Im 130-Einwohner-Dorf Bichishausen wurde der aktuelle Stuttgarter Tatort gedreht. Viele Dorfbewohner sind vom Ergebnis nicht begeistert. Foto: sichtlichmensch/Andy Reiner
Nach der Kritik am Stuttgarter Tatort wegen der Darstellung des Landlebens erklärt ein Wissenschaftler, warum sich die ländliche Bevölkerung in Baden-Württemberg nicht verstecken muss – gerade im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands.
Von einem „Affront gegenüber den Menschen im ländlichen Raum“ war die Rede in einem Brief an die ARD nach der Ausstrahlung des Stuttgarter Tatorts vor eineinhalb Wochen. Und das war nicht die einzige kritische Stimme in Richtung der Tatort-Macher. Einige Menschen auf der Schwäbischen Alb äußerten im Nachgang ihre Unzufriedenheit mit der Darstellung des ländlichen Lebens: der Film habe veraltete, stereotype und realitätsferne Szenen gezeigt, hieß es.
Doch wie ist es tatsächlich um den ländlichen Raum in Baden-Württemberg bestellt? Einer, der seit Jahren dazu forscht, ist Professor Jörn Birkmann von der Universität Stuttgart:
Professor Jörn Birkmann forscht an der Uni Stuttgart zur Entwicklung des ländlichen Raums. Foto: Uni Stuttgart/Rainer Bez.
Herr Birkmann, haben Sie den Tatort aus Stuttgart vor eineinhalb Wochen gesehen?
Ja, ich habe mir Teile davon angesehen. Ein bisschen altbacken und stereotyp war die Darstellung des Dorflebens schon.
Genau diese Darstellung des ländlichen Lebens hat einige Menschen auf der Schwäbischen Alb verärgert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Ich kann mir vorstellen, dass man sich als Statist ein realistischeres Bild des ländlichen Raums gewünscht hätte. Aber den Anspruch, die Realität abzubilden, sollte man nicht an solch einen Film haben. Schließlich zeigen auch die Folgen aus anderen Teilen Deutschlands Verzerrungen des dortigen Lebens. Es geht um Spannung und Unterhaltung. Der Tatort soll ja kein Regionalmarketing sein. Deshalb glaube ich auch nicht, dass junge Leute nach dem Film lieber in die Stadt wollen, weil es auf dem Land angeblich so schlimm ist. Die Schwaben, gerade rund um Münsingen, könnten sich mit mehr Selbstbewusstsein zurücklehnen, denn der ländliche Raum auf der Schwäbischen Alb, aber auch in ganz Baden-Württemberg muss sich nicht verstecken.
Warum?
Weil wir in Baden-Württemberg praktisch keine abgehängten, sondern wirtschaftlich starke ländliche Regionen haben. Auch wenn es einem bei Fahrten auf der Schwäbischen Alb so vorkommt, als sei das alles sehr weit weg: Man ist von Münsingen schnell in Reutlingen, Tübingen oder in der Region Stuttgart. Die Distanzen zum Pendeln sind nicht so groß wie etwa in Brandenburg – und man muss für die Arbeit auch nicht immer in die Stadt. Generell ist die Lage des ländlichen Raums hier anders als in den ostdeutschen Bundesländern, wo wir großflächige Abwanderungen in die Städte sehen. In so großer Zahl, dass man teilweise die Infrastruktur, beispielsweise im Bereich Schule oder öffentlicher Verkehr, nicht halten kann – weil schlichtweg die nutzenden Menschen fehlen.
Was macht den ländlichen Raum im Südwesten dagegen so stark?
Zugespitzt kann man sagen: Der ländliche Raum in Baden-Württemberg hat eigentlich ziemlich viel Geld. Weil man quasi Industriestandort ist: Es gibt viele Wirtschaftsbetriebe, viele Jobs, es leben dort innovative Leute, die Menschen haben hohe Einkommen. Und wenn wir gerade die Umgebung bei Münsingen sehen mit der Lauter als einer der schönsten Flüsse in Baden-Württemberg: Es gibt hier ein hohes Erholungsniveau.
Aber junge Menschen wie die getötete Frau im Tatort suchen dann doch eher den Weg in die Stadt?
Ja, diese Wanderung beobachten wir auch in Baden-Württemberg: Für die Ausbildung oder das Studium zieht es die Menschen zwischen 18 und 25 Jahren in die Zentren. Aber einige junge Familien kehren dann irgendwann wieder zurück aufs Land. Es ist nicht so, dass Orte total ausbluten, im Gegenteil: Es gibt kaum leerstehende Häuser, viele Gemeinden verzeichnen sogar Bevölkerungszuwachs.