Stuttgart - Die jüngste Empfehlung der Ständigen Impfkommission zur Kreuzimpfung mit verschiedenen Impfstoffen hat auch in Baden-Württemberg einiges durcheinander gewirbelt. Aber sie wird von Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) begrüßt: „Wir sind froh über die neue Empfehlung, sie ermöglicht vielen Menschen, die Zweitimpfungen bereits früher wahrzunehmen.“ Die Stiko-Empfehlung zielt in erster Linie auf den Impfstoff Astrazeneca. Ist er zuerst verimpft worden, sagt die Stiko, so sei beim Zweittermin ein sogenannter mRNA-Impfstoff zu empfehlen, also von den Herstellern Biontech oder Moderna. Bei ihnen sind die Abstände mit drei Wochen (Biontech) und vier Wochen (Moderna) wesentlich kürzer, die Impfwilligen müssen nicht wie bei Astrazeneca neun bis zwölf Wochen auf den zweiten Termin warten.
Voller Impfschutz noch vor dem Urlaub
Mit der Stiko-Empfehlung werde es nun für viele Bürger möglich, noch vor dem Sommerurlaub den vollen Impfschutz zu erhalten, freut sich Lucha, „und sich so wirkungsvoll auch gegen die Delta-Variante zu wappnen“. Beim Umbuchen und Vorziehen gibt es allerdings eine Einschränkung: Bereits gebuchte Zweittermine, die in der Zeit bis einschließlich 18. Juli liegen, bleiben bestehen und können nicht umgebucht oder vorgezogen werden, teilt das Sozialministerium mit. Erst wer Zweitimpftermine in der Zeit ab dem 19. Juli habe, dem werde angeboten, seinen Termin vorzuziehen. Der Grund für diese Regelung sei die begrenzte Verfügbarkeit von mRNA-Impfstoffen.
Astrazeneca einsammeln und exportieren?
Auch beim Hausärzteverband wird die neue Empfehlung begrüßt, wenngleich sie mit Mehraufwand verbunden ist. „In den Hausarztpraxen ist momentan genug Biontech vorhanden“, sagt Vorstandsmitglied Thomas Heyer. Fraglich sei nur, was jetzt mit den Astrazeneca-Ampullen passieren soll. „Der Impfstoff ist derzeit schwer an den Mann oder die Frau zu bringen“, sagt Heyer. Er selbst habe davon in seiner Praxis noch zehn Ampullen im Kühlschrank; rechne man das auf alle 5000 impfenden Ärzte im Land hoch, wären das 50 000 Ampullen. Astrazeneca lasse sich sechs Monate lang lagern, so Heyer. Mittelfristig könne eventuell eine Sammelaktion und eine Ausfuhr in ein Land erfolgen, das Impfstoffe brauche. Auch im Sozialministerium heißt es, sollte Impfstoff übrig bleiben, wäre solch eine Aktion denkbar: „Die Entscheidung darüber und die damit verbundene Logistik liegt zentral beim Bund.“
Im Ministerium hält man Astrazeneca aber nach wie vor für „attraktiv“, gerade, da sich in Kombination mit einem zweiten Impfstoff der Impfabstand nun verkürzen lässt. Bei niedergelassenen Ärzten ist man da skeptischer. Der Impfstoff sei durch das viele Hin und Her „verbrannt“, sagt ein Insider. Im Lieferprogramm des Bundes an Baden-Württemberg ist Astrazeneca noch prominent vertreten: Bis Ende Juli werden in den Südwesten wöchentlich rund 108 000 Impfdosen Astrazeneca geliefert sowie von Biontech und Moderna wöchentlich insgesamt rund 323 000 Impfdosen.