Nach der Wahl in den USA US-Demokraten in tiefer Sinnkrise
Der Einbruch Donald Trumps in Wählerschichten der Demokraten gibt der Partei Anlass zur Sorge.
Der Einbruch Donald Trumps in Wählerschichten der Demokraten gibt der Partei Anlass zur Sorge.
Kamala Harris wird in ihrer Rede zur Anerkennung der Wahlniederlage in der Howard University poetisch: „Das Licht von Amerikas Versprechen wird immer hell brennen, solange wir niemals aufgeben und solange wir weiterkämpfen.“ Nur wenn es Dunkel genug sei, könne man die Sterne sehen. Die Ergebnisse der Wahlen lassen jedoch viele Demokraten schwarz sehen. Der Schock sitzt nicht nur deshalb so tief, weil Trump alle umkämpften Swing States abgeräumt und sich die Mehrheit im Wahlleutekollegium gesichert hat. Er ist auch auf dem Weg, die Mehrheit aller Wählerstimmen zu gewinnen.
Was die Demokratische Partei aber ins Mark trifft, ist die Erkenntnis, dass Trump mit seiner Hetze gegenüber Immigranten und Minderheiten tief in demokratische Wählerschichten eingebrochen ist. Trumps Botschaften verfingen wie in der Vergangenheit bei weißen Männern mit niedrigem Bildungsniveau. Erstmals kamen sie auch bei Angehörigen der schwarzen, hispanischen und asiatischen Minderheiten an. Junge schwarze Männer zeigten sich offen für die Botschaften Trumps, obwohl er seinen Rassismus in diesem Wahlkampf so offen wie nie auslebte. So feierte die Trump-Kampagne einen Überraschungssieg im Bezirk Baldwin (Georgia), wo 42 Prozent der Bevölkerung Schwarze sind.
Noch signifikanter sind die Zugewinne in der hispanischen Minderheit. In mehrheitlich von Latinos bewohnten Bezirken verzeichnete Trump einen Zuwachs von 10 Prozent der Stimmen. Und das, obwohl Trump millionenfache Deportationen von „illegalen Verbrechern“ angekündigt hatte. Umfragen zufolge haben etwa ein Drittel der lateinamerikanischen Wähler Trumps Politik der Massenabschiebung von Einwanderern ohne Papiere unterstützt.
„Die Stärke von Trumps Einfluss auf die traditionelle demokratische Koalition der farbigen Wähler war erstaunlich“, analysiert Daniel HoSang, Professor an der Yale University, in der New York Times. Trump appelliere konsequent an eine gemeinsame Identität der Arbeiterklasse. Viele Latinos der zweiten Generation, die Arbeit haben und es in den USA zu etwas gebracht haben, wollen demnach mit den Flüchtlingen aus dem Süden nichts zu tun haben. Sie sehen Trump als besseren Sachwalter ihrer wirtschaftlichen Interessen. So kam es bei diesen Wahlen zu dem paradoxen Effekt, dass auch noch die aggressivsten Töne der Trump-Kampagne in Bezug auf Gender, Einwanderung und Kriminalität die republikanische Wählerbasis nicht verkleinert, sondern vergrößert haben, analysiert HoSang von der Yale-Universität.
Die Demokraten sehen sich nach diesem Wahldebakel vor der Herausforderung, ihre Zielgruppen neu zu definieren und wirksamer anzusprechen, wenn sie nicht als Partei der städtischen Eliten gelten wollen.