An dem Tag wurde ihr im Krankenhaus der linke Unterschenkel amputiert. „Ich hatte damit nicht gerechnet“, erzählt die heute 63-Jährige. Sie sei von einem kurzen Routineaufenthalt wegen ihrer Durchblutungsbeschwerden ausgegangen. Also hatte sie nicht vorgesorgt, nicht mal den Kühlschrank hatte sie geleert. Am Vormittag dann das Gespräch mit den Ärzten, die ihr klar machten: Ohne Amputation würde sie sterben. Am Nachmittag folgte die Operation. Seither sitzt Sonja Werner im Rollstuhl. Sie weiß nun besser als ihr lieb ist, was es bedeuten kann, alleinstehend zu sein, wenn es das Schicksal schlecht mit einem meint – und es einen unvorbereitet trifft.
Zur Bushaltestelle kommt sie mit dem Rollstuhl wegen der Topografie nicht
„Ich habe niemanden“, sagt Sonja Werner. Sie hat keinen Angehörigen, der das nötigste für sie packen könnte, der die wichtigen Dinge regelt. Vom Krankenhaus ging es in die Reha, von dort Ende November direkt ins Pflegeheim. „Ich bin hier festgenagelt“, sagt sie verzweifelt. Für jedes Deo, das sie braucht, müsse sie die Pflegekräfte anbetteln, sagt sie. Das Seniorenzentrum Schönberg der Bruderhaus Diakonie liegt auf dem Berg – die Straße zur Bushaltestelle ist zu steil, um sie mit dem Rollstuhl zu bewältigen. Rollator, Krücken und Prothese stehen zwar auch in ihrem Zimmer. Aber sie hat Gleichgewichtsprobleme, ist schon einmal gestürzt. Mit professioneller Begleitung wagt sie sich auf den Flur, weiter nicht.
Sonja Werner müsste eigentlich für eine Untersuchung zu einem Spezialisten nach Bad Cannstatt. Doch sie hat bisher nur Pflegegrad 2 (das Widerspruchsverfahren läuft) – erst ab Pflegegrad 3 werden Krankenfahrten von der Krankenkasse übernommen. Mit Behindertenausweis und entsprechendem Merkzeichen hätte sie zwar Anspruch auf Fahrdienstgutscheine. Doch den Ausweis hat sie noch nicht, den Antrag hatte sie mit Hilfe des Sozialdienstes aus dem Heim und ihrer Ärztin erst im Februar gestellt. Der Sozialarbeiterin aus der Reha sei die Regelung des Pflegegelds wichtig gewesen. Sie selbst war mit den ganzen Anträgen überfordert. Vier bis sechs Monate, steht im Antwortschreiben des Versorgungsamtes von Ende Februar, dauere die Bearbeitungszeit.
Fast wäre ihre gesamtes Eigentum verloren gewesen
Bis dahin müsste sie folglich die Fahrten selbst zahlen. Doch wovon? Sie ist Sozialhilfeempfängerin, erhält als Heimbewohnerin 114,48 Euro Taschengeld im Monat. 35 Jahre habe sie gearbeitet, bis sie als 50-Jährige arbeitslos wurde, weil ihr Arbeitgeber Konkurs machte. Zudem hat sie ohnehin ein Problem, auf ihr Geld zuzugreifen. Als sie bei der Bank anrief, dass sich ihre Adresse geändert habe und sie auf Telefonbanking umstellen müsse, sei die Auskunft gewesen: „Dafür müssen Sie hierher kommen.“ Mangels Computer kann sie nicht mal in eigener Sache recherchieren. Sie hätte jemandem eine Vollmacht fürs Finanzielle erteilen können. Doch sie habe niemanden, der in Frage käme, sagt sie. In ihrer Verzweiflung hat die 63-Jährige im Januar beim Amtsgericht Stuttgart die Betreuung für sich selbst beantragt. Obwohl sie, sobald sie den Behindertenausweis hat und Fahrdienste in Anspruch nehmen kann, keinen Betreuer mehr benötigen würde. Vor wenigen Wochen hat sich ihre Situation zugespitzt. „Ich habe Rotz und Wasser geheult“, wie sie sagt. Am 31. Mai sollte ihre Wohnung geräumt werden. Würde sie alles verlieren, was sie besitzt? Sie schrieb Briefe, telefonierte, wurde von einer Stelle zur nächsten verwiesen. „Meine verzweifelten Bitten verliefen im Sand“, klagt sie. Da zeigte eine Sachbearbeiterin bei ihrem Vermieter, dem Bau & Wohnungsverein Stuttgart, Herz. „Die Frau hat mir der liebe Gott geschenkt“, sagt sie.
Eine Nachbarin und deren Mann haben ihr geholfen
Endlich ein Hoffnungsschimmer: In einem Lagerraum könne sie einen Teil ihrer Sachen einlagern, bis sie in ein betreutes Wohnen zieht, die Kosten würden mit der Kaution verrechnet. Sonja Werner kratzte zusammen, was sie hatte, fuhr zwei Mal per Fahrdienst kurz vor der Räumung zu ihrer Wohnung. „180 Euro haben mich die Fahrten gekostet“, erzählt sie. Der Fahrer habe ihr über ein Spezialgerät für die Treppe den Zugang zur Wohnung ermöglicht. Eine „ganz liebe Nachbarin“ half beim Aussortieren. Ein Teil kam in den Lagerraum, zwei Wäschekörbe und zwei Kisten voll hat der Mann der Nachbarin für sie zum Pflegeheim gefahren. Ihren Teddybär und ihre erste Puppe Gabi hat sie nun bei sich am Pflegebett, auch ihre gemalten Bilder und Fotos, die ihr etwas bedeuten, hat sie mitgenommen.
Sonja Werner hat einen Wunsch. „Ich würde so gerne in einem Mehrgenerationenhaus leben“, sagt sie, zumindest in einem betreuten Wohnen. Bisher hat das nicht geklappt – die zwei Angebote, von denen sie erfuhr, konnte sie sich mangels Geld für den Fahrdienst nicht angucken. So lebt sie weiter im Pflegeheim, umgeben von Menschen, die mehrheitlich an Demenz erkrankt sind. „Das ist schon ein Einzelfall, dass jemand in einem so kognitiv fitten Zustand hierher kommt“, sagt Skadi Zimborski, die Pflegedienstleitung in der Einrichtung. Auch ihr geht das Schicksal von Sonja Werner nah. „Das haben wir so noch nie gehabt.“