Nach Kollision in Stuttgart Wie sicher ist die Stadtbahn?
Der jüngste schwere Stadtbahnunfall in Stuttgart mit mehreren Verletzten wirft die Frage auf, ob die Sicherheitssysteme ausreichen. Hier ein Überblick.
Der jüngste schwere Stadtbahnunfall in Stuttgart mit mehreren Verletzten wirft die Frage auf, ob die Sicherheitssysteme ausreichen. Hier ein Überblick.
Trotz des schweren Stadtbahnunfalls in Stuttgart-Wangen in der vergangenen Woche bleibt die Feststellung: Die Stadtbahn ist viel sicherer als der Straßenverkehr. Dabei hilft eine Vielzahl technischer Systeme.
In Tunneln oder auf Strecken, wo höhere Geschwindigkeiten gefahren werden, gibt es ein signalgestütztes Sicherungssystem wie bei der großen Eisenbahn.
Hier ist die Strecke in so genannte Blockabschnitte eingeteilt, die von Signalen gesichert werden. In jedem Abschnitt darf sich nur eine einzige Bahn befinden – so lange bleibt das Signal auf jeden Fall auf rot.
Wenn ein anderer Zug hineinfährt, obwohl sich dort noch eine anderer befindet, wird er automatisch abgebremst. Das passiert generell in jeder Situation, in der ein rot stehendes Signal überfahren wird. Die Abschnitte und Bremswege sind so eingeteilt, dass ein Aufprall praktisch unmöglich wird. Auf solchermaßen gesicherten Strecken ist bisher auch noch kein schwerer Stadtbahnunfall passiert.
Aber das Stadtbahnsystem funktioniert teilweise auch wie eine klassische Straßenbahn. Hier wird wie im normalen Straßenverkehr auf Sicht gefahren und es kommt auf die Reaktion des Fahrers oder der Fahrerin an. Durch Signalisierung und Tempobeschränkungen soll dafür gesorgt werden, dass die Sichtweite ausreicht, um rechtzeitig abzubremsen.
Grundsätzlich beschränkt die Straßenbahn Bau- und Betriebsordnung (BOStrab) die Höchstgeschwindigkeit auf solchen Abschnitten auf 70 Kilometer in der Stunde, während auf signalgesicherten Abschnitten die Stadtbahnen in Stuttgart bis zu 80 Stundenkilometern unterwegs sind. Mit Ausnahme ganz kurzer Abschnitte ist in Tunneln die Sicherung durch Signale generell Vorschrift.
Es gibt auch noch weitere Systeme, welche die Aufmerksamkeit gewährleisten sollen. Zum einen ist dies ein so genannter Sollwertgeber, salopp „Totmannknopf“ genannt. Dieser muss durch die Fahrerin oder den Fahrer in regelmäßigen Intervallen benutzt oder betätigt werden. Geschieht das nicht, wird die Bahn bis zum Stillstand abgebremst. Ebenso gibt es in den Stadtbahnen ein sogenanntes Totmannpedal, das durch die fahrende Person während der Fahrt in einer bestimmten Stellung gehalten werden muss. Wird das Pedal losgelassen, wird die Stadtbahn bis zum Stillstand abgebremst.
Ein Fahrer oder eine Fahrerein muss sich spätestens alle 20 Sekunden melden, dass sie aufmerksam ist. Doch in diesem Zeitraum kann eine ungebremste Stadtbahn bei Tempo 40, wie sie bei dem Unfallabschnitt in Stuttgart Wangen vorgeschrieben sind, bereits mehr als 220 Meter zurücklegen.
Falls ein Fahrer die Gefahr eines Aufpralls erst spät bemerkt, kann er auch eine Notbremsung einleiten. Gleich drei unabhängige Bremssysteme, die generatorische Motorbremse, die Federspeicherbremse und die Magnet-Schienen-Bremse stehen zur Verfügung. Diese Redundanz ist auch den steigungsreichen Strecken in Stuttgart geschuldet.
Der Bremsweg einer Stadtbahn ist aber deutlich länger als bei einem Auto. Während ein Auto aus Tempo 50 bei einer Schnellbremsung nach etwa 20 bis 25 Metern zum Stillstand kommen kann, sind es bei einer Stadtbahn etwa 40 bis 50 Meter. Bei nassen Schienen kann es noch weiter sein. Ob es bei dem Unfall vom Freitag tatsächlich einen Bremsversuch gegeben hat, das wird eine Auswertung des auf jeder Stadtbahn vorhandenen Fahrtenschreibers ergeben. Dieser kann auch nachweisen, ob tatsächlich die vorgeschriebenen 40 Kilometer in der Stunde eingehalten wurden.
Und noch ein Sicherheitsmerkmal wird bei der Analyse des Unfalls ein Thema sein: Der Stadtbahnzug, der auf einen anderen auffuhr, war ein älteres Exemplar. Bei diesen Bauserien ist das Führerhaus noch nicht, wie bei Straßenfahrzeugen schon lange üblich, möglichst crashfest gestaltet worden.
Bei neueren Bahnen ist das Vorschrift – im Hinblick auf einen besseren Schutz des Fahrers und der ganz vorne sitzenden Fahrgäste. Bei einem Aufprall eines Zuges der Linie U 7 auf einen der U 8 im Februar 2012 an der Haltestelle Kreuzbrunnen in Ostfildern war der auffahrende Zug eine modernere Version und trug vergleichsweise wenige Schäden davon.