Es ist viel geschossen worden in den zurückliegenden Wochen in der Region. Die Hintergründe sind noch unklar. Beim Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg hat inzwischen eine eigene Ermittlungsgruppe diverse Vorfälle mit Schüssen in der Region an sich gezogen. Vermutet werden Zusammenhänge. Konkrete Informationen zur Szene, um die es bei den Ermittlungen gehen könnte, gibt es dort bisher nicht. Auch über die allgemeine Lage auf dem Markt illegaler Waffen gibt man sich zugeknöpft – ebenso wie bei der Stuttgarter Polizei. Wie Täter derzeit an Schusswaffen kommen, wo sie gehandelt werden, ob es mehr oder weniger geworden sind, darüber schweigt man sich aus. Die meisten Dienststellen seien derzeit an den Ermittlungen beteiligt, sagt eine Sprecherin der Stuttgarter Polizei. Niemand wolle deshalb mit zu konkreten Informationen die Ergebnisse gefährden.
Wieder kommen Waffen aus Kriegsgebieten auf den Markt
Doch die Frage, woher die vielen Waffen kommen, mit denen aktuell die Taten begangen wurden, bewegt auch die Bürgerinnen und Bürger. Man kann jedoch nur spekulieren. Eine Theorie hat der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) im Land, Ralf Kusterer. „Insbesondere die verschiedenen Kriegsherde in Europa scheinen aus unserer Sicht den illegalen Markt zu bedienen“, sagt Kusterer. So erhalte man in der Ukraine als Soldat gegen einen Ausgabebeleg eine Waffe. Auch befürchte er, dass Waffen getöteter oder verletzter Soldaten nicht in einen „geordneten Rücklauf“ kommen würden. Vielmehr befürchte man, dass mit diesen Waffen auch illegal gehandelt würde. Das Auftauchen von Waffen aus Kriegsgebieten ist kein neues Phänomen, auch nach dem Krieg auf dem Balkan kamen Waffen von dort auf den Schwarzmarkt – und sind zum Teil auch heute noch im Umlauf.
Besorgniserregend findet Kusterer dabei auch die Waffenarten, die in den Kriegen im Einsatz seien: „Das sind teilweise hochmoderne und hochgefährliche Waffen. Solche Waffen in den falschen Händen können großes Unheil anrichten“, sagt er.
„Die große Gefahr, die wir als Deutsche Polizeigewerkschaft sehen, ist, dass durch das wachsende Angebot auch die Hemmschwelle sinkt, die Waffen zu nutzen“, fügt Ralf Kusterer hinzu. Waffen aus Kriegsgebieten heizten auch hierzulande die Gewalt an, auch in der organisierten Kriminalität.
Bei Aussagen zu Strukturen – geschweige denn organisierter Kriminalität – ist die Polizei extrem vorsichtig. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass Bandenstrukturen wie früher Black Jackets, Osmanen und Red Legion wieder entstehen. Aber gewisse Kreise scheint die Polizei konkret in den Blick zu nehmen. So wurden in Stuttgart an zwei Wochenenden groß angelegte Durchsuchungen gestartet – am Osterwochenende jüngst wieder. Dabei sei eine Reihe von Personen überprüft worden, die „in der Vergangenheit im Zusammenhang mit Gewaltdelikten bereits in Erscheinung getreten“ seien. Das vermittelt den Eindruck, als ob die Polizei weiß, wo sie suchen muss. Bei den Durchsuchungen seien auch Waffen gefunden worden. „Bei illegalem Waffenhandel gibt es nichts, was es nicht gibt“, sagt Kusterer. Auch das Darknet sei eine mögliche Quelle.
Ein ehemaliger Darknet-Händler beobachtet Veränderungen
Mit dem Darknet, dem verschlüsselten Teil des Internets, in dem viele kriminelle Geschäfte laufen, kennt sich Martin Frost aus. Er hat früher selbst im Darknet gehandelt – wofür er inzwischen rechtskräftig verurteilt ist. „Aber Waffen waren auf unserem Marktplatz verboten“, betont er. Seine Plattform ist aufgeflogen, dennoch weiß er Bescheid, was los ist: „Es werden dort immer noch Waffen angeboten und gehandelt.“ Jedoch sei ein Rückgang solcher Angebote zu beobachten. Es gebe keine sehr großen Marktplätze mehr, auch der Waffenhandel werde weniger. „Ich glaube, es ist insgesamt auch wegen der Fahndungserfolge der Polizei weniger geworden“, meint Frost.
Viele Marktplätze würden den Waffenhandel ganz verbieten – so wie der 2019 aufgeflogene Wall Street Market von Frost und Komplizen es seinerzeit auch tat. Wer im Darknet illegal Waffen suche, sei „eher jung und technikaffin“. Bosse etablierter Banden suchten dort nicht. Ein Beispiel sei der Attentäter vom Münchner Olympiazentrum im Jahr 2016: „Der Täter hatte die Waffen im Deep Web gefunden. Der Betreiber der Plattform wurde gefasst und verurteilt“, sagt Martin Frost. Personen wie dieser Attentäter seien für ihn typische Käufer im Darknet.