Nach Zitzelsbergers Absage IG-Metall-Chef ringt um sein Vermächtnis

Jörg Hofmann muss einen neuen Personalvorschlag erarbeiten. Foto: Britta Pedersen/dpa

Der baden-württembergische Bezirksleiter Roman Zitzelsberger hat in der IG Metall hohe Wellen geschlagen mit seiner Absage an eine Führungsposition – und er hat seinen Vorsitzenden Jörg Hofmann in die Bredouille gebracht.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Dass sein politisches Erbe in akute Gefahr geraten könnte, hat Jörg Hofmann noch Ende Januar sicher nicht geahnt. Da hat der im Herbst ausscheidende IG-Metall-Vorsitzende gedacht, er könne dem Vorstand an diesem Dienstag seinen Vorschlag für das neue Führungsteam präsentieren: mit Vize Christiane Benner und Bezirksleiter Roman Zitzelsberger als echter Doppelspitze. Man könne das „Lametta“ in der Satzung streichen und zu einem „gleichberechtigten Miteinander der Vorsitzenden“ kommen, hat er seinerzeit noch betont.

 

Doch vor gut einer Woche hat ihm Zitzelsberger aus gesundheitlichen Gründen eine endgültige Absage erteilt, womit ein von langer Hand vorbereiteter Plan ruiniert war. Das Interview unserer Zeitung, in dem er seinen beispiellosen Verzicht begründete, hat in der Gewerkschaftswelt gewaltige Wellen geschlagen. Folglich muss Hofmann eine neue Lösung ersinnen, die auf dem Gewerkschaftstag vom 22. bis 26. Oktober in Frankfurt eine überzeugende Zustimmung findet.

Durch alle Bezirke der Gewerkschaft wollten Benner, Zitzelsberger und Hauptkassierer Jürgen Kerner ziehen, um mit den Vertretern der Basis und der Organisation über das neue Führungsmodell zu diskutieren. Anfang März, nach fünf von sieben geplanten Veranstaltungen, streikten Körper und Geist des Stuttgarters plötzlich. Der Stress der Monate zuvor setzte den 56-Jährigen außer Gefecht. So wurde das Treffen im Südwesten abgesagt, im Bezirk Niedersachsen mussten Benner und Kerner allein auftreten. In der Folge legte Hofmann das Vorhaben zunächst auf Eis, um Zitzelsberger Zeit zu verschaffen, wieder in die Spur zu kommen.

Grundsätzliche Widerstände gegen innovatives Modell

Im Kern war es ein Zweck der Doppelspitze, einen Machtkampf von vorneherein zu unterbinden. Trotzdem bauten sich grundsätzliche Widerstände auf. Schon bei den ersten Treffen der Werbetour kam aus dem Mittelbau der Organisation der Wunsch auf, den innovativen Plan in der bestehenden Struktur zu realisieren. Teils gab es gar offene Ablehnung gegen die formale Aufhebung der Hierarchie, sodass die auf dem Gewerkschaftstag nötige Mehrheit zusehends gefährdet schien. Letztlich wollten die Kritiker wohl auch dem Bezirk Baden-Württemberg keine Sonderrolle durch eine Abkehr von alten Prinzipien einräumen.

So zog Hofmann das Modell auf der Vorstandssitzung am 20. März zurück – die Führung auf gleicher Augenhöhe war damit erledigt. Stattdessen zeichnete sich ab, dass die Zweite Vorsitzende Benner vorrücken und Zitzelsberger Nummer zwei werden könnte.

Zitzelsberger sollte das Erreichte bewahren

Bis zuletzt hat Hofmann gehofft, dass sich der langjährige Mann seines Vertrauens wieder voll erholt. Seit acht Jahren ist er der führende Kopf der IG Metall; dass er diese Ära inhaltlich fortgeschrieben wissen will, ist in seinem Fall klar. Zitzelsberger sollte das Vermächtnis bewahren. Nun muss Hofmann neu sondieren –jetzt heißt es vage, dass er bis zur Sommerpause seinen Personalvorschlag machen werde, um keinen großen Zeitdruck entstehen zu lassen.

Faktisch bleibt Luft bis zur Vorstandssitzung im Juni. Über die Ferienphase hinweg eine Personaldebatte aufkommen zu lassen, wäre fatal. Wen er an Benners Seite stellen könnte, ist offen. Schon mäkeln Heckenschützen, Hofmann habe ohnehin keine glückliche Hand für Personalentscheidungen, nachdem er auch mit dem Versuch gescheitert sei, Benner an die Spitze des Gewerkschaftsbundes zu hieven. In jedem Fall braucht es jetzt eine dauerhafte Lösung, weil auch die 55-Jährige für mindestens zwei Amtsperioden antreten dürfte. Benner zeigt sich bereit, ganz an die Spitze zu wechseln.

Zitzelsberger wirbt infolge seiner Absage für einen „echten Generationswechsel“ an der Spitze. Offenbar könnte er sich einen unter 50-Jährigen als Zweiten Vorsitzenden vorstellen. In der Verjüngung sieht er eine große Chance – doch dieser Anspruch macht seinem Chef die Suche nur noch schwerer.

Ein Manager würde Bekenntnisse über gesundheitliche Probleme tunlichst vermeiden wollen – es könnte als Schwäche ausgelegt werden. Zitzelsberger kommt zugute, dass heute offen über psychische Belastungen in der Arbeitswelt geredet wird. Die Zäsur hat aber noch eine Nebenwirkung: Für den Stuttgarter stellt sich nun nicht mehr die Frage, ob er lieber einflussreicher Bezirksleiter bleiben oder nur Zweiter Vorsitzender in der Frankfurter Zentrale werden will. In einer „persönlichen Erklärung“, die er mit seiner Absage in der Organisation verbreitet hat, unterstreicht er nochmals die Notwendigkeit einer personellen und inhaltlichen Neuausrichtung an der Spitze. Und er betont: „Ich habe für meine Person immer klargemacht, dass ich für dieses Modell stehe.“ Was auch so gelesen werden kann: Für konventionelle Lösungen steht er nicht bereit.

Der Terminkalender wird ausgedünnt

Nun bleibt er in Stuttgart und will so schnell wie möglich wieder Fuß fassen, um den anspruchsvollen Bezirksleiterjob ganz normal zu bewältigen. Er hat sich aber auch vorgenommen, gesundheitliche Grenzen zu akzeptieren und künftig nicht mehr jedes Thema anzunehmen, bei dem sich jemand wünscht: Das wäre jetzt ganz gut, wenn der Zitzelsberger persönlich kommt. Da will er den Terminkalender spürbar ausdünnen – ob es gelingt, bleibt angesichts seines bisher so immensen Ehrgeizes noch abzuwarten.

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