Der Deutsche Fußball-Bund geht in Opposition zur Fifa, wie Präsident Bernd Neuendorf sagt – und ist dabei nicht alleine.

Es geht munter weiter: Die Debatte über die verbotene One-Love-Kapitänsbinde und untersagten Regenbogenfarben bei der WM in Katar haben auch den Tag des ersten deutschen Gruppenspiels bestimmt. Wenige Stunden vor dem Anpfiff im Khalifa-International-Stadion machten Bundesinnenministerin Nancy Faeser und DFB-Boss Bernd Neuendorf ihrem Ärger über das Vorgehen der Fifa und das Verhalten der Sicherheitskräfte in den Stadien Luft. Die One-Love-Binde zu verbieten nannte die Ministerin einen großen Fehler. „Es ist nicht in Ordnung, wie die Verbände unter Druck gesetzt wurden.“ Später setzte sie selbst ein starkes Zeichen und trug demonstrativ auf ihrem Tribünenplatz – direkt neben ihr saß der umstrittene Fifa-Präsident Gianni Infantino – die One-Love-Binde am Arm.

Neuendorf erneuerte vor dem Spiel gegen Japan (1:2) seine scharfe Kritik am Weltverband. „Die Fifa arbeitet mit Einschüchterung und Druck“, sagte der 61-jährige Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): „Wir sind in der Opposition zur Fifa, das ist ganz wichtig, dass das hier deutlich wird. Wir wollen gucken, wie wir weitere Maßnahmen auf den Weg bringen.“

Für Donnerstag kündigte er eine Schaltkonferenz mit den anderen europäischen Fußballnationen an, die die One-Love-Binde bei der WM in Katar tragen wollten.

Als Infantino auf der Ehrentribüne Platz genommen hatte, stellte sich die DFB-Elf zum Gruppenfoto auf. Von Manuel Neuer bis Kai Havertz – alle hielten sich dabei demonstrativ den Mund zu. Der DFB meldete sich umgehend auf Twitter: „Wir wollten mit unserer Kapitänsbinde ein Zeichen setzen für Werte, die wir in der Nationalmannschaft leben: Vielfalt und gegenseitiger Respekt. Gemeinsam mit anderen Nationen laut sein. „Es geht dabei nicht um eine politische Botschaft: Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber leider immer noch nicht. Deshalb ist uns diese Botschaft so wichtig. Uns die Binde zu verbieten ist wie den Mund zu verbieten.“ Bundestrainer Hansi Flick nahm am Abend nur kurz zu der Maulkorbaktion seiner Spieler Stellung: „Es sollte ein Zeichen sein, dass die Fifa uns mundtot macht.“

Korruptes System

Thomas Hitzlsperger, Ex-Nationalspieler und Ex-Vorstandsboss des VfB Stuttgart, platzte in der ARD der Kragen: „Mittlerweile habe ich nur noch einen großen Hals auf die Fifa. Ich finde es unfassbar, was sie sich herausnimmt.“ Den Fußball-Weltverband betrachtet er als eine „desolate, dysfunktionale Organisation“.

Der frühere VfB-Sportdirektor Fredi Bobic, heute Geschäftsführer von Hertha BSC, bezeichnete die Fifa als „korruptes System“: „Das ist der größte Skandal, weil es den Fußball extrem beschädigt und nicht fair ist gegenüber den Jungs, die ein Turnier spielen wollen.“

Innenministerin Faeser, und DFB-Präsident Bernd Neuendorf beklagten auch den Umgang mit Regenbogen-Symbolen. Einigen deutschen Fans waren entsprechende Kleidungsstücke vor dem Betreten der Arenen abgenommen worden. „Das ist nicht mein Verständnis der Sicherheitsgarantie, die mir der Innenminister hier gegeben hat. Das enttäuscht mich doch sehr“, sagte Faeser. Neuendorf schloss sich dem entschieden an: „Das ist für uns definitiv kein Zeichen des Willkommens, wenn man wegen solcher Zeichen aus dem Stadion geführt wird.“