Nach der Entlassung von Florian Kohfeldt Darum setzt Werder Bremen auf Thomas Schaaf

Thomas Schaaf soll Werder Bremen vor dem Abstieg bewahren Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Die Vereinslegende Thomas Schaaf übernimmt als Trainer beim SV Werder Bremen – es ist eine Entscheidung, die viele Fragen offen lässt.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart/Bremen - Es gibt viele unvergessene Bilder von Thomas Schaaf und Werder Bremen. Da gibt es die Motive von den berühmten „Wundern von der Weser“, als Werder im Europapokal in vermeintlich aussichtslosen Situationen, sei es nach hohen Hinspiel-Niederlagen oder hohen Rückständen im Rückspiel, eben jene Wunder schaffte im Europapokal. Da war der ewige Grüne-Weiße Schaaf noch als Manndecker aktiv – und einmal, da traf er bei einem dieser Wunder von der Weser selbst. Endstand im Oktober 1988 gegen den damaligen DDR-Meister aus Berlin namens BFC Dynamo nach einem 0:3 im Hinspiel: 5:0. Torschütze zum Endstand: Schaaf.

 

Später dann war der ewige Werderander Schaaf dann irgendwann fast genauso lange Trainer in Bremen wie einst der ewige Otto Rehhagel – und in den 14 Jahren als Coach gab es etliche Festtage. Der Höhepunkt war der Doublegewinn in der Saison 2003/2004. Und da lieferte Schaaf sein wohl unvergesslichstes der unvergesslichen Bildmotive: Als er im Mai 2004 bei der Landung am Bremer Flughafen die grün-weiße Werder-Fahne aus dem Cockpitfenster schwang und das Szenario samt Meisterempfang am Flughafen selbst per kleiner Kamera filmte.

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Die Maschine kam am Samstagabend an, es dämmerte schon in Bremen, als die frischgebackenen deutschen Meister landeten. Werder hatte mit einem 3:1-Sieg der Ailtons, Micouds und Klasnics beim Konkurrenten namens FC Bayern triumphiert.

Keine Triumphe mehr

Jetzt, 17 Jahre später, triumphiert bei Werder schon lange niemand mehr (außer seit Wochen die Gastmannschaften im Weserstadion). Und dass ein Trainer der Grün-Weißen eine Fahne nach einem Titelgewinn aus dem Flugzeug heraus präsentiert, nun ja, dieses Szenario mutet aktuell so wahrscheinlich an wie damals ein Waschbrettbauch beim Kugelblitz Ailton.

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Fakt ist: Falls der taumelnde SV Werder in dieser Saison nun doch noch den Klassenverbleib schafft, wird es kein Fahnenschwenken und auch keinen Empfang geben, auch wenn der Liga-Verbleib für die meisten Werderaner nach dieser Spielzeit inzwischen wohl fast so hoch anzusiedeln wäre wie damals 2004 der Gewinn der Meisterschaft. Und auch wenn der Mann, der nun kurz vor Torschluss als neuer Trainer einspringt und für diesen Klassenverbleib sorgen soll, auf den Namen Schaaf hört.

Ja, Thomas Schaaf also wird wieder Trainer des SV Werder Bremen. Für diese eine Partie am letzten Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach, womöglich auch für drei Spiele, falls Werder in die Relegation muss (oder darf). Florian Kohfeldt ist damit als Werder-Trainer Geschichte, der Geschäftsführer Frank Baumann zog die Reißleine nach dem 0:2 beim FC Augsburg.

Warum nicht früher?

Ein Punkt aus den vergangenen neun Spielen, das ist die Bilanz Kohfeldts, und nach der Inthronisierung Schaafs kreist die eine Frage rund um den Osterdeich: Warum nicht schon früher? Schaaf ist ja seit 2018 Technischer Direktor bei Werder, er kennt sich aus, und er wäre wohl schon früher verfügbar gewesen. Doch Baumann hielt erst an Kohfeldt fest, stellte ihn dann vor einigen Wochen infrage, hielt dann aber wieder an ihm fest – und entließ ihn nun doch noch.

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Ob Baumann seinen Schlingerkurs im Rückblick selbst noch versteht, man weiß es nicht. Schaaf soll Werder nun vor dem ersten Abstieg aus der Bundesliga seit 41 Jahren bewahren. „Thomas kann mit seiner Erfahrung und seiner Art und Weise für Begeisterung sorgen und den Spielern Selbstvertrauen vermitteln“, sagte Baumann über den 60-Jährigen, der schon von 1999 bis 2013 Trainer in Bremen war. Dass Schaaf hinterher als Coach bei Eintracht Frankfurt und Hannover 96 krachend scheiterte, all das ist Baumann egal.

Schaafs Engagement ist nun ist bis zum Saisonende begrenzt, dann wird ein neuer Chefcoach kommen – und anders als zuletzt soll dieser nicht mehr aus den eigenen Reihen stammen. „Im eigenen Stall haben wir dieses Mal niemanden, von daher werden wir uns intensiv mit dem externen Trainermarkt beschäftigen“, sagte Baumann. Zuletzt hatte Werder oft einen Assistenten oder einen Jugend-Trainer zum Chefcoach bei den Profis gemacht. So war das auch bei Florian Kohfeldt Ende Oktober 2017.

Zunächst unantastbar

Lange Zeit galt der so emotionale wie eloquente Kohfeldt fast als unantastbar an der Weser. Im ersten Jahr gelang ihm der Klassenverbleib, in der darauffolgenden Saison verfehlte Werder in einem der seltenen Höhenfluge der vergangenen Jahre nur knapp die internationalen Plätze. Werder verlängerte den Vertrag mit dem Coach bis 2023.

Auch nach der katastrophalen vergangenen Spielzeit, in der die Rettung erst durch zwei Remis in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim gelang, hielt Werder zu Kohfeldt. Doch in dieser Saison ging es weiter bergab, auch weil Werder von den Auswirkungen der Pandemie hart getroffen wurde und der Kader nicht verstärkt, sondern durch Verkäufe weiter geschwächt wurde.

Jetzt setzt Werder auf seine Legende Thomas Schaaf. Für ein Spiel. Oder für drei.

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