Stuttgart - Wenn die Unesco etwas Rock ’n’ Roll verstehen würde, hätte sie nicht nur die kubanische Rumba, den jamaikanischen Reggae und die deutsche Orgelmusik in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, sondern auch die Rolling Stones. Ist eine Welt vorstellbar, in der es Songs wie „Satisfaction“, „Jumpin’ Jack Flash“ oder „Sympathy for the Devil“ nicht gibt? Und ist diese Band ohne ihren grandios-stoischen Schlagzeuger Charlie Watts vorstellbar, der am Dienstag im Alter von 80 Jahren gestorben ist?
Watts’ Tod könnte das Ende für die größte Band in der Geschichte der Rock ’n’ Roll bedeuten, für eine Band, die immer schon da war und für die kein Superlativ zu groß ist. Obwohl es noch einige wenige Bands gibt, die Stadion füllen können, gegen die Rolling Stones spielen U2, AC/DC oder Metallica dann doch nur in der zweiten Liga. Die Welt ist ein bisschen trister geworden durch Charlie Watts’ Tod.
Ersatzmann Steve Jordan
„Charlie ist unser Motor, und ohne unseren Motor fahren wir nirgendwohin“, hat Stones-Gitarrist Ron Wood einmal gesagt. Doch so ganz stimmt das nicht. Bislang plant die Band jedenfalls im September wieder zu touren. Weil schon länger absehbar war, dass Charlie Watts krankheitsbedingt nicht dabei sein könnte, hatten die Stones am 5. August bekannt gegeben, dass statt Watts der Studiomusiker Steve Jordan bei den 13 verbleibenden US-Terminen der „No Filter“-Tour am Schlagzeug sitzen wird.
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Schon 1986, als Watts wegen Drogenproblemen nicht in der Lage war, Schlagzeug zu spielen, hatte Jordan auf dem Stones-Album „Dirty Work“ bei einigen Songs getrommelt. Anfang August sagte Jordan, dass er es als Ehre empfinde, Watts vertreten zu dürfen, und dass er sich darauf freue, den Platz wieder frei zu machen, wenn Watts wieder fit ist. Dazu wird es jetzt nicht mehr kommen.
Drei Varianten sind möglich
Doch was nun? Das Magazin „Rolling Stone“ zählt die drei möglichen Szenarien auf. Die erste Variante: Die Band absolviert wie geplant die US-Termine mit Steve Jordan am Schlagzeug und gibt danach ihre Auflösung bekannt. Die zweite Variante ist, dass die Stones auch im Anschluss mit Steve Jordan weitermachen. Schließlich ist das nicht der erste personelle Wechsel in der Band. 1969 trennte sich die Band vom Gitarristen Brian Jones und ersetzte ihn durch Mick Taylor, 1993 stieg Bassist Bill Wyman aus, und Darryl Jones nahm als Tourmusiker seine Position ein. Und tatsächlich gehörte Charlie Watts 1962 ja auch nicht zu den Gründungsmitgliedern der Rolling Stones, sondern kam erst ein Jahr später hinzu und nahm den Platz von Tony Chapman ein.
Die dritte Variante ist die, dass die Rolling Stones doch noch alle weiteren Tourtermine absagen und ihrem Schlagzeuger dadurch Respekt zollen, dass sie bekannt geben, dass der Tod von Charlie Watts gleichzeitig das Ende der Rolling Stones bedeutet.
Nach 13 Konzerten könnte Schluss sein
Das erste Szenario, das den Fans noch insgesamt 13-mal Gelegenheit geben würde, die Band live zu erleben, scheint derzeit das realistischste. Aber auch die anderen Varianten sind nicht ausgeschlossen. Tatsächlich wird über ein mögliches Ende der Rolling Stones immer wieder spekuliert. Zum Beispiel vor 15 Jahren, als viele Fans glaubten, dass die „Bigger Bang“-Tournee, die Mick Jagger. Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood im Jahr 2006 auch nach Stuttgart führte, die letzte Tour sein könnte. Die Zeile „this could be the last time“ (das könnte das letzte Mal sein) aus dem Stones-Song „The last Time“ wurde zum geflügelten Wort. Auch damals war es die Personalie Charlie Watts, die die Spekulationen anheizte: Zwei Jahre zuvor war bei ihm Kehlkopfkrebs diagnostiziert worden, und vor der Tour hatte er angekündigt, dass diese seine letzte sein werde. Wenig später relativierte er allerdings seine Rückzugsankündigung („Ich sage das vor jeder Tour“) und gab bekannt, dass er geheilt sei.
Die „Bigger Bang“-Tournee sollte dann doch nicht die letzte Tour der Stones werden, die 2018 noch ein weiteres Mal nach Stuttgart kamen. Und wer den Auftritt miterleben durfte, hatte den Eindruck, dass diese Band unkaputtbar ist. Doch auch wenn die Musik der Rolling Stones unsterblich ist, die Musiker sind es nicht. Keith Richards hat einmal behauptet: „Nur der Tod von einem von uns kann den Stones-Tross aufhalten.“ Jetzt könnte es so weit sein.