Nachbarschaft im Clinch Jetzt soll die Gemeinde den Streit schlichten

Von Claudia Leihenseder 

Ein heftig geführter Nachbarschaftsstreit hält die 330 Einwohner des Plüderhausener Teilorts Walkersbach in Atem. Stein des Anstoßes ist Lärm nach Veranstaltungen im Bürgerhaus.

Im Bürgerhaus lebt die Ortskultur – nicht zur Freude aller. Foto: Gottfried Stoppel
Im Bürgerhaus lebt die Ortskultur – nicht zur Freude aller. Foto: Gottfried Stoppel

Plüderhausen - In Walkersbach hängt der Haussegen schief. Seit Jahren beherrscht ein heftig geführter Zwist rund um das Bürgerhaus das 330-Seelen-Dorf. Dort stehen sich dessen Nutzer und ein ruheliebender Nachbar unversöhnlich gegenüber. Nun soll eine neue Benutzungsordnung die Wogen glätten – doch die Lage ist verfahren. Es geht inzwischen nicht mehr nur um nächtlichen Lärm, sondern auch um Sachbeschädigung, um Beleidigungen, um Polizeieinsätze und das Vereinsleben vor Ort.

Was war passiert?

Ein Mann zog es auf der Suche nach einer neuen Heimat vor sieben Jahren in das Dorf am östlichen Rand des Rems-Murr-Kreises. Er baute für sich und seine Familie gegenüber des alten Bürgerhauses ein Haus. Was dann geschah, darüber gibt es verschiedene Schilderungen – je nachdem, mit wem man spricht.

Was sagt der Zugezogene?

Eigentlich hatte sich der Mann auf ein ruhiges Leben im Dorf gefreut. Klar, so erzählt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, war ihm bewusst, dass er in direkter Nachbarschaft zu einem Bürgerhaus ziehe, das von den örtlichen Vereinen und Organisationen rege genutzt werde. „Das Problem sind nicht nur die Besucher der verschiedenen Veranstaltungen und 24 Theateraufführungen, sondern vor allem auch die Vereinsmitglieder, die sich nach den Veranstaltungen betrunken und grölend bis in die frühen Morgenstunden auf dem Gelände des Bürgerhauses aufhalten“, beklagt er sich.

Er habe mehrfach versucht, die Situation selbst zu klären, doch mit den „betrunkenen Herrschaften“ habe er nicht reden können. Der Mann holte die Polizei – was wiederum den Betroffenen gar nicht gefallen habe: „Wir werden terrorisiert“, sagt der Mann. Er zeigt Bilder von seinem zerstörten Briefkasten: „Das war ein Sprengstoffanschlag“, sagt er. Ein anderes zeigt sein Garagentor mit dem Schriftzug „Du Sau!“ Ein weiteres seine beschädigte Luftwärmepumpe. Inzwischen hätten sich Sachschäden im Wert von rund 20 000 Euro angesammelt. „Das, was wir hier erleben, ist Selbstjustiz.“ Dabei betont er: „Wir möchten nur nachts in Ruhe schlafen können.“ Und: „Mit uns kann man reden. Wir möchten, dass die Situation geregelt wird.“

Was sagt der Bürgermeister?

Genau das versucht nun die Gemeinde Plüderhausen. Derzeit arbeitet die Verwaltung an einer Benutzungsordnung für das Bürgerhaus, um nächtliche Ruhestörungen zu vermeiden. Aber das sei, so sagt Bürgermeister Andreas Schaffer, gar nicht so einfach: „Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge.“ Denn einerseits soll diese Ordnung dem einklagbaren Ruhebedürfnis der Nachbarschaft Rechnung tragen. Andererseits soll dort weiterhin ein reges und freies Vereinsleben stattfinden. „Die Lösung ist sehr schwer“, betont Schaffer. Anfang Mai soll der Gemeinderat über die Benutzungsordnung entscheiden. Doch in dem Gremium gibt es konträre Meinungen zu diesem Lösungsweg. Der Ausgang ist offen.

Was sagen Nutzer des Bürgerhauses?

Nick Schuppert ist frustriert. Der Walkersbacher ist seit zwölf Jahren Vorsitzender des Bauerntheaters. Alle zwei Jahre studieren rund zehn Mitglieder ein selbst geschriebenes Stück ein, das sich mit Themen aus dem Dorfleben beschäftigt. Schuppert fürchtet um den Fortbestand seines Theaters. „Wenn es in der Verordnung heißt, dass wir den Saal um 22 Uhr leer haben müssen, dann hat es für mich keinen Sinn mehr“, sagt Schuppert. Der Gemeinde habe er bereits einen konstruktiven Vorschlag gemacht: Die Theaterbesucher könnten ausschließlich auf dem Parkplatz unterhalb des Bürgerhauses parken. An der Straße vor dem Haus des Nachbarn könnten die Schauspieler ihre Autos abstellen und diese über Nacht stehen lassen: „So entsteht kein direkter Lärm.“ Doch bei der Verwaltung werde er nicht gehört, seit Wochen würde das Theater auf seine Schankerlaubnis warten. „Ich bin es leid.“ Das Vereinsleben sei durch den Zwist stark gestört. Der Musikverein hat drei Feste abgesagt. Schuppert: „Es macht keinen Spaß mehr.“

Was sagt die Ortswartin?

Keinen Spaß hat auch die Walkersbacher Ortswartin und Gemeinderätin der Freien Wähler Gerda Rost. Die Situation sei völlig verfahren. Anfangs habe sie noch mit dem neuen Nachbarn das Gespräch gesucht. Aber inzwischen steht für sie fest: „Das ist unverhältnismäßig, wie der reagiert.“ Selbst bei Kleinigkeiten würde sich der Mann sofort wehren, die Polizei holen, Briefe schreiben oder wutentbrannt bei Veranstaltungen auftauchen. „Lauter solche Dinge bringen den Ort gegen ihn auf“, sagt Rost. Sie glaubt nicht, dass mit der neuen Benutzungsordnung Frieden in Walkersbach einkehrt. Der Frust sitzt tief.