Es ist Sonntagmorgen, 7 Uhr, am Bahnhof in Böblingen. Auf Gleis 1 stehen Walter Gerstner, Geschäftsführer des Zweckverbands Schönbuchbahn und Jan Schillinger, Prokurist bei der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft (WEG). Sie warten auf einen Zug der Baureihe Bombardier Talent, der in wenigen Minuten in den Böblinger Bahnhof einfährt. Zweck der frühmorgendlichen Zusammenkunft sind Probefahrten auf der Strecke der Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen. Die Verantwortlichen wollen alternative Triebzüge testen, nachdem der spanische Hersteller CAF angekündigt hatte, dass die eigentlich vorgesehenen Züge für die Strecke nur mit anderthalb Jahren Verspätung ausgeliefert werden können. Der Zweckverband hält zwar noch an den Zügen fest, doch Walter Gerstner sagt: „Wir wollen mit der Aktion zeigen, dass wir nicht untätig sind und auf eine Beschleunigung der Auslieferung pochen.“
Züge könnten wohl erst im Sommer 2024 rollen
Im September hatte der Hersteller CAF auf ein Ultimatum des Zweckverbandes Schönbuch reagiert und das neue Lieferdatum für die bestellten Züge angekündigt, mit dem Landrat Roland Bernhard alles andere als zufrieden war: März 2024. Mit der nötigen Ausbildung der Zugführer würden die neuen Züge erst im Sommer 2024 rollen, hieß es – mehrere Jahre später als gedacht.
In einem Gespräch mit dem spanischen Hersteller Anfang Oktober forderte der Landrat nun eine Auslieferung der Züge bereits im Dezember 2023. „Der Hersteller hat das Drängen des Landrats aufgenommen, uns aber noch nicht verbindlich zugesagt“, erklärt Walter Gerstner. Doch CAF will nun alle verfügbaren Kräfte in die Lösung des Problems stecken: Die Bremsen der Nexios-Züge erfüllen nämlich momentan nicht die vorgegebenen Standards und erhalten deshalb keine TÜV-Zulassung. Bei den aktuellen Bremsen besteht die Gefahr, dass Fahrgäste bei einer Schnellbremsung fallen könnten, da der Zug zu stark bremst. Nun muss der Hersteller die Bremssoftware ändern mit der Folge, dass das Lieferdatum deutlich nach hinten rückt. Deshalb fahren momentan auf der Schönbuchbahn-Strecke, die seit 2019 elektrifiziert ist, immer noch Dieseltriebwägen und geliehene Elektrofahrzeuge.
Passende Züge zu finden, ist nicht einfach
„Trotz zwei Jahren Verspätung halten wir alle noch an dem Projekt fest“, sagt Geschäftsführer Walter Gerstner. Doch der Zweckverband möchte auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein: Falls CAF nicht liefern kann, soll die Schönbuchbahn nicht ohne Alternativen dastehen. Deshalb wurden nun Probefahrten mit zwei Zügen durchgeführt: Einem Bombardier Talent von der SBS und einem sogenannten Stadler Flirt von der bayerischen Oberlandbahn. So sollte geklärt werden, welche Fahrzeuge für die Strecke überhaupt in Frage kommen und welche verfügbar sind. Passende, gebrauchte Triebzüge zu finden, ist gar nicht so einfach.
Die zwölf bestellten CAF-Züge für insgesamt 60 Millionen Euro sind genau auf die Anforderungen der Schönbuchbahn-Strecke ausgerichtet. Die Fahrzeuge, die nun getestet wurden, wären lediglich Kompromisse: Der Talent-Zug beispielsweise ist auf Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde ausgelegt, ist deutlich schwerer und für die kurvenreiche Strecke der Schönbuchbahn nur begrenzt tauglich: „Der Zug hat längere Achsabstände und ist nicht für Kurven ausgelegt“, erklärt Walter Gerstner. Deshalb können bei der Fahrt laute Quietschgeräusche entstehen, die Anwohner strapazieren könnten. Bereits beim Einstieg werden weitere Nachteile deutlich: Der Bahnsteig ist höher als der Wagen und demnach nicht barrierefrei.
Türen spielen wichtige Rolle
Auch die Länge der Fahrzeuge spielt eine Rolle: Bei einer maximalen Bahnsteiglänge von 80 Metern hatte der Zweckverband Schönbuchbahn mit Zügen mit einer Länge von rund 40 Metern geplant. So könnten zu Stoßzeiten zwei Züge fahren und zu Abend- oder Nachtzeiten nur einer. Der Talent allerdings ist länger als 40 Meter. Dies hätte zur Folge, dass die Kapazitäten weniger flexibel an die Fahrgastzahlen angepasst werden könnten – was Mehrkosten verursachen würde.
Ein weiterer wichtiger Punkt für Walter Gerstner: „Unser verkehrliches Ziel war es, dass Anschlusszüge sicher erreicht und so Anbindungen verbessert werden.“ Doch um dies zu schaffen, muss der eng getaktete Fahrplan der Schönbuchbahn eingehalten werden, was nur mit zügigem Ein- und Ausstieg machbar ist. Mit den CAF-Zügen wäre dies kein Problem, denn die Fahrzeuge sind laut Plan mit genügend Türen ausgestattet. Der Talent-Zug jedoch, der vor allem auf längeren Strecken im Regionalverkehr zum Einsatz kommt, hat deutlich weniger Türen und würde dieses Ziel damit aufs Spiel setzen.
Dem Zweckverband ist deshalb klar: Alle Alternativpläne wären teuer und ein Kompromiss – kein bereits existierender Zug passt so richtig. Doch bis jetzt ist nicht klar, ob CAF die TÜV-Probleme gelöst bekommt. Falls es zum Super-Gau kommen sollte und die Züge des spanischen Herstellers durchfallen, müssten neue Fahrzeuge in Auftrag gegeben werden, was wiederum mehrere Jahre Bauzeit mit sich bringen würde. Zur Überbrückung müssten dann die gebrauchten Triebzüge zum Einsatz kommen.
Die Geburtswehen der elektrifizierten Schönbuchbahn
Unter Strom
Der Spatenstich zur rund 120 Millionen Euro teuren Elektrifizierung fand im November 2016 statt. Nach einem Jahr Verzögerung wegen Bomben- und Eidechsenfunden, Gesteinsproblematik, Planungspannen und Anschlussproblemen wurde die elektrifizierte Strecke im Dezember 2019 eingeweiht.
Diesel statt Strom
Auf der Stromtrasse sollten eigens von der Firma CAF entwickelte Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Der 60 Millionen teure Auftrag verzögerte sich immer wieder. Im vergangenen August dann die Hiobsbotschaft: Die Bremsen an den zwölf Fahrzeugen sind falsch dimensioniert, eine rasche Lösung des Problems gibt es nicht, der geplante Einsatz im Dezember 2021 war ausgeschlossen. Seither ist der Start ungewiss.
Ultimatum
Der Zweckverband setzte dem spanischen Hersteller zum 30. September 2022 ein Ultimatum. CAF reagierte mit der Ankündigung, dass keineswegs vor März 2024 mit einer Lösung des Bremsenproblems zu rechnen wäre.
Alternativen
Der Zweckverband macht nun mit seiner Ankündigung ernst, nach alternativen Zügen Ausschau zu halten.
CAF
Der spanische Eisenbahnbauer zählt mit 38 Standorten und mehr als 11 000 Mitarbeitenden zu den weltweit führenden Herstellern.