Drei Minuten Behandlung bei Kopfverletzung zu wenig
Natürlich ist Götzes Fall besonders dramatisch – und dass hier eine Kopfverletzung vorliegt, dürfte auch jedem medizinischen Laien klar sein. Schwieriger wird es, wenn Spieler zusammenrasseln, bei denen nicht sofort ersichtlich ist, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt oder nicht. Nur drei Minuten bleiben den Ärzten der Fußballclubs, einen betroffenen Spieler auf eine Hirnverletzung zu untersuchen. So besagt es die „Drei-Minuten-Regel“, die der Fußball-Weltverband 2014 erlassen hat. Kann der Spieler weiterspielen, oder ist eine Auswechslung nötig?
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Um diese Entscheidung treffen zu können, seien drei Minuten viel zu wenig, findet der Neurologe Claus Reinsberger von der Universität Paderborn. Er ist Mitglied der medizinischen Kommission des DFB. Eine temporäre Auswechslung solle ins Regelwerk aufgenommen werden, fordert der Experte schon seit mehreren Jahren – bisher ohne Erfolg. Mit einer solchen Regelung solle den Teamärzten ermöglicht werden, den betroffenen Spieler in der Kabine zehn bis 15 Minuten untersuchen zu können – während ein anderer Spieler ihn auf dem Feld vertritt. „Das wäre das medizinisch Sinnvollste“, sagt der Neurologe.
Zusammenstoß bei der EM sorgt für Diskussionen
„Denn das Problem bei Kopfverletzungen ist, dass es sich einem Arzt bei 30 000 pfeifenden oder jubelnden Zuschauern nicht sofort erschließt, ob der Spieler eine Gehirnerschütterung hat.“ Um beispielsweise die Gedächtnis- oder Konzentrationsfähigkeit des Spielers zu prüfen, brauche der Arzt vor allem eines: Ruhe. Das International Football Association Board (Ifab), das die Fußballregeln ändern kann, habe Reinsbergers Vorschlag aber abgelehnt – und lieber eine zusätzliche Auswechslung erlaubt.
Häufig kommt es nach Kopfzusammenstößen zu strittigen Szenen – wie bei der Europameisterschaft im Juni, als der französische Nationalspieler Benjamin Pavard beim 1:0-Sieg der Franzosen über Deutschland mit Robin Gosens zusammenprallte und daraufhin am Boden liegen blieb. „Als ich das gesehen habe, dachte ich, der kann wahrscheinlich nicht weiterspielen“, erzählt Reinsberger. Er täuschte sich: Pavard war nach einer kurzen Behandlungspause wieder spielbereit. „Der Arzt war der Ansicht, dass Pavard keine Gehirnerschütterung hatte. Das ist sicher diskutabel“, sagt Reinsberger.
Demenzerkrankung durch Kopfbälle?
Todesfälle im Zusammenhang mit Kopfverletzungen im Boxen, Rugby oder Eishockey unterstreichen, warum bei diesem Thema besondere Vorsicht angebracht ist. „Würde ein Spieler mit einer Gehirnerschütterung in dieser akuten Phase noch eine kriegen, dann kann er daran sterben. Das ist richtig gefährlich“, warnt Reinsberger.
Ein weiterer Aspekt, der beim Thema Kopfverletzungen neben den Zusammenstößen immer wieder aufkommt: Welche langfristigen Folgen können Kopfbälle verursachen? Erst kürzlich veröffentlichte die Universität von Glasgow eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass Ex-Fußballprofis ein erhöhtes Risiko hätten, an Demenz oder Parkinson zu sterben. Neurologe Reinsberger sieht die Studie kritisch: „Das muss nicht von den Kopfbällen kommen, es gibt auch andere Dinge, die eine Hirnschädigung verursachen können, beispielsweise erhöht Alkohol das Risiko für Demenz.“ Und gerade Großbritannien habe ein Problem mit hohem Alkoholkonsum der Bevölkerung.
iPads auf der Trainerbank und verpflichtende Hirntests
In Deutschland fehle bisher eine aussagekräftige Studie zu den Folgen von Kopfbällen, sagt Reinsberger. Hoffnung setzt er dafür in die im März gestartete Studie zum Thema „Gesundheitsstatus ehemaliger Fußballprofis“, die unter anderem die DFL und der DFB fördern. „Das wird riesig, wenn wir da die Daten kriegen.“
Das Bewusstsein für die Gefahr von Gehirnerschütterungen sei aber insgesamt höher als früher, sagt Reinsberger. Er lebte in den USA und war schockiert, als er vor ein paar Jahren nach Deutschland zurückkehrte und sah, wie hierzulande noch mit dem Thema umgegangen wurde: „In den USA sind sie da eineinhalb Jahrzehnte voraus.“ Doch Deutschland habe aufgeholt: So sind heute etwa iPads auf der Trainerbank gestattet, um Szenen mit Kopfzusammenstößen in Ruhe zu analysieren – und die Spieler der Erst-und Zweitligaclubs müssen sich seit 2019 vor jeder Saison Hirntests unterziehen.
Im Fall von Götze rät Reinsberger: „Es ist erst mal wichtig, dass er keine Beschwerden mehr hat, dann kann man vorsichtig mit der Belastungssteigerung anfangen.“ Etwa spazieren gehen am Anfang, später radfahren und irgendwann allein mit einem Ball über den Platz dribbeln. Und besser nicht sofort hochsteigen – ins nächste Kopfballduell.