Nach der Verletzung von Ski-Star Thomas Dreßen Warum immer wieder das Kreuzband reißt

Zurück in Deutschland: Kitzbühel-Sieger Thomas Dreßen fällt nach einem schweren Sturz monatelang aus. Foto: dpa

Skirennsport ist gefährlich. Die Athleten wissen das – und testen dennoch ihre körperlichen Grenzen aus. Nun hat sich Abfahrer Thomas Dreßen schwer verletzt. Dass er einen Kreuzbandriss hat, wundert Experten nicht.

Sport: Dirk Preiß (dip)

München/Stuttgart - Skirennläufer, vor allem die Abfahrer, sind ja ziemlich harte Burschen, muskelbepackt, abgezockt, und vor allem: kaum kleinzukriegen. So wie Thomas Dreßen am Sonntagvormittag.

 

Der Sensationssieger von Kitzbühel war in dieser Saison angetreten, um den Eindruck, er sei eine Art Eintagsfliege, schnell zu verwischen. Das Vorhaben ließ sich ganz gut an, bis Dreßen das Rennen am Freitag in Beaver Creek vorzeitig beenden musste – vor Schmerzen schreiend im Fangzaun, nach einem Sturz bei Tempo 120. „Es ist“, sagte er, „scheiße gelaufen.“ Dreßen lächelte dabei.

Am Münchner Flughafen hatte er 40 Stunden nach seinem Horror-Sturz seinen Humor bereits zurück. Dass er sich die ausgekugelte Schulter noch auf der Piste selbst wieder eingerenkt hatte, kommentierte er mit dem Satz: „Der Vorteil war, dass in dem Moment der Schmerz im Knie weitaus größer war.“ Und zu seinen ersten Terminen in der Münchner Klinik meinte der 25-Jährige: „Ich habe eine Tasche so gepackt, dass ich gleich einmal eine Zeit da bleiben kann.“ Seine Ski-Tasche kann dagegen eine Weile ausgepackt bleiben.

DSV-Alpin-Chef Maier beklagt einen Fluch

Das rechte vordere Kreuzband ist gerissen, auch Innenband und Meniskus sind beschädigt, sechs bis acht Monate wird Dreßen mindestens ausfallen. „Ich mache mir überhaupt keinen Stress“, sagte er, „ich gehe erst wieder auf die Ski, wenn es zu 100 Prozent passt.“ Sollten dafür zwölf oder 18 Monate nötig sein, „dann nehme ich es in Kauf“. Immerhin: Es gibt genügend Kollegen, bei denen er sich Rat holen könnte.

„Das ist schon fast ein Fluch“, klagte Wolfgang Maier, der Alpin-Chef im Deutschen Skiverband (DSV), dessen Athleten immer wieder mit Kreuzbandverletzungen zu tun haben. Und zwar oftmals dann, wenn sie gerade den Sprung in die Weltspitze geschafft haben – was für Günter Hujara unmittelbar zusammenhängt.

Der 66-Jährige aus Neuenbürg war einst selbst Trainer der deutschen Alpinen, danach jahrelang Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (Fis) – und damit in jegliche Diskussionen um Risikominimierung eingebunden. Er sagt: „Gerade im absoluten Spitzenbereich sind die Belastungen extrem.“ Und Kreuzbandverletzungen sind, so traurig das klingt, beinahe Normalität. „Geschwindigkeiten, Masse, Kräfte, die teils gegeneinander wirken – man muss erkennen, dass dem Körper in diesem Sport Limits gesetzt sind.“ Welche die Athleten aber ganz bewusst auszureizen versuchen.

Kreuzbandrisse passieren auch ohne Sturz

„Alle Rennläufer wissen um die Risiken“, sagt Hujara, der es mit diesem Satz aber nie bewenden lassen wollte. Die Fis hat die Sicherheitsstandards immer weiter nach oben gesetzt. Bei der Pistenpräparierung, den Fangzäunen, den Sturzzonen. Bei den Helmen, den Protektoren, bei den Orthesen, die es mittlerweile auch als Präventhesen gibt. Auf der anderen Seite hat sich aber auch das Skimaterial derart entwickelt, dass die Kräfte, die auf die Sportler wirken, gerade in den Kurven, immer höher geworden sind. Zahlreiche Kreuzbandverletzungen sind zuletzt ohne Sturz passiert, zum Beispiel bei Stefan Luitz, dem deutschen Riesenslalom-Spezialisten, im Dezember 2017.

„Der Ski greift, geht in seinen Radius – und hält“, beschreibt Hujara, der vor einigen Jahren federführend für ein neues Reglement war. Längere Ski, größere Radien, die Möglichkeit, einen Schwung früher abzubrechen – dann, wenn die wirkenden Kräfte zu groß sind. Was daraus wurde? Auf Wunsch der Athleten und der Skifirmen wurde die Entwicklung wieder zurückgedreht. „Die Athleten trainieren hart, um im Rennen so schnell wie möglich zu sein“, sagt Hujara, „das darf man eben auch nicht vergessen.“ Weiter geforscht wird dennoch.

Den Rücken schützt ein Airbag

Zum Schutz des Rückens gibt es bereits Airbags, die auslösen, wenn dank eines komplizierten Algorithmus’ eine Sturzposition erkannt wird. Eine ähnliche Wirkweise ist für Skibindungen denkbar, aber noch nicht reif für die Umsetzung. Wäre etwa Thomas Dreßen bereits ohne Ski in den Fangzaun geknallt, wäre sein rechtes Knie womöglich heil geblieben. Andererseits darf eine Bindung nicht bei Tempo 140 und einer ruppigen und pickelharten Piste fehlauslösen.

So bleibt der alpine Skirennsport ein Leben im Grenzbereich des menschlich Machbaren – mit den möglichen Folgen, die alle Beteiligten kennen und akzeptieren. „Ich scheue vor neuen Verletzungen nicht zurück, und diese Einstellung brauchst du beim Ski alpin“, sagt etwa Felix Neureuther, der sich vor einem Jahr das Kreuzband gerissen hat, im Magazin „rampstyle“. Der Slalom-Star ergänzt: „Skifahren ist ein gefährlicher Sport.“ Das wusste und weiß auch Thomas Dreßen. Dennoch denkt er nicht ans Aufhören. „Ich bin noch nicht so alt, ich schaue nach vorne“, sagte er am Sonntag mit den Krücken in den Händen und Schrammen im Gesicht. Und: „Ich werde zurückkommen.“

In unserer Bildergalerie: Prominente Kreuzband-Patienten der vergangenen Jahre

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