Nach der Absage des Stuttgarter Weihnachtsmarktes Ein Abend der Tränen

Aus der Pyramiden-Traum für dieses Jahr: die Schaustellerfamilie Zinnecker aus Bayern mit Familienoberhaupt Andreas Zinnecker in der Mitte. Foto: jse

Das kurzfristige Aus für den Stuttgarter Weihnachtsmarkt trifft Beschicker ins Mark – bei allem Verständnis, das sie aufbringen. Für sie stellen sich in wirtschaftlicher Hinsicht existenzielle Fragen. Drei Reaktionen vom Montagabend.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - An diesem Montagabend fließen in der Stuttgarter City Tränen. Die Tränen von Budenbesitzern und Beschickern. Die Nachricht von der Absage des Weihnachtsmarkts ist erst wenige Minuten alt. „Stimmt das wirklich?“, ruft Christian Winter, der sein Geld damit verdient, Marktstände mit Elektrik auszustatten. Er ist gerade dabei, den Stand der Familie Becker aus Feuerbach zu verkabeln. „Ja stimmt!“, sagt Enrico Becker mit leerem Blick. Mit seiner Schwägerin wollte er am Schlossplatz unterhalb des Herzog-Christoph-Denkmals eine Grillhütte betreiben.

 

Warten auf die Soforthilfe vom vergangenen Jahr

Viele Tage Arbeit und einen fünfstelligen Betrag haben die Beckers in die Bude gesteckt. Sie sollte dieses Jahr besonders glänzen. Jetzt gehen schon wieder die Lichter aus. Schweigend stehen sie mit ihren Mitarbeitern an ihrem fast vollständig aufgebautem Stand und kauen Sandwiches, wenn die Tränen sie nicht übermannen. „Wir haben Verständnis“, sagen sie schließlich gefasst. Die Coronalage sei ernst. Und doch haben sie gehofft, es könnte mit dem Weihnachtsmarkt unter 2-G-plus-Bedingungen irgendwie klappen. Es geht um ihre wirtschaftliche Grundlage. Und um mehr. „Da ist viel Herzblut mit dabei“, sagen die Beckers. „Wir lieben unsere Gäste.“

So groß der Schmerz, so bemerkenswert ihre Anerkennung für die Stuttgarter Veranstaltungsgesellschaft stuttgart.in, die den Markt organisiert. „Sie haben sich viel Mühe gegeben.“ Aber es hat eben nicht gereicht. Die Beckers meinen, es wäre besser gewesen, man hätte den Markt rechtzeitig abgesagt. Wie die Märkte in Heilbronn oder Aschaffenburg, wo sie ebenfalls vertreten gewesen wären. Der wirtschaftliche Schaden hätte sich dann in Grenzen gehalten. So aber wissen sie erst mal nicht, wie es weitergehen soll. „Wir haben noch nicht einmal die Soforthilfe aus dem vergangenen Jahr vollständig erhalten“, sagen sie mit stockender Stimme.

„Die Politik hätte rechtzeitig entscheiden sollen“

50 Meter weiter, vor dem Königsbau, stehen Maria Tsakalidou und Emanuel Tartanis, ein griechisches Ehepaar aus Stuttgart an ihrem Stand mit Brandmalereien. Zwei junge Besucherinnen versuchen sie aufzubauen, sagen, wie bedauerlich sie es finden, dass sie ihren Stand gleich wieder abbauen müssen. „Voll schade!“, sagen sie. Die beiden Griechen aus Stuttgart lächeln, winken den jungen Frauen zu und sagen: „Es gibt Schlimmeres. Die Gesundheit geht vor. Wir schaffen das!“ Aber er ist ein schmerzvolles Lächeln. „Ich kann es nicht verstehen, dass man den Markt erst genehmigt und jetzt wieder absagt nachdem alles aufgebaut ist“, sagt Emanuel Tartanis nach einer kurzen Pause. Seit 2007 sind die beiden mit ihrem Stand auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt vertreten. Nun müssen sie das zweite Jahr in Folge ohne die Einnahmen auskommen. Tartanis ist sauer auf die Politik, „weil sie nicht rechtzeitig entschieden hat“. Wenigstens beschäftigen die beiden kein Personal, um das sie sich andernfalls jetzt kümmern müssten. „Bei uns geht es ja noch, aber schauen sie mal das dort an!“

Die Pyramide sollte das Prunkstück des Weihnachtsmarkts sein

„Das dort“, das ist die 30 Meter hohe imposante Weihnachtspyramide der Familie Zinnecker aus Bayern. Mit Hilfe eines Schwerlastkrans ist sie seit Samstag vor dem Kunstmuseum errichtet worden. Ein massives 500 000 Euro teures Gebäude, mit aufwendig gestalteten Innenräumen auf drei Stockwerken. Allein die Statikkosten betragen 70 000 Euro. Die Pyramide ist der Blickfang und das handwerkliche Prunkstück des Weihnachtsmarktes. Vor zwei Jahren war sie schon einmal zu bestaunen. Jetzt ist sie noch eindrucksvoller.

„Wir haben sie grundlegend neu gestaltet“, sagt Familienoberhaupt Andreas Zinnecker, gelernter Schreiner und Chef des Ganzen. Zinnecker ringt um Fassung – und bewahrt sie. „Ich muss jetzt ein bisschen stark sein“, sagt der 53-Jährige. Stark für seine mit angereiste zwölfköpfige Familie, zu der drei Kinder und sieben Enkel zählen. Auch hier fließen Tränen. Die Pyramide ist das Vorzeigeprojekt der erfolgreichen Schaustellerfamilie, die auch regelmäßig mit Fahrgeschäften auf dem Cannstatter Wasen vertreten ist. Stolz zeigt Zinnecker die handgeschnitzten Figuren und die aufwendig gestalteten Stuben – alles mit Liebe gemacht. Und alles steht still.

Lebensmittel für 50 000 Euro

„Schauen Sie“, sagt Zinnecker und öffnet den Kühlraum in der nagelneuen Küche. „Hier lagern Lebensmittel im Wert von 50 000 Euro.“ Vorab bezahlt. 50 Leute sollten in der Pyramide von Mittwoch an Speisen zubereiten, ausschenken, bedienen. Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Katastrophe, die gerade über ihn hereingebrochen ist, reiht Zinnecker aufgewühlt Zahlen aneinander: „22 Transporte, sechs Wochen Akkordarbeit, drei bis sechs Stunden Schlaf in der Nacht.“ Die Familie hat sich abgearbeitet für dieses Projekt. Wie es weitergeht, weiß er aktuell nicht. „Ich hoffe, dass die Banken mitspielen, sonst könnte es uns zerreißen.“

Eindrucksvoll ist die Größe und der Zusammenhalt, die Andreas Zinnecker und seine Familie in diesem Moment zeigen. „Stuttgart ist eine wunderbare Stadt mit wundervollen Menschen“, sagt er und lobt die Veranstaltungsgesellschaft in.stuttgart in den höchsten Tönen. Deren Mitarbeiter hätten „alles gegeben“. Kein Vorwurf von seiner Seite. Nur Traurigkeit. Das Wichtigste sei die Gesundheit, sagt Andreas Zinnecker dann leise. Die gute Nachricht des Tages komme von einem Familienmitglied anderswo, das schwer an Corona erkrankt gewesen sei und jetzt „über den Berg ist“, erzählt er. In diesem Augenblick siegt das Lächeln.

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