Sechs Pflichtspiele, kein Sieg – und kaum torgefährliche Aktionen. Nach der Niederlage des VfB Stuttgart in Leipzig wächst der Druck. Auf Mannschaft und Trainer.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Leipzig - Womöglich wähnte sich der eine oder andere schon an der Tasse Pausentee. Ein Höchstmaß an Konzentration war jedenfalls schwer auszumachen, als in der Partie des VfB bei RB Leipzig bereits die Nachspielzeit der ersten Hälfte lief, der Ball aber noch einmal in den Strafraum der Stuttgarter segelte. Geklärt wurde jedenfalls in die Mitte und vor die Füße von Kevin Kampl. Der Leipziger Mittelfeldmann zog ab, traf den Ball verdammt gut, doch im Normalfall ist solch ein Schuss sichere Beute von Ron-Robert Zieler. An diesem Mittwochabend war das anders.

Der Torhüter des VfB war zwar rechtzeitig am Ball, ließ die Kugel unerklärlicherweise aber nach innen prallen – wo sich Willi Orban nicht zweimal bitten ließ. Tor, RB-Führung – und ein wahrer Nackenschlag für den VfB. Denn ein Rückstand war Gift für die Stuttgarter in diesem Spiel. „Ich hätte einfach auf Nummer sicher gehen und den Ball nach außen wegmachen müssen“, gab Zieler zu. „Das war ein Knackpunkt“, sagte Kapitän Christian Gentner.

Vier Änderungen in der Startelf

Mit vier Änderungen war der VfB in die Partie gegangen. Dem bis vor einigen Wochen lange verletzten Andreas Beck wollte der Trainer Tayfun Korkut keine drei Spiele innerhalb einer Woche zumuten – der Rechtsverteidiger reiste erst gar nicht mit nach Sachsen. Für Beck stand Pablo Maffeo in der Startelf, dazu Borna Sosa für Emiliano Insua, Erik Thommy für Nicolas Gonzalez und Dennis Aogo für Gonzalo Castro. „Unser Trainer hat einen sehr guten Matchplan entworfen“, war sich der VfB-Sportchef Michael Reschke vor dem Anpfiff sicher. Und zunächst schien er Recht zu behalten.

Der VfB hatte viel Ballbesitz und somit die Partie weitestgehend unter Kontrolle. Offensiv drangen die Stuttgarter zwar nur einmal in die gefährliche Zone vor – bei einer Chance von Mario Gomez –, aber defensiv stand der VfB gegen die schnellen RB-Angreifer zunächst gut. Doch das änderte sich mit zunehmender Spieldauer.

Die Leipziger erhöhten den Druck, die Ungenauigkeiten im Stuttgarter Spiel häuften sich, und von Entlastung war gegen Ende der ersten Hälfte nicht mehr viel zu sehen. Die Führung der Gastgeber fiel dann aber folgerichtig – wenn auch äußerst unglücklich aus Sicht des VfB.

Folgenschwerer Patzer von Zieler

Am vergangenen Freitag war Zieler noch der gefeierte Mann gewesen, der maßgeblichen Anteil daran hatte, dass der VfB gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf zumindest einen Punkt geholt hatte. Auch in Leipzig hatte er gute Aktionen – doch sein Patzer war folgenschwer. Und passt ins Bild, das der VfB derzeit abgibt.

In der Offensive erspielt sich der Rückrundenzweite der vergangenen Saison entweder kaum Chancen oder nutzt sie nicht. Insgesamt ist Korkuts Team damit viel zu harmlos, drei Tore gab’s in Freiburg, in den anderen fünf Pflichtspielen blieb der VfB ohne eigenen Treffer – und die Top-Gegner kommen erst noch. Dazu kommen individuelle Fehler, und als in sich stimmige Einheit präsentiert sich die Truppe bislang auch nicht. „Findungsphase“ nennt das der Trainer. Rückschritte statt Fortschritte sehen viele Beobachter dagegen. Trotz verheißungsvoller Transfers und einer langen Vorbereitung mit nahezu allen Profis fand die Erfolgsgeschichte der Rückrunde der vergangenen Saison ein jähes Ende.

Von einer womöglich aufkommenden Diskussion um den Trainer will aber keiner etwas wissen. „Ich führe keine Trainerdiskussion und bin auch überzeugt davon, dass wir keine haben werden“, sagte Gentner. Timo Baumgartl ergänzte: „Wenn wir jetzt anfangen, die Trainerfrage zu stellen, dann haben wir am Saisonende ja gefühlt zehn Trainer. Von daher stellt sich diese Frage nicht. Sie ist ja irrwitzig.“ Aber doch nicht aus der Welt.

Reschke: „Korkut ist der Richtige“

„Die Geräusche, die es gibt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, gibt es bei jedem Trainer und bei jedem Verein“, wusste der sichtlich niedergeschlagene Korkut die Lage einzuschätzen. Reschke allerdings stützte den Coach. „Er ist definitiv der Richtige“, sagte der Sportvorstand des VfB, „wir diskutieren viel – aber vor allem mit dem Trainer.“

In Leipzig brachte Korkut kurz nach der Pause Nicolas Gonzalez und Holger Badstuber, später noch Anastasios Donis – gefährlich wurde es für die Leipziger aber nicht mehr. Im Gegenteil: Ein Treffer von Timo Werner wurde nach Videobeweis wegen Abseits noch aberkannt, in der 80. Minute machte Jean-Kevin Augustin dann aber alles klar.

Die Leipziger korrigierten so ihren mäßigen Saisonstart, der sieglose VfB steckt mit zwei Punkten dagegen weiter unten fest – und die Bedeutung des Heimspiels am Samstag (15.30 Uhr) gegen Werder Bremen wächst und wächst. „Wir werden jetzt Ergebnisse machen müssen“, sagte Reschke, „das ist das Gebot der Stunde.“