Nach Hopp-Eklat in Hoffenheim Warum keine Lösung in Sicht ist

Von Frank Hellmann 

Nach dem turbulenten Wochenende in der Fußball-Bundesliga geht es am Dienstag mit den Spielen im DFB-Pokal weiter. Doch eines ist klar: Die Spirale der Eskalation lässt sich nicht so leicht durchbrechen.

Fans des FC Bayern sorgten beim Spiel in Hoffenheim beinahe für einen Spielabbruch. Foto: AP/Michael Probst
Fans des FC Bayern sorgten beim Spiel in Hoffenheim beinahe für einen Spielabbruch. Foto: AP/Michael Probst

Stuttgart - Michael Gabriel mag die Anrufe nicht mehr zählen, die ihn erreichen. „Bald dreistellig“, sagt der Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte, kurz KOS. Der Aufklärungsbedarf erscheint gewaltig, seitdem der Mehrheitseigner der TSG Hoffenheim, Dietmar Hopp, in einer konzertierten Aktion verschiedener Fangruppierungen am Wochenende erneut angefeindet wurde. Fan­experte Gabriel betont, dass es sich selbstverständlich um eine „unangemessene Beleidigung“ gehandelt habe, „aber dies zu vermischen mit Diskriminierung oder sogar mit dem rassistischen Angriff in Hanau, verschiebt die Kategorien auf absolut unangemessene Weise“.

Brisantes Duell Bayern gegen Schalke

Im Kern richtete sich der Protest gegen die vom DFB-Sportgericht gegen Anhänger von Borussia Dortmund verhängte Strafe, zwei Jahre keine Auswärtsspiele bei der TSG Hoffenheim zu besuchen. Der Fall hat eine verworrene Vorgeschichte. Fakt ist: Bundesweit fühlte sich die Ultra-Szene aufgerufen, diese Kollektivstrafe zu bekämpfen, zumal ihnen der Milliardär als Symbol für Wettbewerbsverzerrung unter Umgehung der 50+1-Regel gilt. Beleidigungen gab es schon lange vor der Diskussion um die kollektive Bestrafung. Gabriel warnt nun dennoch davor, die Latte für Spielabbrüche vorschnell tiefer zu legen, wie das beim FC Schalke 04 für das Pokalspiel gegen den FC Bayern am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) als auch das Bundesliga-Spiel der Schalker gegen Hoffenheim (Samstag 15.30 Uhr) gelten soll.

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Die Mannschaft würde beim ersten Vorkommnis den Platz verlassen – „ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen“, hieß es bei den Königsblauen, die am Montag von Gesprächen mit allen Fangruppierungen berichteten und die Erwartung haben, dass diese ein solches Fehlverhalten nicht tolerieren, geschweige denn unterstützen.

Erfahrene Fanexperten halten eine Null-Toleranz-Strategie derweil für falsch: In diesem Falle fehle, wie es eigentlich ja der Dreistufenplan des Weltverbands Fifa vorsieht, eine Möglichkeit zur Intervention. Vor allem gebe es einigen Unbelehrbaren ein Machtinstrument an die Hand, fast jederzeit einen Spielabbruch herbeizuführen. „Mein Wunsch ist, dass beide Seiten nach Möglichkeiten suchen, miteinander ins Gespräch zu kommen“, empfiehlt Gabriel. Es müsse im Interesse aller sein, „diese Spirale der Eskalation zu durchbrechen“.

VfB-Ultras wollen sich nicht äußern

Auch die Organisation ProFans sieht die Situation als „ziemlich verfahren“ an. „Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen, dass sich das befriedet. Das ist alles unerträglich – auch für uns“, sagt Sprecher Sig Zelt, Fan von Union Berlin. Ähnlich äußerte sich die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte mit ihrer Sprecherin Sophia Gerschel aus Karlsruhe: „Beleidigungen, Schmähgesänge und Transparente, die vordergründig eine Person diffamieren, sind Dinge, die die Kurven sicherlich nicht schöner oder bunter machen. Da sind sich alle einig. Aber diese Vorgänge vom Wochenende in Hoffenheim zu nehmen, um eine längst überfällige konsequente Reaktion auf Rassismus, Sexismus, Homophobie und andere Diskriminierungen zu zeigen, ist der falsche Weg.“ Die Ultra-Szene des VfB Stuttgart wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorfällen und möglichen Folgen äußern.

Während Hoffenheims Mäzen Hopp jegliche Kommunikation mit Menschen ablehnte, „die gar keinen Konsens wollen“, kündigte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Gründung einer Art Anti-Hass-Kommission an: „Sie wird die Vorkommnisse aufarbeiten.“

DFB-Präsident Keller kann nicht überzeugen

Ein Schatten ist unterdessen auf den neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller gefallen, der in seiner Rolle als Krisenmanager nicht überzeugte. Sein mitunter wirr anmutender Auftritt im „Sportstudio“ des ZDF hat den badischen Gastronomen viel Kredit in den Kurven gekostet. Einige sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem „Offenbarungseid“, weil ihm die richtige Einordnung gründlich missriet. Keller hat über die Verbandshomepage mittlerweile eingeräumt, dass der in Sinsheim rigide befolgte Dreistufenplan in vergleichbaren Fällen zuvor nicht gegriffen habe: „Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir diese Möglichkeit der Reaktion vorher nicht konsequent genutzt haben.“ Etwa bei rassistischen Auswüchsen.

Künftig dürfte nach den neuen Maßstäben der höchsten Fußballfunktionäre jede Beleidigung schlimmerer Form nicht mehr durchgehen. Weil es keinen Unterschied machen darf, wer diskriminiert wird. Könnte nur sein, dass sich diese Haltung im bisweilen rauen Fußballalltag mit all seinen seltsamen Gewohnheiten gar nicht durchziehen lässt, ohne dass es reihenweise zu Unterbrechungen bis hin zu Abbrüchen kommt. Was die Aufgabe, im Konflikt eine tragfähige Lösung für die Zukunft zu finden, nicht einfacher macht.




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