Nach Vorwürfen wegen mangelndem Engagement Protestanten verstärken Kampf gegen Missbrauch

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Die evangelische Kirche in Deutschland will eine unabhängige zentrale Anlaufstelle für Opfer von sexuellen Übergriffen schaffen. Sie reagiert damit auf die Forderung nach einer umfassenden Untersuchung der Vorfälle. Vorbild ist auch die katholische Kirche.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bei der Synode der evangelischen Kirche. Foto: epd
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bei der Synode der evangelischen Kirche. Foto: epd

Würzburg - Als die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ins Gewissen redet und Härte gegen die Missbrauchstäter fordert, hat sie womöglich das Schicksal von Kerstin Claus vor Augen. Die heute 49-Jährige war 14 Jahre alt, als sie zum Opfer eines Pfarrers wurde. Der Geistliche, bei dem die Jugendliche Hilfe in einer schwierigen privaten Situation gesucht hatte, bedrängte sie, tat ihr sexuelle Gewalt an – und das über Jahre. Erst viel später fand Claus die Kraft, über ihr Leid zu sprechen. Heute gehört sie dem Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung an.

Umfassende Untersuchung verlangt

11 000 Akten gebe es mittlerweile bei der zentralen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, sagt Giffey am Sonntag. „Jede einzelne Akte enthält ein furchtbares Schicksal.“ Dieser Tatsache, so mahnt die SPD-Politikerin, müsse sich auch die Kirche stellen, indem sie für Aufklärung sorgt und indem sie Täter konsequent zur Rechenschaft zieht, strafrechtlich und disziplinarrechtlich: „Menschen, die Kinder missbrauchen, haben in keinen Amt der Kirche mehr etwas zu suchen“, mahnte Giffey. Sie erntet dafür lang anhaltenden Applaus. Offenbar spricht sie den Synodalen aus dem Herzen.

Kurz zuvor war noch heftige Kritik auf die EKD eingeprasselt. Die ehemalige Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann etwa hatte der EKD mangelndes Engagement vorgeworfen und beklagt, dass es keine umfassende Untersuchung gebe, wie sie die Katholische Deutsche Bischofskonferenz im September vorgelegt hatte. Die zentrale Aufarbeitungskommission verlangte zudem, die EKD solle stärker mit dem Staat zusammenarbeiten und eine unabhängige zentrale Anlaufstelle für die Betroffenen einrichten.

Kirche setzt auf große Studien

Diesen Forderungen will die Evangelische Kirche in Deutschland nun nachkommen. Gemeinsam mit den Vertretern der 20 Landeskirchen wurde in Würzburg beschlossen, zwei überregionale Studien in Auftrag zu geben. Dabei solle besonders das Dunkelfeld ausgeleuchtet werden, betonte die Präses der Synode Irmgard Schwaetzer. Außerdem wolle man untersuchen, welche speziellen Risiken es in der Evangelischen Kirche im Unterschied zur Katholischen Kirche mit ihrem Zölibat oder den hierarchischen Strukturen gebe.

Zusammenarbeit wird intensiviert

Auch die unabhängige zentrale Anlaufstelle soll nun entstehen. Allerdings werde dies, so Schwaetzer, erst im nächsten Jahr gelingen. Zudem intensiviert die EKD die Zusammenarbeit mit den Stellen auf Bundesebene. Als erster Schritt in diese Richtung wird der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig in eine Sitzung des Rates der EKD eingeladen.

Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bat die Opfer solcher Taten im Raum der Kirche um Vergebung. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass es keine Rolle spiele, ob es in der evangelischen Kirche weniger Fälle gebe als in der katholischen: „Jeder Fall ist einer zu viel und ist ein Skandal“, betonte der bayerische Landesbischof.

Begrenzt aussagekräftige Zahlen

Bisher haben sich rund 500 Opfer bei der Kirche gemeldet und zum Beispiel um Entschädigung nachgesucht. Doch die Zahl ist nur begrenzt aussagekräftig. Denn die Landeskirchen operieren unterschiedlich. Die württembergische gehört zu den 50 Prozent der Landeskirchen, die eine Kommission eingerichtet haben, an die sich Opfer wegen der Anerkennung ihres Leids wenden können. Insgesamt 94 Personen haben sich über die Jahre an die Kommission gewandt.