Nach Sturz von Lindsey Vonn Olympia-Reporter diskutieren – verhindern neue Regeln Dramen auf der Piste?

Die Skiwelt unter Schock: Am Sonntag musste US-Star Lindsey Vonn nach einem Sturz verletzt abtransportiert werden. Foto: Uncredited/Olympic Broadcasting

Nach dem Sturz-Drama um Lindsey Vonn stellt sich die Frage: Würde eine unabhängige medizinische Untersuchung einen solchen Fall verhindern? Unsere Reporter diskutieren.

Es war DAS Drama der bisherigen Tage der Olympischen Winderspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo: Der Sturz von Lindsey Vonn in der Abfahrt am Sonntag. Der US-Star wollte sein Comeback im Alter von 41 Jahren und einer Teilprothese im rechten Knie mit Olympia-Gold krönen, riss sich kurz vor den Spielen aber das Kreuzband im linken. Dennoch trat sie an, stürzte und brach sich den Unterschenkel.

 

Die Bestürzung war groß – und obwohl dieser Crash vermutlich nichts mit dem verletzten Knie Vonns zu tun hatte, wurde auch eine Frage heftig diskutiert. Braucht es Regeln, die in einem solchen Fall eine Sportlerin oder einen Sportler vor sich selbst schützen? Der Präsident des Ski-Weltverbands, Johan Eliasch, betonte die Eigenverantwortung der Athletinnen und Athleten: „Sie treffen die Entscheidung.“ Aber: Ist das der richtige Weg? Oder muss es vielmehr eine unabhängige Instanz in Sachen Gesundheit geben?

Unsere Olympiareporter haben sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt – und kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Pro: Nichts spricht gegen einen neutralen Arzt

Jochen Klingovsky: Wer Profisport auf höchstem Niveau betreibt, muss hart gegen sich selbst sein. Erfolgreich ist nur, wer körperlich an seine Grenzen geht – und manchmal darüber hinaus. Weshalb sich natürlich die Frage stellt: Müssen (über)ehrgeizige Athletinnen und Athletinnen vor sich selbst geschützt werden? In vielen Sportarten gibt es eine klare Antwort.

Der Motorsport-Weltverband schreibt regelmäßige medizinische Checks vor. Wer hinters Steuer will, braucht nicht nur nach Unfällen das grüne Licht eines Rennarztes. Im Profiboxen ist vor jedem Kampf das positive Attest eines Ringarztes verpflichtet, im American Football und Rugby muss nach Gehirnerschütterungen ein unabhängiger Neurologe die Rückkehr aufs Feld erlauben. Auch Radprofis, die schwer gestürzt sind, dürfen erst nach Freigabe des Rennarztes wieder in den Sattel.

Man könnte nun einwenden, dass Formel-1-Piloten oder Radfahrer ja auch andere gefährden, wenn sie in Rennen nicht völlig fit sind. Für Footballer, Rugbyspieler oder Boxer gilt das nicht. Hier ist das klare Ziel, sie vor lebenslangen Schäden zu bewahren. Lindsey Vonn ging beim olympischen Abfahrtslauf mit einem Kreuzbandriss im linken sowie einer Teilprothese im rechten Knie an den Start – und ein extrem hohes Risiko ein. Auch weil sie wusste, dass sich die komplette Aufmerksamkeit auf sie richten würde.

Statt auf dem Podium landete Lindsey Vonn im Krankenhaus, mit den Folgen muss sie nun leben. Doch zugleich wird der Abfahrtslauf die Formel 1 des Wintersports und enorm gefährlich bleiben. Weshalb absolut nichts dagegen spricht, auch hier körperlich angeschlagene Athletinnen und Athleten erst nach der Freigabe durch einen neutralen Arzt starten zu lassen – um sie vor sich selbst zu schützen.

Contra: Die Kontrolle ist nicht zu leisten

Dirk Preiß: Natürlich ist es legitim, nach einem Tag wie dem Sonntag die Frage zu stellen, ob ein solches Szenario im alpinen Skirennsport nicht verhindert hätte werden können. Die Antwort ist auch klar. Ja, es hätte nicht passieren müssen – dafür allerdings hätte Lindsey Vonn gemeinsam mit ihren Ärzten entscheiden müssen, auf einen Start zu verzichten. Diese Entscheidung konnte ihr niemand abnehmen, auch keine unabhängige Instanz.

Das eine Argument ist: Hier handeln erwachsene Menschen bei klarem Verstand. Wer sich trotz Verletzung auf eine Rennpiste wagt, tut das nicht aus Zufall, sondern weil er oder sie es unbedingt möchte. Das Risiko, das dabei eingegangen wird, betrifft zunächst einmal nur diese Person selbst. Die auch mit möglichen Folgen leben muss. Gleiches gilt für teaminterne Mediziner, die grünes Licht geben. Rechtliche Fragen von Startverboten sind außerdem nicht zu unterschätzen – entscheiden am Ende Ad-hoc-Gerichte, wer ins Starthaus darf?

Dazu kommt: Es wäre extrem schwer, exakte Grenzen zu ziehen. Wann ist eine Vorverletzung so gravierend, dass ein Start untersagt werden muss? Welche Blessuren geben überhaupt Anlass zur Untersuchung? Wie eindeutig kann eine Diagnose sein? Und wie schnell kann sie überhaupt gestellt werden? Wäre dann an jedem Weltcup-Ort eine Klinik mit modernsten Diagnosegeräten verpflichtend? Denn manchmal muss eine solche Entscheidung ja vom einen auf den anderen Tag gefällt werden.

Viel wichtiger als eine verbindliche, neutrale Untersuchung bleibt im Skirennsport daher die Eigenverantwortung der Sportlerinnen und Sportler und ihrer Teams aus Trainern, Ärzten und Physiotherapeuten. Damit auch folgende Generationen wissen: Es lohnt sich, nach sportlichem Erfolg zu streben und dafür an Grenzen zu gehen – aber eben nicht darüber hinaus.

Weitere Themen