Nach Raubüberfällen Kriminalitätsschwerpunkt Ditzingen?
Es steht nicht gut um die gefühlte Sicherheit in der Großen Kreisstadt – spätestens seit den Überfällen auf zwei Discounter. Wie ist die Lage objektiv? Der Gemeinderat hat jetzt reagiert.
Es steht nicht gut um die gefühlte Sicherheit in der Großen Kreisstadt – spätestens seit den Überfällen auf zwei Discounter. Wie ist die Lage objektiv? Der Gemeinderat hat jetzt reagiert.
Besonders die letzten Wochen des alten Jahres sind unruhig gewesen in Ditzingen. Nach den Überfällen auf zwei örtliche Netto-Filialen im November hatte die Polizei mehrere Tatverdächtige festgenommen, allesamt höchstens 18 Jahre alt. Trotz der Festnahmen: Die Bevölkerung war aufgeschreckt, schließlich hatte es zuletzt zudem immer wieder Polizeieinsätze am Bahnhof gegeben. Größtes Problem aus Sicht der Stadtverwaltung stellten „Körperverletzung gegenüber anderen Jugendlichen“ und „Sachbeschädigungen von Kindern und Jugendlichen“ dar. Die Täter waren zwischen zehn bis 16 Jahren alt. Die Stadt spricht von „erhöhten Fallzahlen seit dem Ende der Sommerferien“. Davor, so fügt sie an, hätte es lange „keine Auffälligkeiten“ diesbezüglich gegeben.
Ist Ditzingen noch sicher? Diese Frage wurde nicht nur in den sozialen Netzwerken diskutiert. Die Christdemokraten griffen das Thema im Rahmen der Haushaltsberatungen im Gemeinderat unmittelbar vor der Weihnachtspause auf. Sie forderten „einen noch stärkeren kommunalen Beitrag in der Kernstadt und allen Stadtteilen“. Neben einem Fünf-Punkte-Plan bat die CDU-Fraktion darum, „dass das Polizeirevier uns in der Januar Sitzungsrunde über die aktuelle Sicherheitslage in unserer Stadt informiert“.
Die Polizei bestätigt einen Anstieg der Fallzahlen. „Ungefähr ab September, Oktober – dem dritten Quartal – ist ein gewisser Anstieg des Fallaufkommens in Ditzingen zu verzeichnen, gerade in den Bereichen Körperverletzungsdelikte, Bedrohung und Sachbeschädigung“, teilt der Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, Steffen Grabenstein, mit. Ein Teil der Straftaten wurde „offenbar von Personen aus einer Gruppierung begangen, die zunehmend auffällig wurde“. Diese Gruppierung, so Grabenstein weiter, „setzt sich locker zusammen und besteht aus etwa 15 Personen im Kern und weiteren Personen im Umfeld. Es handelt sich um Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 16 Jahren aus Ditzingen und Umgebung, die sich in wechselnder Zusammensetzung im Stadtgebiet Ditzingen treffen.“ Und zuletzt: „Es sind weit überwiegend männliche Personen.“
Die Kinder und Jugendlichen hätten sich zunächst auf den Laien als Treffpunkt konzentriert, teilt die Stadt mit. Durch verstärkte Kontrollen von Polizei und Stadt seien sie vom Rathausplatz hin zu anderen Orten gegangen. „Der Bahnhof wird jedoch ebenfalls in die Kontrollen einbezogen, um dort keinen neuen Fokus zu erhalten“, teilt der Rathaussprecher Jens Schmukal mit.
Ganz gleich, wie viele Fälle letztlich in diesem Kontext auf das Konto dieser Personen gehen, offenbar spielt auch eine gewisse Gruppendynamik eine Rolle – in doppelter Hinsicht. Die Gruppendynamik gelte „sowohl für die subjektive Wahrnehmung in der Bevölkerung, als auch für die objektive Zunahme der Vorkommnisse“, sagt der Polizeisprecher Grabenstein. „Personengruppen im öffentlichen Raum werden subjektiv eher als unangenehm oder gar bedrohlich wahrgenommen, als dies bei Einzelpersonen der Fall ist“. Wenn solche Personengruppen auffallen, sich möglicherweise laut und eventuell auch absichtlich provokativ verhalten und an unterschiedlichen Stellen im Stadtgebiet anzutreffen sind, könne dies erfahrungsgemäß das subjektive Sicherheitsgefühl durchaus beeinträchtigen. Das sei selbst dann der Fall, „wenn die Gruppe beispielsweise nicht aus Erwachsenen, sondern aus Kindern und Jugendlichen besteht. Geht diese Wahrnehmung dann mit Meldungen über tatsächlich verübte Straftaten einher, verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich“. Andererseits fühlten sich speziell Jüngere in Gruppen stärker und neigen eher dazu, auch die Grenze der Legalität zu überschreiten.
Die jetzt auffälligen Kinder und Jugendlichen sind laut der Stadt überwiegend länger bekannt und hinterlassen auch einen positiven Eindruck: „Im persönlichen Gespräch sind sie vernünftig, etwa bei der Bitte, Mülleimer zu benutzen und nicht zu viel Lärm zu machen.“
Die Stadt will nun die mobile Jugendarbeit stärken, um die Kinder und Jugendlichen im öffentlichen Raum zu erreichen. Die CDU ging in ihrer Forderung nach dem Fünf- Punkte-Plan allerdings deutlich darüber hinaus: Demnach soll es mehr Geld für den Sicherheitsdienst geben und der Gemeindevollzugsdienst aufgestockt werden. Zudem sollen Angsträume etwa durch eine bessere Beleuchtung beseitigt werden. Über den Plan soll auf Anregung der Verwaltung in Kenntnis aller Informationen entschieden werden. Der CDU-Antrag wurde zurückgestellt.
Gut möglich, dass in der anstehenden Diskussion auch eine Anmerkung des Bürgermeisters Ulrich Bahmer (CDU) in den Fokus rückt. Bahmer hatte, an die Fraktionen und deren Vertreter in Land und Bund gerichtet, angeregt, die Strafmündigkeit von bisher 14 auf zwölf Jahre zu senken. Denn offensichtlich würden die Täter immer jünger – wie sich konkret in Ditzingen zeige.
Arbeit der Polizei
Mit eigenen Maßnahmen reagiert die Polizei auf die Straftaten und steht im Austausch mit weiteren Stellen. „Es finden aufeinander abgestimmte, präventive Maßnahmen ebenso statt wie repressive Ermittlungsmaßnahmen in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart“, teilt der Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, Steffen Grabenstein, mit. Die Polizei hatte ihre Präsenz im Ort zuletzt deutlich erhöht.
Kooperationen
Es bestehe eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt, den Sozialarbeitern und dem schon seit Jahren im Ort aktiven, privaten Sicherheitsdienst, so die Polizei. Ziel ist die Strafverfolgung auf der einen Seite, andererseits aber auch die Verhinderung weiterer Taten durch erhöhten Kontrolldruck und begleitende Jugendarbeit.
Mithilfe der Bürger
Die Polizei ist aber nach eigenem Bekunden auf die Mitwirkung der Bevölkerung angewiesen. „Wir bitten ausdrücklich darum, verdächtige Wahrnehmungen konsequent, niederschwellig und zeitnah bei der Polizei zu melden“, sagt Grabenstein. Polizeiliche Maßnahmen seien meist nur möglich, wenn Personen nach konkreten Hinweisen noch vor Ort angetroffen und kontrolliert würden. Außerdem sei sie darauf angewiesen, dass Zeuginnen und Zeugen Angaben bei der Polizei machten.