Herr Professor Heinzlmaier, worin sehen Sie die Ursache für die Ausschreitungen?
Es gibt viele Ursachen. Für mich ist das aber vor allem eine Wohlstandsrevolte. Der englische Soziologe Mark Fisher hat den Begriff der „depressiven Hedonie“ geprägt. Damit ist gemeint: Wir leben in einer Überflussgesellschaft und streben nur mehr nach Lustgewinn und das macht uns eigentlich nur traurig. Das Versprechen in unserer Gesellschaft ist, dass man jeden Tag ein tolles Leben haben kann. Dieses Versprechen erfüllt sich häufig aber nicht. Am Ende sind die Leute frustriert, weil bei dem, was sie tun, das Lusterlebnis, das sie sich vorstellen, nicht herauskommt, und dann gibt’s auch mal Randale.
Welche Rolle spielen die Corona-Beschränkungen, die für junge Männer offenbar schwerer zu verkraften sind, weil sie ihre Energie nicht loswerden?
Das wäre die Theorie von Albert Camus, der am Ende der „Pest“ eine Situation beschreibt, wo sich die aufgestaute Energie innerhalb einer Nacht entleert. Die Leute lassen raus, was sie zuvor in den eigenen Körper hineingedrückt haben. Diese Interpretation macht durchaus Sinn. Alles kocht auf ganz niedriger Flamme und man kann sich nicht verausgaben. In Revolten, wie in Stuttgart und Frankfurt, spiegeln sich aber immer auch Mediendiskurse wider. Seit Wochen wird die Polizei runtergeschrieben; das gibt dem Ganzen einen zusätzlichen Spin. Die Polizisten werden als Gegner gesehen, auf die man losgeht. Wobei das negative „Bullenbild“ im deutschen Hiphop seit Jahren gepflegt wird. Jetzt kommen die Ereignisse aus den USA hinzu.
Die Jugendlichen verweisen auf Diskriminierungserfahrungen, denen sie ausgesetzt seien.
Da bin ich immer vorsichtig, weil es sehr naheliegend ist, dieses Argument als Legitimation zu nehmen, auch wenn es natürlich überhaupt keine Frage ist, dass es Diskriminierung gibt. Viele dieser jungen Leute erleben Deutschland nicht als das Land der großen Freiheiten, sondern sind mit Einschränkungen konfrontiert, auch mit viel Kontrolle, ablehnenden Bescheiden und anderem mehr. Das schafft natürlich ein Aggressionspotenzial, aber dieser Punkt steht nicht im Vordergrund. Ich bleibe dabei: was wir da erleben, ist ein Wohlstandsphänomen.
Der soziale Hintergrund vieler dieser jungen Leute ist allem Anschein nach aber nicht rosig.
Man kann das alles hernehmen, um zu begründen, warum das passiert ist, und das ist auch alles irgendwo berechtigt. Aber klar ist: die totale Armut war das nicht, die sich da gezeigt hat. Die totale Armut rebelliert nicht, das weiß man seit 100 Jahren aus soziologischen Untersuchungen. Drückende Armut macht eher passiv und apathisch. Das hier sind keine Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Sie können sich Alkohol besorgen, haben vertretbare Klamotten an und können an der Jugendkultur partizipieren. Eine Armutsrevolte ist das nicht.
Die Oberbürgermeister von Tübingen, Schwäbisch Gmünd und Schorndorf haben in einem Brief an Ministerpräsident Kretschmann von einem „Rotzbuben-Gehabe“ gesprochen und die Einführung eines gesellschaftlichen Pflichtjahres für alle jungen Leute gefordert. Liegen sie damit richtig?
Ich halte den Ausdruck für einen Blödsinn und für 50er-Jahre-Style. Das sind junge Menschen, und die neigen dazu zu rebellieren. Das hat nichts mit Rotzbuben zu tun, sondern mit der Entwicklungsphase in der sie sind. Und was soll in dem Zusammenhang ein Pflichtjahr bringen? Dahinter steht der Gedanke, die jungen Leute sollen das wirkliche Leben durch harte Arbeit kennenlernen. Das ist ein Unsinn. Man muss etwas anderes tun, nämlich die klassischen Angebote wieder in die Höhe fahren und wieder mehr Jugendarbeit machen. Die öffentliche Hand muss mehr Geld in Jugendzentren stecken und den jungen Leute eine Perspektive für ihre Freizeit geben, damit sie sich gut unterhalten können, ohne anderen Schaden zuzufügen. Wichtig ist dabei, sich mit der Lebenswelt zu befassen, in der die jungen Leute leben.
Handelt es sich bei dieser Jugendgewalt um ein neues Phänomen?
Ach wo, dass passiert immer wieder, wenn man sich die Großstädte anschaut. Auch, dass die Polizei als Staatsgewalt gesehen wird, die die eigenen Bedürfnisse einschränkt. Momentan kommt hin zu, dass die Polizei durch die Vorkommnisse in den USA insgesamt schlecht dasteht. Das verstärkt die Aggression.
Bei jungen Leuten fällt immer wieder das Wort „Respekt“, den sie angeblich vermissen, ihn umgekehrt aber auch der Polizei nicht entgegenbringen. Was hat es damit auf sich?
Bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund spielen Ehre und Respekt eine größere Rolle als bei den autochthonen Deutschen. Nicht weil sie weniger aufgeklärt wären, sondern weil in anderen Gesellschaften Respektabilität im Sinne einer Gemeinschaftsnorm besonders wichtig ist. In der Gemeinschaft gilt es, die eigene Ehre zu verteidigen. Das ist bei uns nicht mehr so. In Deutschland gibt es das Ehrenamt. Man erfährt Ehre, wenn man etwas für die Gemeinschaft tut, man wird aber nicht abgewertet, wenn man das Ehrenamt nicht ausübt. Junge Leute mit Migrationshintergrund beschäftigen sich intensiv mit der Ehre und achten darauf, dass ihre Ehre, die der Familie und der Gemeinschaft nicht verloren geht, darauf muss sich auch die Polizei einstellen und subtil damit umgehen.