Nach den Wahlen Adele lieben und AfD wählen

Ein schönes Bild aus München Foto: dpa/Felix Hörhager

Alle wissen, warum die jüngsten Wahlen in Thüringen und Sachsen so schief gegangen sind. Aber nichts an den vielen Worten kann überzeugen, findet unser Kolumnist Tim Schleider

Kultur: Tim Schleider (schl)

Wir erleben eine Zäsur. Die demokratische Mitte. Nun auch die Jungen. Das etablierte Parteiensystem. Hoffähig geworden. Die Bürger erwarten jetzt, dass. Geradezu auf den Kopf gestellt. Erinnert an 1927. Erinnert an 1964. Erinnert an 1932. Veränderungsschock. Jetzt schnell liefern. Ampelpampeltrampel.

 

Und dann kommt ja auch noch Brandenburg

Seit Sonntag kurz nach sechs am Abend prasselt das Erklärungsdonnerwetter aus allen Netzen und Kanälen auf uns herab. Analysen, Interviews, Talktalktalk. Miosga-Maischberger-Lanz. Politiker, Professoren, Pürger; pardon: Bürger. Zwei Drittel der Befragten geben zu Protokoll, sie seien tief erschüttert. Aber diese Erschütterung äußert sich keineswegs wie zum Beispiel nach einer schlimmen Diagnose oder einem Trauerfall in Wortfindungsschwierigkeiten, sondern gerade umgekehrt in einem Wort-, Erklärungs- und Schuldzuweisungsschwall. Ach ja, in zwei Wochen kommt noch Brandenburg. Da geht’s vermutlich grad so weiter.

Ich dagegen war nach der Wahl mit Adele beschäftigt. Nein, ich war nicht beim letzten Konzert der Popsängerin in München gewesen, aber am späten Sonntag bekam ich auf meinem Smartphone ein weiteres Adele-Minivideo zugespielt. Die Adele-Festwochen haben mir offenbart, dass ich offenbar in meinen über die Jahre eher planlos angesammelten Whats-App-Kontakten eine markant große Zahl an Adele-Fans besitze, denn nach jedem der zehn Konzertabende fand ich unter dem Button „Aktuelles“ ein bis zwei von Konzertbesuchern eigens mit dem Phone gedrehten und hernach mit all ihren Kontakten geteilten Videos

Die bisher unbekannte Adele-Blase

Wenn ich all diese Videos zusammenschneiden würde, hätte ich unverhofft ein kleines Best-Of der Adele-Show; sagenhaft, und das für umme. Wobei der künstlerische Eindruck all dieser Mitschnitte leidet, weil zum Wesen solcher Mitten-aus-dem-Popkonzert-Videos gehört, dass der textsichere Absender den gerade aufgeführten Song mitsingt, ohne dabei das stimmliche Niveau der Sängerin zu erreichen.

Darüber will ich mich hier aber gar nicht beschweren. Mich beschäftigt die Frage: Wie kommt es, dass ich zumindest auf meinem Phone in einer Adele-Blase lebe, ohne selbst ein Adele-Fan zu sein (ja, das gibt es)? Und ist es grundsätzlich möglich, dass sich in dieser friedlich feiernden, popmusik-seligen Fanwelt, die ich da zu sehen bekam, auch Menschen befinden, die eine extrem rechte oder eine extrem linke Partei wählen, nur weil diese beispielsweise verspricht, keine Flüchtlinge mehr ins Land zu lassen oder sehr zügig Wladimir Putin wieder friedlich zu stimmen? Und denen Fragen der Zukunft unseres demokratischen Rechtsstaates dabei herzlich egal sind?

Ich dachte viele Jahre lang, es wäre möglich, solche Stimmungswelten klein, überschaubar, begrenzt und vor allem schön getrennt von meiner Stimmungswelt zu halten. Ich befürchte, so funktioniert das nicht mehr. Kultur ist keine Garantie mehr. Das ist eine schlimme Diagnose. Und bis jetzt überzeugt noch keine der Jetzt-aber-und-sofort- Therapien.

Weitere Themen