Nach der Eröffnung des Dorotheen-Quartiers Stuttgart entdeckt sich neu

Von Hannelore Schlaffer 

Das Dorotheen-Quartier macht es möglich: Die Stadt entdeckt und feiert ihre historische Mitte. Die städtebauliche Anlage des Viertels mit seiner neuen Straßenführung eröffnet Perspektiven, die es bislang so nicht gab oder die man kaum hatte bemerken können.

Das Alte gewinnt durch das Neue: links die Markthalle, rechts das Dorotheen-Quartier Foto: Steffen Schmid
Das Alte gewinnt durch das Neue: links die Markthalle, rechts das Dorotheen-Quartier Foto: Steffen Schmid

Stuttgart - Welcher Großstädter erlebt heute noch das Glück, wenn endlich die Bauzäune weggeräumt und die Planen von den Fassaden gefallen sind, dass er sich unversehens in einer vollkommen neuen Stadt wiederfindet? Einer Stadt, in der nicht nur das eine oder andere Gebäude restauriert oder vielleicht eines neu hinzugekommen ist, sondern die nun einen ganz neuen Auftritt hat? Den Stuttgartern ist dies seltene und seltsame Glück widerfahren: Ihre Stadt ist auf einmal schöner, weiter, freier und historisch reicher geworden und lädt zu einem festlichen Wiedersehen ein.

Seit der Fertigstellung des Dorotheen-Quartiers hat Stuttgarts Innenstadt andere Dimensionen, sowohl geografisch als auch ästhetisch und historisch. Es sind nicht die paar Geschäfte, welche die Konsumlust stimulieren, es sind auch nicht die neuen Gebäude selbst, über deren Schönheit sich streiten ließe. Es ist etwas anderes, das die Stadt so sehr verändert hat: Die städtebauliche Anlage des Viertels mit seiner neuen Straßenführung eröffnet Perspektiven, die es bislang so nicht gab oder die man, da die Wege eng und verstellt waren, kaum hatte bemerken können.

Ein völlig neuer Blick etwa eröffnet sich nun an der Kreuzung von Münz- und Sporerstraße, wo ein kleiner Platz entstanden ist. Wendet man sich, auf dem Platz stehend, hin und her, sieht man in einem Augenblick gleichzeitig das Rathaus und das Neue Schloss. So führt eine Achse durch das Quartier, die diese beiden Gebäude aufeinander bezieht und den Karlsplatz mit in den Blick rückt. Und wie anders stellen sich von hier aus Markthalle und Stiftskirche dar! Bislang eilte man an den beiden Gebäuden vorbei, wusste, dass es sie gab und achtet doch ihrer kaum. Die vielbesuchte Königstraße ließ diese historischen Bauten und damit ein Stück Stadtgeschichte wie seitab liegen. Nun erweitert sich vor der Markthalle die Straße, und vor allem von dem neuen, kleinen Platz aus eröffnet sich eine freie Sicht auf dieses Juwel. Jetzt erst ist der bemerkenswerte Jugendstil-Bau von Martin Elsässer genauer zu studieren. Hinter der Markthalle rückt sich die Stiftskirche ins Bild – und so entsteht die Kulisse einer Stuttgarter Altstadt, die zwar da war, aber bislang fast unsichtbar gewesen ist.

Die enge Stadt wird plötzlich weit

Vor allem aber verbinden nun breiter angelegte Straßen die Plätze der Innenstadt miteinander, Schlossplatz, Karlsplatz und Schillerplatz. Durch kurze Schneisen gelangt man leicht und schnell von einem zum anderen, und so wird erst bewusst, dass alle drei Plätze das Alte Schloss, den ältesten Mittelpunkt der Stadt, umschließen. Zwischen den Plätzen ist der Übergang fließend, ohne Schwierigkeit gelangt man von einem Freiraum zum nächsten, ja, der Blick schweift, wenn man auf einem steht, schon zum andern. Auch von der Seite des Karlsplatzes aus ermöglicht sich endlich ein freier Blick auf die Markthalle und das Alte Schloss. Es entsteht ein malerisches Ambiente, für das es bislang keinen Stadtpunkt gab, von dem man es hätte betrachten können – wenn nur nicht just hier parkende Autos und Reisebusse die neu gewonnene und so geschichtsträchtige Perspektive verstellen würden.

Von dieser Ecke des Karlsplatzes aus gelangt man ohne Hindernis über den Schillerplatz zum Schlossplatz. Zudem hat sich von der anderen Seite der Markthalle aus eine Sichtachse eröffnet, die bis zur Adenauerstraße reicht. So lässt sich davon träumen, wie breit gelagert diese Stadt ist und wie weit man gehen könnte, wenn man auch über diese Straße noch käme. Kurz: die Stadt, deren Enge man immer beklagte, hat sich auf einmal in die Breite gedehnt, die vielen Plätze, mitsamt dem Platz vor dem Rathaus, haben ein beträchtliches Ausmaß und machen aus dem langgestreckten Zentrum eine Stadtanlage, die rund ist und schön.

Durch die drei ineinander fließenden Plätze entsteht eine Innenstadt mit viel freiem Raum für Spaziergänger und Flaneure, die nicht notwendig etwas kaufen müssen. Gerade diese im Talkessel eingeschlossene und angeblich so beengte Stadt geht, wie es sich für die einstige Residenz gehört, auf ungewöhnlich verschwenderische Weise mit dem Raum um und ist, nimmt man den Schlossgarten hinzu, in den die Plätze münden, eine Großstadt mit so viel Himmel und Grün wie kaum eine andere in Deutschland.

Blick frei auf den historischen Kern

Außerdem ist aus dieser Stadt, die sich bis jetzt als Beton gewordene Idee der fünfziger Jahre verstand und von der man glaubte, dass sie alte Bestände kaum habe, nun eine Stadt mit historischem Kern geworden. Die Gebäude, die auf dem neuen Stadtspaziergang jetzt erst erfahren werden, stammen aus Epochen vom 15. Jahrhundert bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Es gibt zwar keine kuscheligen Altstadtwinkel, wie Touristen sie lieben, aber dennoch entfaltet sich die „alte“ Stadt mit ihrer strengen Architektur freier als dieser romantische Traum.

Die Verdrängung der Altstadt, die nun wiedergutgemacht wird, begann im 18. Jahrhundert mit dem Bau des Neuen Schlosses. Balthasar Neumanns Entwurf, der die Anlage auf den alten Kern ausrichtete, wurde verworfen zugunsten von Leopoldo Rettis Plan, der das Schloss um neunzig Grad drehte und die früheren Anlagen abseits liegen ließ. So wollte man eine Ausdehnung nach Norden ermöglichen. Das Schloss wandte sich von der alten Stadt ab, in der Folge auch die Bürger – und auch die städtische Achse drehte sich um neunzig Grad und schuf sich eine für die damaligen Verhältnisse große und weit nach Norden ausschweifende Straße, die Königstraße.

Die Änderung der Laufrichtung

Die Naturvorgabe, das Nesenbachtal, war damit architektonisch betont, weshalb die Stuttgarter zu glauben begannen, dass ihre Stadt eng und leider nur auf eine einzige Prachtstraße zu reduzieren sei. Dieser Glaube bestätigte sich noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg. Theodor-Heuss-Straße und Konrad-Adenauer-Straße nahmen Stuttgart endgültig in die Zange, wobei auch noch ein weiterer alter Teil, das Bohnenviertel, abgeschnitten und ausgeschieden wurde. Aus der Klemme schien es kein Entkommen zu geben: Stuttgart denkt, läuft und fährt Nord-Süd.

Endlich ist diese Laufrichtung aufgehalten worden durch neue oder neubetonte Querverbindungen, die zum Aufenthalt im alten Stadtteil einladen. Mehr als jedes romantische Gewinkel gefällt er dem modernen Geschmack durch die Macht seiner Architektur und die Weite seiner Plätze – denn die wichtigsten Anlagen stammen aus jener monarchischen Epoche, die sich Weite und Würde als Lebensstil wünschte. Nun wird eine Vergangenheit sichtbar, deren Architektur mit Königsbau, Altem und Neuem Schloss, Stiftskirche, Markthalle, Waisenhaus und Oper geradezu monumental wirkt. Nimmt man die Hügel hinzu, die sich über den Plätzen zeigen, so hätte – wenn die Stuttgarter nur überhaupt Talent zum Sich-Rühmen hätten und sich das Ende aller Baustellen vorstellen könnten – diese Stadt also hätte allen Grund, sich als eine schöne, alte, weite, grüne Stadt zu rühmen.