Nach den Serienmorden von Schwalbach Die Angst vor dem Angriff aus dem Nichts

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Serienmorde sind für viele Menschen ein Gruselelement aus dem Fernsehen. Seit der Mordserie von Schwalbach fragen sich viele, ob sie sich in falscher Sicherheit wiegen. Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg erklärt das Phänomen des (Serien)-Mörders.

Fotos von Mordopfern: Hinter einer Mordserie   steckt wohl ein bis dahin unbescholtener Familienvater aus Schwalbach. Foto: dpa, StZ
Fotos von Mordopfern: Hinter einer Mordserie steckt wohl ein bis dahin unbescholtener Familienvater aus Schwalbach. Foto: dpa, StZ
Der Garagenfund im hessischen Schwalbach hat einen Abgrund aufgetan. Ein unverdächtiger Familienvater hat wohl über Jahre hinweg gemordet und Leichenteile konserviert. Es stellt sich die Frage: Gibt es in deutschen Kellern, Garagen und Wohnzimmern mehr Abgründe als angenommen? Der Kriminologe und Psychologe Rudolf Egg beruhigt. Serienmorde sind zwar sehr medienwirksam, aber kein Massenphänomen, sagt er.
Herr Egg, wie wahrscheinlich ist es, dass wir morgen wieder über einen Serienmörder in Deutschland berichten müssen?
Sehr unwahrscheinlich. Morde sind ja generell seltene Straftaten – und Serienmorde sind noch sehr viel seltener.
Es verbirgt sich also nicht in jeder deutschen Garage ein Mordabgrund?
Nein. Sicherlich nicht.
Gibt es statistische Zahlen zu Serientätern?
Ich würde schätzen, dass pro Jahr höchstens ein solcher Fall bekannt wird, während wir im Jahr etwa zweitausend Tötungsdelikte haben.
Die Aufklärungsrate ist ja bei Tötungsdelikten eigentlich sehr hoch.
Bei Serienmorden natürlich nicht, sonst gäbe es ja solche Serien nicht. Aber generell ist die Aufklärungsquote bei Mord sehr hoch; sie liegt bei rund 95 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass die Mehrzahl der Morde sich im sozialen Nahraum ereignet. Aber es bleibt eben ein kleiner Rest von fünf bis sieben Prozent an Morden, die nicht sofort oder nicht ohne Weiteres aufklärbar sind.
Die NSU-Morde packen Sie auch zu den Serienmorden?
Ja, selbstverständlich. Serienmord heißt, dass ein Täter oder auch ein Duo an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten tötet. Dabei lassen sich mehrere Tat- oder Tätergruppen unterscheiden. Zum einen handelt es sich dabei um Taten, die aus sexuellen Motiven begangen werden. Das ist der klassische Jack-the-Ripper-Fall. Dann gibt es Taten, bei denen Bereicherung eine Rolle spielt, also serienhaft verübte Raubmorde. Und schließlich gibt es auch Taten aus politischen oder rassistischen Motiven. Die sogenannten Sexualmorde kann man noch unterteilen in solche, bei denen die Tötung ein Teil des sexuellen Motivs ist. Das nannte man früher Lustmorde. Die viel größere Gruppe der Sexualmorde sind jedoch Verdeckungsmorde. Das Opfer wird also getötet, damit die vorausgehende Sexualstraftat nicht aufgeklärt wird.
Wie stufen Sie die Krankenschwestern und Pfleger ein, die ihre Patienten töten?
Das ist eine weitere Motivlage. Dabei handelt es sich oft um Personen, die aus vermeintlichem Mitleid anderen Menschen ein Leiden ersparen wollen. Sie stellen sich dabei aber über Recht und Gesetz und spielen sich als Herren über Leben und Tod auf.
Sind Serienmörder überwiegend männlich?
Bei allen Gewaltverbrechen sind männliche Täter mit einem Anteil von weit über 80 Prozent, bei Mord sogar fast 90 Prozent, deutlich in der Mehrzahl. Männer sind in der Regel impulsiver und aggressiver als Frauen. Dominanz und Kontrolle spielen für Männer generell eine große Rolle. Männer werden übrigens auch häufiger Opfer von Gewaltverbrechen – außer bei den Sexualstraftaten.
Was muss passieren, dass ein Täter nach dem ersten Mord weitertötet?
Für einen Mord braucht man einen triftigen Grund: Eifersucht, Habgier, demütigende Erfahrungen. Durch den Mord ist das Motiv dann befriedigt, wenn auch vielleicht nicht so, wie sich das der Mörder gewünscht hat. Für den Serienmörder gibt es dagegen ein immer wieder neu aktivierbares Motiv, das sich auch gegen verschiedene Personen richten kann. Das kann der Wunsch sein, eine fremde Person in eine hilflose Lage zu bringen und zu quälen, um so das eigene Machtgefühl zu steigern. Dieses Tatmotiv kann nach einer gewissen Zeit erneut aktiv werden und die Tat deshalb wiederholt werden.
Man hat den Eindruck, dass der Serienmord ein außerdeutsches Phänomen ist. Trügt dieser Eindruck?
Ich weiß nicht, ob es wirklich nationale Unterschiede gibt. In der Tat wird mehr über Serienmorde in den USA berichtet. Es ist aber auch ein sehr viel größeres Land mit einer höheren Verbrechens- und Mordrate. Das gilt auch für Russland.
Haben Sie eine Erklärung, warum dort womöglich mehr – wie Sie sagen – Lustmorde geschehen.
Da muss man genau hinschauen, ob wirklich mehr Lust- oder mehr Verdeckungsmorde geschehen. Aber für eine Gesellschaft, die sehr viel gewaltaffiner als die deutsche Gesellschaft ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass es mehr Serienmorde gibt als in Deutschland. Und gewaltaffiner ist die amerikanische Gesellschaft mit Sicherheit. Denken Sie nur an den häufigeren Schusswaffengebrauch und an die vielen Amokläufe. Wenn es dort aber mehr Lustmorde geben sollte, dann hat das nichts mit der Akzeptanz von Gewalt zu tun, sondern mehr mit der Psyche von Menschen. Und da sehe ich keine großen nationalen Unterschiede. Aber für solche seltenen Fälle gibt es keine Massenstatistik.
Gruseln wir uns mehr, je mehr Opfer es gibt?
Natürlich. Ich habe das 2002 beim ersten großen deutschen Amoklauf in Erfurt erlebt. Ich hatte an diesem Tag zunächst nur einen Anruf von einem Journalisten, der von zwei Toten sprach. Danach war eine Weile Ruhe, dann rief der gleiche Journalist wieder an und sagte, es seien jetzt doch mehr als zehn Opfer. Danach stand mein Telefon nicht mehr still. Das heißt: Die Anzahl der Opfer hat alle wach gerüttelt. Was wäre gewesen, wenn man Robert Steinhäuser schon nach dem ersten Schuss hätte stellen könne. Es wäre der gleiche Täter, die gleiche Intention der Tat – nur die Anzahl der Opfer wäre geringer gewesen. Und die Berichterstattung darüber wäre sicher anders gewesen. Aber so sind wir halt offenbar getaktet.
Warum reagieren wir so?
Es bedeutet nicht, dass wir Freude daran haben, dass etwas Schlimmes passiert. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass das vielmehr eine Beruhigungsfunktion hat. Wir wissen doch immer, dass das Leben voller Gefahren ist. Vor Krankheit, Krieg und Kriminalität haben wir Angst. Wenn etwas davon eintritt, schauen wir genau hin. Wir haben dann die Bestätigung, dass die Welt gefährlich ist, denken aber: Dieses eine Mal bin ich noch davon gekommen. Das ist das Tröstliche dabei. Es ist also keine Schadenfreude, wenn wir uns die Unwetterbilder anschauen und erleichtert sind, dass es bei uns nur ein bisschen geregnet hat. Sondern das ist die Erkenntnis: es gibt das Schlimme, aber dieses Mal ist mir nichts passiert.
Ist das auch bei Verbrechen der Fall?
Ja. Gerade bei Serienmorden trifft es ja meist Personen, die den Täter gar nicht kannten. Das ist die größte Angst: Dass man aus dem Nichts heraus Opfer eines Menschen wird, dem man nichts getan hat, gegen den man aber auch nichts machen kann. Wenn man zum Beispiel von einem Tötungsdelikt bei einem Streit unter Eheleuten hört, kann man sich damit trösten, dass der eigene Mann friedlich ist und einem so etwas also nicht passieren kann.
Und wenn man den Täter nicht kennt?
Wenn aber jemand nachts auf der Straße getötet wird, ist das etwas, was einem auch geschehen kann. Das eine ist eine unmittelbare Bedrohung, das andere löst nur Mitleid aus. Das ist auch bei Morden an Kindern so. Die meisten der pro Jahr getöteten Kinder, vielleicht 60 bis 80, werden von ihnen nahestehenden Menschen umgebracht. Das ist in jedem Fall schlimm. Dennoch entsetzt uns der Mord durch eine fremde Person stärker. Das ist der gleiche Mechanismus. Davor, dass andere Kinder brutale Eltern haben, muss ich keine Angst haben. Wohl aber davor, dass mein Kind von einem fremden Täter auf dem Schulweg entführt wird.

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