Nach der Freierkampagne in Stuttgart Runder Tisch zur Prostitution geplant

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Nach der teils umstrittenen Freierkampagne des Oberbürgermeisters fordert der Stuttgarter Gemeinderat weitere Aktivitäten gegen die Armutsprostitution in der Stadt. Deshalb soll in der Sache runter Tisch gebildet werden.

Die umstrittene Freierkampagne des Oberbürgermeisters  soll  durch weitere Aktionen ergänzt werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die umstrittene Freierkampagne des Oberbürgermeisters soll durch weitere Aktionen ergänzt werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Auch nach dem Ende der Freierkampagne will die Stadt in ihren Aktivitäten gegen Auswüchse der Armutsprostitution nicht nachlassen. Deshalb soll eine runder Tisch eingerichtet werden, der die Arbeit der an der Sache Beteiligten freien Träger und der zuständigen Behörden mit der Kommunalpolitik koordiniert.

Nach der wegen der teils drastischen Wortwahl umstrittenen Freierkampagne des Oberbürgermeisters („Nutten sind Menschen“, „Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“) ging es am Montag im Sozialausschuss darum, wie die Stadt beim Thema Prostitution weiter vorgeht. „Es kann nicht nur bei diesen Plakaten bleiben“, sagt Judith Vowinkel von der SPD, die das Thema per Antrag nochmals auf die Tagesordnung gebracht hatte.

Erfolge gegen den Straßenstrich

Dass der teils intensive Einsatz der Polizei im vergangenen Jahr Verbesserungen gebracht hat, machte der Vortrag von Hauptkommissar Wolfgang Hohmann deutlich. So sank die Zahl der kontrollierten Straßenprostituierten von 408 im Jahr 2014 auf 284 im Vorjahr. Das hat nicht wenig damit zutun, dass die verhängten Strafanzeigen wegen verbotener Prostitution von 129 auf 326 gestiegen sind. „Der Straßenstrich ist deutlich zurückgegangen“, sagt Andreas Winter, der Fraktionschef der Grünen, anerkennend.

Zeitweise schien der Straßenstrich im Leonhardsviertel fast verschwunden zu sein. Die CDU pocht deshalb darauf: „Die Kontrollen müssen aufrechterhalten werden“, erklärt Stadträtin Beate Bulle-Schmid. Was der Polizei aber nur möglich ist, wenn keine anderen wichtigen Aufgaben entsprechende Kapazitäten erfordern.

Weniger Heranwachsende in Rotlichtbetrieben

Jeden Tag schaffen in Stuttgart etwa 450 Frauen an, der größte Teil sind Osteuropäerinnen insbesondere aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Seit 2012 ist die Zahl der insgesamt im Jahr kontrollierten Prostituierten von 1698 auf 1409 im Jahr 2015 zurückgegangen. Während der Straßenstrich merklich abgenommen hat, ist die Zahl der Objektprostituierten mit 1135 (Vorjahr: 1133) in den 165 Rotlichtbetrieben praktisch gleich geblieben. Aber der Anteil der Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren unter den Huren habe abgenommen, sagt Wolfgang Hohmann. 2013 hatte man 193 Frauen dieser Altersgruppe angetroffen, im Vorjahr dann noch 134.

Eine neuere Entwicklung ist, dass unter den Freiern in den Etablissements auch Flüchtlinge sind. Jede Woche komme es zu teils handgreiflichen Konflikten mit Türstehern oder mit Prostituierten, erklärt Wolfgang Hohmann. Mal gibt es Streit wegen der Höhe des Preises für den käuflichen Sex, mal fassen die Männer die Frauen an, wollen dafür aber nichts bezahlen. Der Hauptkommissar führt dies auf Missverständnisse wegen Sprachproblemen und auf Mentalitätsunterschiede im Umgang mit Prostitution zurück.

Was wird die Kondompflicht bringen?

Mehr Aufgaben kommen auf die Stadt zu, wenn voraussichtlich im Juli 2017 das noch nicht beschlossene neue Prostitutionsschutzgesetz in Kraft tritt. Dieses sieht eine Anmeldepflicht für Prostituierte vor, zu der auch eine turnusmäßige Gesundheitsberatung gehört, Betreiber von Rotlichtbetrieben müssen Mindestanforderungen erfüllen und eine Kondompflicht für Freier ist vorgesehen. Grundsätzlich begrüßen die Fraktionen die Gesetzesnovelle. Aber nicht nur Beate Bulle-Schmid fragt sich, welchen Effekt die Kondompflicht haben kann. Und alle Fraktionen sind unzufrieden damit, dass der Gesetzgeber nun doch kein Prostitutionsverbot für Frauen unter 21 Jahren erlassen will. „Das Mindestalter müsste auf jeden Fall hochgesetzt werden“, kritisiert Judith Vowinkel.

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