Nach ihrem Beachvolleyball-Coup Warum Karla Borger und Julia Sude über sich selbst staunen

Ein Selfie der Siegerinnen: Karla Borger (li.) und Julia Sude. Foto: dpa

Das Duo aus Stuttgart schlägt beim World-Tour-Finale zu: Durch Siege gegen die besten Teams der Welt gewinnen Borger/Sude den größten Scheck ihrer Karriere und bewältigen ihr Olympia-Trauma.

Cagliari/Stuttgart - Der Matchball war längst verwandelt, die Siegerehrung vorbei, und trotzdem fühlte sich für Karla Borger und Julia Sude alles immer noch surreal an. Irgendwie traumhaft, aber zugleich auch unwirklich. Obwohl sie die Trophäen für den Triumph beim World-Tour-Finale in den Händen hielten, konnten sie nicht fassen, was sie bei dem Turnier auf Sardinien erreicht hatten. Also machten sie schnell noch ein Selfie mit den Goldmedaillen. Für ihre diversen Kanäle in den sozialen Medien, aber vor allem für sich selbst. Ein Foto als Dokument für die Ewigkeit – und als Beweis für das eigene Können.

 

Das Beachvolleyballduo aus Stuttgart hat in Cagliari etwas erlebt, das sich nicht oft – wenn überhaupt – wiederholen wird. Bei dem Turnier, an dem die zehn besten Teams der Welt teilnahmen, schlugen sie in der Vorrunde die Olympiasiegerinnen Klineman/Ross (USA), im Viertelfinale die Weltranglistenersten Agatha/Duda (Brasilien), im Halbfinale die Weltranglistendritten Makroguzova/Kholomina (Russland) und im Endspiel die Weltmeisterinnen Pavan/Humana-Paredes (Kanada).

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Das wäre in etwa so, als würde Tennisprofi Alexander Zverev auf dem Weg zum ersten Grand-Slam-Titel nacheinander Dominic Thiem, Roger Feder, Rafael Nadal und Novak Djokovic bezwingen. „Unser Niveau war ziemlich gut, eigentlich ist alles aufgegangen“, meinten Borger (32) und Sude (34) nach ihrem Coup, „wir wussten irgendwie immer, was zu tun ist. Wir waren überrascht von uns selbst, das war ein schönes Gefühl.“ Aber keine Selbstverständlichkeit.

Borger-Sude-Volleyball gespielt

Dass vor allem Julia Sude unmittelbar nach dem 2:0 (21:13, 23:21) im Finale nicht recht wusste, was sie mit den Emotionen anfangen sollte, die sie gerade fesselten, lag an einem Ereignis gut zwei Monate zuvor. In Tokio hatten Borger/Sude eine bittere Enttäuschung erlebt. Sie waren bei den Olympischen Spielen in der Vorrunde gescheitert, nach drei Niederlagen und schwachen Leistungen. „Nach dem Finale in Cagliari hatte ich ein lachendes und ein weinendes Auge, denn mir wurde bewusst, dass wir hier viele geschlagen haben, die in Tokio vor uns lagen“, meinte Sude, „das Olympia-Aus tut immer noch weh, weil es uns nicht ansatzweise gelungen ist, Borger-Sude-Volleyball zu spielen. Was wir können und zu was wir fähig sind, haben wir erst jetzt wieder gezeigt.“

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Seit 2019 sind die beiden Athletinnen ein Team. Anfangs gelang es ihnen, viele Spiele mit ihren schnellen Bällen zu prägen. Diese Qualität ging unter dem neuen Trainer Thomas Kaczmarek (seit Oktober 2020) etwas verloren. Er versuchte, das Duo weiterzubringen, indem er den Beachvolleyballerinnen mehr Krafttraining verordnete und ihren Spielstil änderte. Das Vorhaben scheiterte, nur einen Tag nach dem Olympia-Aus trat Kaczmarek zurück. Seitdem trainieren sich Borger/Sude selbst, werden bei Turnieren von ihrer Psychologin Nadine Volkmer unterstützt. Sie sind jetzt wieder lockerer, entspannter, begeisterungsfähiger, selbstbewusster – und spielten nach EM (3.) und DM (2.) nun ein famoses World-Tour-Finale (1.). „In der ersten Hälfte der Saison standen nicht wir mit unseren Stärken auf dem Feld, dazu kamen die Coronasorgen und die Enttäuschung in Tokio“, sagten Borger und Sude, „auch deshalb fühlt es sich jetzt wie der größte Erfolg unserer gesamten Karriere an.“ Der wertvollste war es auf jeden Fall.

Es gilt, einige Rechnungen zu begleichen

Das Turnier auf Sardinien ist mit 800 000 Dollar (691 500 Euro) dotiert gewesen, allein an die Siegerteams bei den Männern (Mol/Sorum, Norwegen) und Frauen gingen jeweils knapp 130 000 Euro – für Borger und Sude ist dies auf einen Schlag erheblich mehr, als sie bisher zusammen insgesamt erspielt haben (99 750 Euro). „Das freut uns riesig und erleichtert uns sehr“, meinten sie angesichts des größten Schecks, der je auf der World-Tour ausgestellt worden ist, „jetzt warten wir, bis das Geld auf dem Konto ist, und dann müssen wir erst mal einige Rechnungen begleichen.“ Als Nationalteam werden die Stuttgarterinnen zwar vom Deutschen Volleyball-Verband (DVV) unterstützt, sie tragen aber viele Kosten selbst – zum Beispiel für den Trainer, die Psychologin oder ihre Reisen. Und der Gewinn, sofern es einen gibt, wird immer durch zwei geteilt. So läuft es derzeit – und auch in Zukunft?

Trotz des sensationellen Erfolgs zum Saisonabschluss haben Karla Borger und Julia Sude noch nicht entschieden, ob sie gemeinsam weitermachen werden, womöglich gar mit der Zielsetzung Olympische Spiele 2024 in Paris. Allerdings wird das Turnier auf Sardinien, bei dem sie gezeigt haben, welches Potenzial in ihnen steckt, bei der Beantwortung dieser Frage natürlich eine wesentliche Rolle spielen. Wie auch das neue Format, das der Volleyball-Weltverband derzeit für die Beach-Tour entwickelt – und das den beiden zusagt. „Das System mit feststehenden Turnierstandorten für mehrere Jahre und optimierten Reiserouten klingt nachhaltig, für uns wäre alles besser planbar“, sagten Borger und Sude, „das alles hört sich geil an, wird neuen Schwung bringen.“ Vielleicht ja auch für ein altbekanntes Team, das sich im Spätsommer 2021 ein Stück weit neu erfunden hat. Wie die Selfies aus Cagliari beweisen.

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