Nach Silvester in Esslingen „Ich würde das verbieten“ –Straßenreiniger haben klare Meinung zu Feuerwerk

Über mangelnde Arbeit können sich Antonino Mancuso (links) und Lino Gualano am 2. Januar nicht beschweren. Foto: Roberto Bulgrin

Raketenstiele, Böllerreste, sogar Patronen – zum Jahresbeginn sind die Esslinger Straßen gesäumt von Silvestermüll. Beim Reinigungsteam der Stadt herrscht deshalb Hochbetrieb. Nicht nur wegen des Abfalls sehen einige Mitarbeiter die Knallerei kritisch.

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Die häufig überstrapazierte Phrase „wie auf dem Schlachtfeld“ drängt sich bei dem Anblick an der Bushaltestelle Gartenstadt in Oberesslingen förmlich auf. Neben Raketenstielen und Schwarzpulver sind dort sogar mit Luftgewehren verschossene Patronenhülsen verstreut. Rotes Böllerpapier, Feuerwerksbatterien und sonstige Verpackungsreste ergänzen die Müllhaufen. „Hier ist immer die Hölle los“, sagt der Straßenreiniger Lino Gualano, der ganz in der Nähe wohnt. In der Silvesternacht hat er die Knallerei von seinem Balkon aus kritisch beäugt. Rund 30 Stunden später kümmert sich der 56-Jährige Mitarbeiter der Stadt Esslingen um die Überreste.

 

Während sich andere am 2. Januar noch von den Feierlichkeiten erholen, ist Gualano ab 6.45 Uhr mit seinem Kollegen Antonino Mancuso unterwegs. Zusammen übernehmen sie die erste Aufräumrunde in den Stadtteilen Oberesslingen und Zell. Ausgestattet mit Schaufel und Besen sammeln sie vor allem größere Müllstücke ein. Sobald sie an einem Ort damit fertig sind, rufen sie einen Kollegen an. Der fährt dann mit dem Kehrwagen über die Straße. „Wir müssen uns zuerst um das Grobe kümmern, sonst verstopft die Maschine“, erklärt Mancuso.

Straßenreiniger: Regelverstöße nicht nur an Silvester

23 Personen sind am Tag nach Neujahr bei der Esslinger Straßenreinigung im Einsatz. An normalen Tagen werden sie für verschiedene Aufgaben eingeteilt, etwa für den Winterdienst, das Leeren der öffentlichen Mülleimer oder das Aufsammeln des Hundekots im Stadtgebiet. Doch zurzeit dreht sich alles um die Auswirkungen des Feuerwerks. „Die Woche nach Silvester ist schon besonders anstrengend“, sagt Mancuso. Der 57-Jährige geht davon aus, dass er und Gualano die Ladefläche ihres Autos bis zum Schichtende am Nachmittag fünf bis sechs Mal voll machen und auf dem städtischen Bauhof entleeren werden.

In den Straßen rund um die S-Bahn-Haltestelle in Esslingen-Zell hat sich besonders viel Müll angesammelt. Foto: Roberto/ Bulgrin

Mancuso hat zwar den Eindruck, dass die Menge etwas geringer ist als in den Vorjahren. Seine Theorie: „Viele Leute sind wohl daheim geblieben, weil es neblig und kalt war.“ An Hotspots wie in der Weiherstraße, am Bahnhof in Zell oder auf der Parkfläche neben der Friedrich-Ebert-Schule ist davon allerdings nicht viel zu bemerken. Eine Passantin kommt mit den Straßenreinigern ins Gespräch und bezeichnet die Verschmutzung als „Sauerei“. Das sieht Mancuso ähnlich. Er fügt hinzu: „Wenn ich das Sagen hätte, würde ich das ganze Feuerwerk verbieten.“ Sein Kollege Gualano schließt sich dem an und begründet das nicht nur mit dem Abfall. „Die Tiere haben richtig Angst, wenn sie das laute Geknalle hören“, sagt der 56-Jährige. „Und wir auch“, fügt Mancuso hinzu. Gualano verweist außerdem auf die Lärmbelastung für die Menschen, die nur wenige Meter entfernt in einem städtischen Pflegeheim leben.

Er ist deshalb der Meinung, dass einige Vorschriften – rund um sensible Orte ist das Zündeln mit Feuerwerk nicht gestattet – stärker kontrolliert werden sollten. Das gilt für ihn aber nicht nur in der Silvesternacht. Bei seiner Arbeit fielen ihm immer wieder Regelverstöße auf. „Die Leute packen oft ihren Hausmüll in und neben die öffentlichen Mülleimer, das dürfen sie nicht“, sagt Gualano. Wie zum Beweis liegt an der Bushaltestelle in der Gartenstadt ein ausgemusterter Teppich herum, den die Straßenreiniger einsammeln. Wütend macht ihn auch, wie es bei seiner Schicht am ersten Weihnachtsfeiertag in der Innenstadt aussah. Nach dem Heiligen Vormittag seien dort die Gassen voller Scherben gewesen, erzählt er. „Das ärgert mich, weil wir dort erst kurz vorher wegen dem Ende des Weihnachtsmarkts gründlich aufgeräumt hatten.“ Gualano schlägt deshalb mit Blick etwa auf zerbrochene Sektflaschen vor: „Bei so etwas sollte man zehn Euro Pfand verlangen, dann passen die Leute vielleicht besser darauf auf.“

Scheiße, Kotze und Blut auf den Esslinger Straßen

Grundsätzlich fehlt es laut Gualano an Anerkennung für die Arbeit von ihm und seinen Kollegen. Ab und zu bedanke sich zwar jemand. Genervte Reaktionen seien jedoch häufiger. „Wenn ich zum Beispiel an einer Bushaltestelle putze, beschweren sich immer wieder welche, dass ich jetzt gerade da sauber machen muss, wo sie stehen.“ Andere gingen sogar noch weiter, fügt Antonio Mancuso hinzu. „Manchmal melden sich Leute bei der Stadt, weil sie uns beim Zigarettenrauchen gesehen haben“. Der Vorwurf der Anrufer laute dann, die Straßenreiniger würden sich vor der Arbeit drücken. „Dabei wissen die gar nicht, was wir davor schon gemacht haben“, sagt Mancuso, der seit 1988 bei der Stadt Esslingen angestellt ist. Gualano unterstreicht dies und sagt: „Wir haben es mit Scheiße, Kotze, Blut und verrückten Menschen zu tun.“

Dennoch gefalle ihm das Berufsfeld, in dem er seit vier Jahren tätig ist. Der Job sei körperlich etwas weniger anstrengend als andere, die er vorher ausgeübt habe. Vor allem aber empfinde er seine Arbeit als wichtig für das Gemeinwohl. Gualano sagt: „Mir gefällt es, wenn ich in einer sauberen Stadt lebe.“ Dafür ist der Einsatz von ihm und seinen Kollegen essenziell – am 2. Januar genauso wie allen anderen Tagen des Jahres.

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