LKA übernimmt Fall Bluttat im Fasanenhof gehört zur Schuss-Serie in der Region Stuttgart

Mehr Licht ins Dunkel: Der Tatort Solferinoweg im Stadtteil Fasanenhof wird nach Spuren durchsucht. Foto: Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

Erst machte sich eine zwölfköpfige Ermittlungsgruppe der Stuttgarter Polizei an die Aufklärung der Bluttat im Stadtteil Fasanenhof. Nun bestätigt sich, dass der Fall zu der Schuss-Serie in der Region gehört. Überdies ist eine Schießerei in Zuffenhausen seit neun Monaten ungeklärt.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Die zwölfköpfige Ermittlungsgruppe namens „Cava“, lateinisch für Löcher, hat nur einen Tag gebohrt. Nach der Bluttat am Dienstagnachmittag im Stadtteil Fasanenhof steht fest, dass hier ein neues Kapitel des Kriegs zweier Cliquen mit Gangster-Rapper-Attitüde geschrieben wurde. Der 29-Jährige, der von einem halben Dutzend maskierter und dunkel gekleideter Männer der gegnerischen Gruppe niedergestochen wurde, ist nach einer Notoperation außer Lebensgefahr. Ob er bei den Ermittlungen um rivalisierende Gruppierungen in der Region Stuttgart weiterführende Aussagen macht, gilt für Experten eher als zweifelhaft.

 

Diesmal war es keine große Sonderkommission, wie sie noch im März dieses Jahres bei einer Schießerei in der Burgunderstraße in Zuffenhausen gebildet worden war. Damals schien das noch der Höhepunkt einer bewaffneten Auseinandersetzung multiethnischer Gruppierungen zu sein – mit hohem Personalbedarf bei den Ermittlern. Im jüngsten Fall gibt es mehr Ansatzpunkte – und zunächst waren zwölf Beamtinnen und Beamte der Stuttgarter Polizei mit einer Ermittlungsgruppe für die Spurensuche zuständig. Doch seit Mittwochnachmittag steht fest: Das Landeskriminalamt wird die Hoheit über die Ermittlungen übernehmen.

Das Opfer steht auf der LKA-Liste der Fünfhundert

Auch wenn diesmal wohl nur ein Messer oder anderes Stichwerkzeug im Spiel gewesen sein soll: Die Zusammenhänge mit der Schuss-Serie in der Region waren wegen der Person des polizeibekannten Opfers schnell offenkundig. Am Nachmittag erklärte das Landeskriminalamt, dass die Behörde deshalb die weiteren Ermittlungen übernimmt. „Der 29-jährige Deutsche wird einer der beiden rivalisierenden Gruppierungen zugerechnet, zwischen denen es im Großraum Stuttgart immer wieder zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen ist“, sagt LKA-Sprecher Jürgen Glodek.

Indirekt bestätigt das LKA damit auch, dass der 29-Jährige auf der Liste der 500 mutmaßlichen Mitglieder zweier Gruppierungen steht, die sich mindestens seit Juli 2022 bekriegen. Die multiethnischen Gruppen mit überwiegend kurdischen Hintergründen haben ihre Basis in Zuffenhausen-Göppingen und in Esslingen-Plochingen. Gleichwohl gibt es auch immer wieder Gewaltkriminalität mit Tatorten zwischen Vaihingen und dem Fasanenhof. Zuletzt wurde ein 31-Jähriger am 2. Oktober in Vaihingen von einem Autofahrer gezielt angefahren und schwer verletzt. Der 25-jährige Verdächtige, noch immer untergetaucht, stellte das Tatfahrzeug im Fasanenhof ab. War die Tat im Solferinoweg etwa eine Revanche?

Schüsse von Zuffenhausen ungeklärt

Derweil ist die Ermittlungsarbeit nach den Schüssen auf einen 32-Jährigen in Zuffenhausen auch nach neun Monaten immer noch nicht beendet. Der Mann war am 17. März in der Burgunderstraße vor einer Shisha-Bar niedergeschossen worden, er muss dem Vernehmen nach bis heute mit schweren körperlichen Behinderungen leben. Die Sonderkommission „Runaway“ kam einen Monat später auf die Spur eines 20-Jährigen aus Plochingen (Kreis Esslingen), der daraufhin in Untersuchungshaft landete. Die Schüsse waren offenkundig Teil der Fehde der Gruppierungen. Die Polizei reagierte mit groß angelegten Kontrollaktionen, um in der Szene Flagge zu zeigen.

Urteil wegen Waffenbesitzes, nicht wegen der Tat

Über das Ergebnis des Ermittlungsverfahrens der Soko Runaway war danach nichts mehr zu erfahren. Kein Wunder: Es stellte sich heraus, dass dem 20-Jährigen keine Beteiligung nachzuweisen war. „Der Beschuldigte befand sich zunächst wegen des dringenden Tatverdachts der Beihilfe zum versuchten Totschlag in Untersuchungshaft“, bestätigt Aniello Ambrosio, Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, auf Anfrage unserer Zeitung. „Nachdem diesbezüglich kein dringender Tatverdacht mehr vorlag, wurde der Haftbefehl auf Antrag der Staatsanwaltschaft aufgehoben und Haftbefehl wegen anderer Vorwürfe beantragt.“

Der 20-Jährige, ein Deutsch-Kasache aus Plochingen, musste sich Ende September unter hohen Sicherheitsvorkehrungen vor dem Amtsgericht Esslingen verantworten, angeklagt wegen unerlaubten Führens einer halb automatischen Waffe, unerlaubten Munitionsbesitzes und Wohnungseinbruchs. Er war am 21. Oktober 2022 im Stuttgarter Osten mit einer Beretta unterm Fahrersitz erwischt worden, im Frühjahr 2023 mit weiterer scharfer Munition. Am Ende wurde er von den Esslinger Richtern zu zwei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Vom eigentlichen Schützen der Tat in Zuffenhausen fehlt weiter jede Spur.

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