin Ulrike Stilz.

Lehrkräfte müssen Material nicht selbst erarbeiten

Die Pädagogin arbeitet seit 30 Jahren an Grundschulen. Sie schätzt es, dass nun durch Biss-Transfer alle dieselben Curricula zur Verfügung haben. Das einheitliche Material erspare den Lehrern, sich selbst etwas erarbeiten zu müssen. An der Raitelsbergschule arbeiten sie mit dem Programm Quop, entwickelt von der Universität Münster, das Material für die Schüler-Lese-Tandems, aber auch ein Analysetool für die Lehrer zur Verfügung stellt, mit dem der Lernstand der Kinder einfach erhoben werden kann. Ulrike Stilz stellt fest, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler, von denen fast alle eine Migrationsgeschichte mitbringen, verbessert haben. Dass sie zwischendurch immer wieder kleine Erfolge erleben, weil sie zum Beispiel vom Slalom in den Sprint wechseln dürfen, motiviere die Kinder, sagt sie. „Wir haben jetzt alle Slalom-Karten geschafft“, wird zum Beispiel Yasin am Ende der Unterrichtsstunde stolz sagen.

Wie alle Biss-Schulen hat auch die Raitelsberger ein Team in ihrem Kollegium zusammengestellt, das sich darum kümmert, das Leseband einzuführen und zu begleiten. Die Lehrkräfte informieren auch die Eltern der Schüler über das neue Lernen. Übergeordnet betreut das ZSL mit sechs Regionalkoordinatorinnen und 50 Sprachbildnerinnen das Programm. Von ihnen bekommen die Lehrkräfte Anleitung, Hilfe und auch Fortbildungen, erklärt Annette Graf. So soll ein Netzwerk des Austausches entstehen. Derzeit denke man zudem darüber nach, ob und wie man das Programm für die weiterführenden Schulen weiterentwickeln könne.

Eine liest, der andere verbessert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Biss-Transfer regt auch dazu an, über das Leseband, also die zwei mal 20 Minuten hinaus, Leseförderung in den Alltag der Schulen einzubetten. In Stuttgart-Ost gibt es in fast jedem Klassenzimmer eine Leseecke mit Büchern, eine kleine Bibliothek, die allen offen steht, und einen Vorlesewettbewerb der Kinder. Außerdem tun sich erste und dritte sowie zweite und vierte Klassen zusammen, um sich gegenseitig vorzulesen. Ulrike Stilz geht außerdem mit ihrer Klasse regelmäßig in die Stadtteilbibliothek. „Es gibt Kinder, die haben kein Buch daheim“, sagt sie.

Klangteppich aus 17 Stimmchen gewebt

Klassenzimmerwechsel in der Raitelsbergschule: Auch in der Klasse 3b steht heute das Leseband auf dem Stundenplan. Ipads haben die Kinder hier zwar nicht, aber auf Papier geht es genauso gut. „Obstsalat, geheimnisvoll, Papagei, Liegestuhl, Hackfleisch, niemals, Schokolade, Apfelbaum“ – durch den Raum weht ein Wort-Klangteppich, aus 17 Stimmchen gewebt.

Immer zwei, ein stärkerer und ein schwächerer Leser üben zusammen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In den dritten Klassen bilden jeweils ein stärkerer und ein schwächerer Leser ein Tandem, erklärt die Lehrerin Anne Bremer. Youssef übt mit Mehmet, Aaron mit Kirushajiny, Maxim mit Aniyah, Regina mit Elias. „Ich finde, dass Mehmet schon sehr gut liest“, lobt Youssef seinen Klassenkameraden, „vielleicht sollte er manchmal langsamer lesen“. Maxim sagt: „Aniyah lacht immer, wenn sie einen Fehler macht, mit ihr ist es lustig.“ Und Regina sagt: „Elias hat nur beim Wort ,brummen’ Probleme gehabt.“ Auch die Freundinnen Laren und Milana arbeiten im Tandem. Zuerst liest Laren vor, dann lesen sie zusammen. Wenn Milana sich sicher fühlt, liest sie allein.

Laren mag Bücher. Daheim schlägt sie immer eines „zum Einschlafen“ auf. „Der magische Blumenladen“ gefällt ihr sehr, das Buch hat sie schon in der Klasse vorgestellt. Auch Milana guckt sich daheim Bücher an: „Lesen macht manchmal Spaß. Wenn da was Tolles und Interessantes steht“.

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