Nach Unfall in Kiel Aidlinger Wehr geht bei Drehleiter auf Nummer sicher
Ein schwerer Unfall mit einer Drehleiter in Kiel betrifft auch die Aidlinger Feuerwehr. Dort verwendet man ein Fahrzeug vom selben Hersteller – und ist jetzt extra vorsichtig.
Ein schwerer Unfall mit einer Drehleiter in Kiel betrifft auch die Aidlinger Feuerwehr. Dort verwendet man ein Fahrzeug vom selben Hersteller – und ist jetzt extra vorsichtig.
Eine Ausbildungsübung der Feuerwehr Kiel auf dem Gelände der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) in Preetz im Landkreis Plön endet am 17. Oktober 2024 beinahe in einer Katastrophe. Der ausgefahrene Korb eines Drehleiterfahrzeugs ragt etwa 24 Meter in die Höhe, als plötzlich an mehreren Stellen die Seile des Aus- und Einzugssystems für die Leiter reißen. Der Korb schnellt unkontrolliert nach unten und knickt am Endanschlag ab. Ein Feuerwehrmann wird aus dem Korb geschleudert, ein anderer bleibt darin hängen. Beide erleiden schwere Verletzungen. Gut ein halbes Jahr später hat dieser Unfall auch in Aidlingen Konsequenzen.
Zunächst aber geht der Blick zurück nach Kiel: Dort begann schon wenige Tag nach dem Unglück die Aufarbeitung. Die Drehleiter vom Typ M32L-AS wurde von der auf Feuerwehrfahrzeuge spezialisierten Firma Magirus in Ulm hergestellt. Dort baut man nach eigenen Angaben die mit 68 Metern Arbeitshöhe höchste Drehleiter der Welt. Das Unternehmen schickte Mitarbeiter, um gemeinsam mit Vertretern der Feuerwehr Kiel und einem von der Stadt Kiel beauftragten externen Sachverständigen vom TÜV Nord die Drehleiter zu untersuchen.
Später wurde das neun Jahre alte Fahrzeug für weitere Untersuchungen nach Ulm überführt, wo einzelne Leiterteile im Beisein des Sachverständigen vom TÜV Nord demontiert und die Leiterseile freigelegt wurden. „Die dabei gewonnenen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein Versagen der Auszugseile zu dem Unfall führte“, heißt es in einem Bericht auf der Magirus-Homepage. Man habe keinen Fehler an der Winde des Ein- und Auszugssystems der Leiter oder an Schweißbaugruppen und Seilführungssystemen feststellen können. Parallel dazu habe Magirus eigene Untersuchungen beim TÜV Süd in Auftrag gegeben.
In ihrem Bericht weist die Firma Magirus sämtliche Feuerwehren „noch einmal ausdrücklich darauf hin, die Betriebs- und Wartungsanweisung der Drehleitern zu beachten“ – insbesondere das Kapitel „Wartung“. Zudem empfiehlt Magirus, eine genaue Sichtprüfung der Seile im Leiterpark. „Aus heutiger Sicht besteht bei ordnungsgemäß gewarteten Seilen kein Grund, die Drehleitern von Magirus aus dem Betrieb zu nehmen“, teilt das Unternehmen mit.
Bei der Freiwilligen Feuerwehr in Aidlingen geht man bei dem Thema offenbar lieber auf Nummer sicher. Auch dort ist eine Drehleiter von Magirus im Einsatz. „Der Unfall in Kiel ist bis jetzt nicht hundertprozentig aufgeklärt“, sagt Aidlingens Feuerwehrkommandant Andreas Bauer. Man sei deshalb der Empfehlung von Magirus gefolgt und habe die kritischen Elemente sehr intensiv geprüft.
Dabei sei laut Bauer offenbar tatsächlich etwas aufgefallen. „Man kann an den Seilen sehen, dass sich etwas gelöst hat“, sagt der Kommandant. Allerdings sei der Mangel noch nicht gravierend, erklärt er. „Früher hätte man gesagt, man macht das bei der nächsten Wartung“, sagt Bauer. Durch den Kieler Unfall sei man nun aber so sensibilisiert, dass man das Fahrzeug bis auf Weiteres außer Dienst genommen habe. „In so einem Fall will man nicht nur 100, sondern lieber 110 Prozent Sicherheit“, sagt Bauer.
Das Aidlinger Fahrzeug ist mit 19 Jahren deutlich älter als die Kieler Drehleiter. Bei der DLA-K 23/12 – 15,5 Tonnen schwer, Rettungshöhe 23 Metern – hätte 2026 die zweite Zehn-Jahres-Wartung bevorgestanden. Diese kommt nun etwas früher. Vorher werde man sich einen Kostenvoranschlag einholen und versuchen, einen möglichst guten Preis zu verhandeln. „Wir sprechen da von 40 000 bis 60 000 Euro“, sagt Bauer. „Das ist schon eine hohe Summe, deswegen stimmen wir uns natürlich vorher mit Frau Österle ab“, verweist er auf Aidlingens Bürgermeisterin. „Wir werden das Thema im nächsten Gemeinderat behandeln“, bestätigt Helena Österle.
Das Okay für die Wartung steht zwar noch aus, für die Aidlinger Drehleiter gilt aber bereits der „Feuerwehr-Status 6“ – das heißt, das Fahrzeug ist nicht einsatzbereit und wird nicht für Einsätze disponiert. Die Einsatzbereitschaft der Aidlinger Feuerwehr sei deshalb aber nicht gefährdet“, versichert Bauer. „Das wird über die Leitstelle abgedeckt“, erklärt er, dass bei Bedarf die Kameraden in Böblingen oder Sindelfingen mit ihrer Drehleiter anrücken. So wie erst am vergangenen Wochenende, bei einem durch einen Rauchmelderalarm ausgelösten Einsatz in einem Wohnhaus.
Erfinder
Der Ulmer Feuerwehrmann und Firmengründer Conrad Dietrich Magirus erfand 1872 eine freistehend besteigbare Zweirad-Schiebeleiter. 1892 entwickelte er die erste Drehleiter, die von Pferden gezogen wurde und eine Steighöhe von 25 Metern hatte. Heute beliefert das Unternehmen Feuerwehren in 150 Ländern mit seinen Fahrzeugen.
Peitscheneffekt
Im Korb einer Drehleiter sichert ein Geländer die Feuerwehrleute. In manchen Situationen reicht dies jedoch nicht aus – so wie beispielsweise in Kiel,
werden können.