Deniz G. (Name geändert) war in jener Nacht nicht in der Stadt. Ein Kumpel, der ihn an dem Abend auf dem Heimweg aus der City anrief, erzählte ihm nur, dass eben zehn Kastenwagen der Polizei vorbeifuhren. „Wir haben uns gar nichts dabei gedacht, das war ja schon normal“, erzählt der 25-Jährige in einem Café am Schlossplatz. Der Politikstudent ist eines von zwei Dutzend Mitgliedern der Stuttgarter Migrantifa. Die wurde bundesweit nach den Anschlägen auf zwei Shishabars in Hanau mit zehn Toten gegründet, die hiesige Ortsgruppe nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch US-Polizisten. „Emotional ist das nicht so weit weg“, sagt Deniz G. Die Gruppe engagiert sich gegen Rassismus.
Die Gewalt und die Plünderung von Läden in der Krawallnacht will er nicht rechtfertigen. „Aber es gibt Gründe dafür“, sagt der 25-Jährige, dessen Großeltern aus der Türkei stammen. Auch darüber müsse man reden. „Die Aggression gegen die Polizei war schon lange vorher da. Die ist nicht aus heiterem Himmel gekommen.“
Bei vielen Kontrollen herausgepickt
Neben positiven Erlebnissen gebe es eben „sehr, sehr viele negative Erfahrungen“ mit der Polizei, sagt Deniz G. Bei einer Demo gegen Neonazis in Pforzheim habe ihm ein Beamter mal den Arm ausgekugelt, dass er ins Krankenhaus musste. Dann sind da die vielen Kontrollen, bei denen er herausgepickt werde, andere aber nicht. „Als ich mal gefragt habe, warum, hat einer gesagt: ‚Sie sind der einzige, der verdächtig aussieht’“, erzählt Deniz G., der schwarze Haare, kräftige Augenbrauen und einen dunklen Teint hat. Das nimmt auch den robusten jungen Mann mit. „Ich bin dann seelisch angeschlagen, der Tag ist gelaufen.“
Diese Stimmungslage haben auch die Interviews mit insgesamt 21 jungen Leuten mit Migrationshintergrund ergeben, die Sozialarbeiter der mobilen Jugendarbeit von Evangelischer Gesellschaft und Caritas für diese Zeitung geführt haben.
Die Plünderungen von Läden verurteilen alle. „Ich habe mich geschämt“, sagt eine junge Frau, die hier bei Black Lives Matter aktiv ist. „Die zerstören, was andere Ausländer und Migranten versuchen aufzubauen“, urteilt sie über die Randalierer. Ähnlich ein 19-Jähriger: „Das war einfach dumm. Das fällt auf alle zurück.“
Bei der Gewalt gegen die Polizei in jener Nacht klingen die Urteile weniger entschieden. „Ein bisschen verdient war es auch“, sagt eine junge Frau. Obwohl sie sich in die schwierige Rolle der Ordnungshüter hineinversetzen kann („Hut ab“), die sich auch „beschimpfen und anspucken lassen müssen“. Aber ihr Ärger, dass sich Polizeikontrollen nach ihrem Empfinden „mehr auf Leute mit Migrationshintergrund richten“, ist groß.
Die Art und Weise bei den Kontrollen sorgt für Wut
Immer wieder hört man anerkennende Sätze: „Es gibt auch viele sehr nette und hilfsbereite Polizisten“. Doch überwiegt bei den Jugendlichen ein kritisches Verhältnis zur Polizei. Ein 17-Jähriger sagt: „Endlich hat sich die Polizei mal so gefühlt, wie wir uns fühlen.“ Dann verwendet er ein Wort, das häufig fällt in den Gesprächen: „Es gibt echt respektlose Beamte.“ Wie ein Refrain durchzieht dieses Motiv die Interviews. Auch wenn einige einräumen, dass es bei Kontrollen auch Jugendliche treffe, die keine weiße Weste haben und es viel Respektlosigkeit gegen Beamte gebe, leide auch das Gros der Unbescholtenen darunter.
Es entsteht auch der Eindruck, dass es nicht nur die Häufigkeit der Kontrollen ist, die für Frust und Wut sorgen, sondern vor allem die Art und Weise. „Alles ist in Ordnung, wenn es respektvoll abläuft“, erklärt ein junger Mann. Ein anderer, der von sich sagt, er sehe aus „wie ein Deutscher“, macht die Erfahrung, „dass sich der Ton ins Negative wendet, wenn die meinen ausländischen Pass sehen“. Einer spricht von mitunter „krassem Auftreten“ von Beamten, von grober, beleidigender Wortwahl, von unangemessener Härte gerade jüngerer Einsatzkräfte. Als oft entwürdigend werden die Prozeduren bei Drogenkontrollen empfunden. „Ich habe nichts gegen die Polizei. Dennoch bin ich immer angespannt, wenn ich Beamte sehe“, sagt ein 18-jähriger Schüler.
Polizei weist pauschale Kritik zurück
Deniz G. glaubt, dass sich an der spannungsgeladenen Lage nichts ändert, „solange sich nicht auch die Polizei selbstkritisch hinterfragt“. Der 25-Jährige findet, man müsse in den Foren der Stadt, wo die Gründe für die Randale aufgearbeitet werden, „mit Jugendlichen selbst sprechen“.
Die Stuttgarter Polizei weist die pauschale Kritik an Personenkontrollen entschieden zurück. „Wir können jede unserer Kontrollen erklären, der Grund ist ganz sicher nicht die Hautfarbe“, sagte ein Polizeisprecher. Dies sei und bleibe eine „Unterstellung“. Kontrollen hingen etwa davon ab, wo sich jemand aufhalte, zum Beispiel an einem Brennpunkt, ob etwa eine Ruhestörung oder eine Straftat vorausgegangen sei. Bei den Konflikten, zu denen die Streifen häufig von Anzeigeerstattern gerufen werden, seien oft Alkohol und Imponiergehabe im Spiel. „Oft wird auch schon die Kontrolle als Provokation empfunden“, sagt der Sprecher. „Personenkontrollen gehören nun mal elementar zu unserer Arbeit. Wir überprüfen in der Regel bei Verdachtsmomenten schlicht verdächtige Menschen.“ Dazu gebe es jede Menge gesetzliche Regelungen, an die man sich zu halten habe.